Das sagen Freunde und Weggefährten

Germanwings-Absturz: Trauer um Stefan K. (38) aus Gauting

München - Unter den Opfern des Germanwings-Absturzes in Südfrankreich befinden sich auch zwei Menschen aus Oberbayern. Einer davon ist Stefan K. aus Gauting im Landkreis Starnberg.

Update vom 31. März 2015: Eine Woche nach dem Absturz der Germanwings-Maschine ist der zweite Flugschreiber immer noch nicht aufgetaucht. Derweil hat die Staatsanwaltschaft neue Details zum Co-Piloten veröffentlicht. Verfolgen Sie die weiteren Entwicklungen in unserem Ticker.

Update vom 30. März 2015: Auch sechs Tage nach dem Absturz ist die zweite Blackbox der Unglücksmaschine noch immer nicht gefunden worden. Für die französischen Gendarmen, die die Gebirgsregion bei Seyne-les-Alpes absuchen, ist das aber nicht überraschend. Verfolgen Sie die weiteren Entwicklungen zur Germanwings-Katastrophe in unserem Ticker.

Update vom 26. März 2015: Zwei Tage nach dem Germanwings-Unglück in den französischen Alpen ist der Stimmenrekorder teilweise ausgewertet. Dabei kamen erste Details ans Licht. Alle wichtigen neuen Informationen erfahren Sie in unserem Ticker.

Er hatte in seinem Leben noch vieles vor. Vor zweieinhalb Jahren kaufte sich Stefan K. in Gauting im Kreis Starnberg eine Doppelhaushälfte. Am Dienstag fand der 38-Jährige in den französischen Alpen den Tod. Stefan K. ist eines der 150 Opfer, die der Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine forderte. Er ist einer von zwei Oberbayern, die laut dem bayerischen Innenministerium bei dem Unglück starben.

Ganz Gauting, die Freunde von Stefan K., die Familie, die Nachbarn, sie alles stehen unter Schock. Genau wie sein ehemaliger Fußballverein. „Wir sind alle total erschüttert“, sagt Thomas Metz, Fußball-Abteilungsleiter des TSV Wolfratshausen, im Gespräch mit der tz. Stefan K. war jahrelang Kapitän der Kicker des TSV Wolfratshausen, zudem Schriftführer und Jugendtrainer. „Man denkt immer, dass so etwas nur anderen passiert“, sagt Thomas Metz. Ein Nachbar von Stefan K. sagt: „Sein Tod trifft uns schwer. Wir waren zusammen auf der Wiesn, haben uns Spiele des FC Bayern angeschaut und uns geschätzt. Er war ein sehr geselliger Mensch.“

Auch am Tag eins nach dem Absturz trauert Deutschland. Im nordrhein-westfälischen Haltern ist in diesen Stunden an Unterricht nicht zu denken. Schüler, Eltern und Lehrer des Joseph-König-Gymnasiums beklagen ihre 18 Toten, die beim Flug 4U 9525 ums Leben kamen. Auf den Stufen vor der Schule flackern unzählige Kerzen. Die Schüler sind heute nicht zum Lernen gekommen, sondern um Blumen niederzulegen, um das Unfassbare irgendwie zu verarbeiten.

Die beschauliche Stadt am Übergang von Ruhrgebiet zu Münsterland ist zu einem Ort geworden, bei dem der Flugzeugabsturz über den französischen Alpen besonders tiefe Wunden in die Gemeinde gerissen hat. 16 Schüler und zwei Lehrerinnen kehrten von einer achttägigen Austauschreise nach Spanien nicht mehr zurück. Es hört sich wie eine ganz üble Laune des Schicksals an, aber die Schüler sind für die verhängnisvolle Spanien-Reise ausgelost worden. Weil es für die Teilnahme an dem Trip in die Nähe von Barcelona mehr Bewerber gegeben habe als Plätze, sei das Los auf die nun ums Leben gekommenen Mädchen und Jungen gefallen, sagte eine Sprecherin der Bezirksregierung. Sie berief sich dabei auf den Schulleiter des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern am See.

Eine Schülerin hätte nach Informationen der spanischen Zeitung „El País“ die Unglücksmaschine beinahe verpasst. Wie das Blatt berichtet, hatte das Mädchen seinen Ausweis bei der Familie vergessen, bei der es untergebracht war. Die spanischen Gastgeber seien daraufhin mit dem Auto losgefahren und hätten das Dokument noch gerade rechtzeitig zum Flughafen gebracht. Mindestens einer der Schüler soll über die Nachrückliste zu der Reisegruppe dazugestoßen sein. Nach Informationen der „Halterner Zeitung“ hatten sich 40 Jugendliche für die Reise beworben – 14 Schülerinnen und zwei Schüler seien ausgewählt worden.

„Es ist eine große Traurigkeit in der Stadt, die Schüler sind sehr betroffen und schweigsam“, sagt Polizeisprecherin Ramona Hörst. Schon kurz nach Bekanntwerden des schrecklichen Unglücks hat sich die Nachricht wie eine lähmende Decke über das Städtchen gelegt. Die Fassungslosigkeit weicht auch am Tag danach nicht. „Jeder zweite, an dem man vorbeikommt, weint. Die Stadt ist klein, alle wissen Bescheid und können es nicht begreifen“, sagt Laura Jungblut, 22. Sie arbeitet ganz in der Nähe der Schule, kommt jeden Morgen am Gymnasium vorbei. Heute ist alles anders.

Auch für Karin Keysselitz, 45: „Das ist ganz unfassbar. Von jetzt auf gleich sind die Kinder nicht mehr da. Und die Lehrerinnen auch nicht“, sagt die Frau, die selbst Mutter eines Schülers des Joseph-König-Gymnasiums ist. „Wenn man sonst von solchen Unglücken hört, ist das so weit weg. Jetzt ist es hier in unserem Haltern.“

Wie vielen seiner Mitschüler sei es auch ihrem Sohn wichtig gewesen, an diesem Tag in der Schule zu sein. Reden, das sei jetzt wichtig. Sie selbst will mit einer Freundin weiße Tulpen niederlegen. Die Schule soll an diesem Tag zu einem Ort des Gespräches werden. Seelsorgerteams sind da. Am Vormittag treten immer wieder schweigend Schülergruppen vor die Schule, lassen das Lichtermeer für ihre Mitschüler und Lehrerinnen auf den Stufen wachsen, fassungslos über die Lücke in ihrer Mitte. Vor der Schule steht ein Schild, das die Gymnasiasten gemalt haben. Darauf steht: „Gestern waren wir viele, heute sind wir allein.“

Zur gleichen Zeit donnern Hubschrauber über Seyne-les-Alpes. Von dem kleinen Bergdorf aus fliegen sie zur Absturzstelle der Germanwings-Maschine in den französischen Hochalpen. „Ich bin oft zum Jagen dort oben“, sagt der pensionierte Feuerwehrmann Louis Boisson und blickt in die Richtung der schneebedeckten Bergkette. „Das ist ja nicht nur für uns eine Tragödie“, sagt er, „sondern für die ganze Welt.“

Alle 150 Menschen an Bord sind bei dem Absturz ums Leben gekommen, unter ihnen 72 Deutsche. Es ist einer der schwersten Unfälle in der deutschen Luftfahrtgeschichte. Der Felsen im Massiv des Tête de l’Estrop an dem der Airbus A320 der Lufthansa-Tochter zerschellte, liegt nur 15 Kilometer von der Gemeinde Seyne-les-Alpes entfernt. Zahllose Trümmerteile liegen in den Felsen. Auf einem Video scheint sogar ein Teil des Germanwings-Logos erkennbar zu sein.

Der Zugang ist extrem schwierig. Das Gelände ist unwegsam. „Wir sind hier im Hochgebirge“, sagt Polizeichef David Galtier über den Unfallort. Er koordiniert die mehr als 500 Einsatzkräfte. Die Helfer arbeiten oben am Berg unermüdlich. Noch mit umgeschnalltem Klettergurt und in Hochgebirgsausrüstung kehrten am Vormittag fünf Gendarmen wieder ins Tal zurück, die bei frostigen Temperaturen die Nacht an der Unfallstelle verbracht und sie abgesichert hatten. Die Anspannung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Über den Einsatz reden wollen sie nicht.

Angehörige der Opfer werden bereits in dem 1500-Seelen-Ort erwartet. Die Lufthansa will sie heute nach Frankreich fliegen, damit sie vor Ort trauern können. Für sie wurde extra eine Art Kapelle eingerichtet. Wann die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen geborgen werden können, ist unklar. Unklar ist auch, wo sie aufgebahrt werden.

„Auf eine solche Katastrophe sind wir nicht vorbereitet“, sagt Fanette Borel von der Gemeindeverwaltung, „aber wie könnte man sich auch darauf vorbereiten!“ Viele Bewohner in der dünn besiedelten Region haben sofort Hilfe angeboten. Ghislaine Payanne ist aus dem Nachbardorf Selonnet gekommen: „Ich habe in der Verwaltung angeboten, zwei Familien von Angehörigen aufzunehmen. Wir möchten gerne den verzweifelten Menschen beistehen, die jetzt aus Deutschland an diesen Ort der Tragöde kommen.“

Die ganze Gemeinde steht unter Schock. Auf den Straßen gibt es kein anderes Thema. Die Flugzeugkatastrophe hat Seyne-les-Alpes von einem Moment zum anderen aus seiner stillen Beschaulichkeit gerissen. Polizisten fahren auf Motorrädern durch die engen Straßen. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy und der französische Staatspräsident François Hollande besuchen den Ort.

Die Opfer des verunglückten Germanwings-Flugs sollen in der Unfallregion schon bald ein Denkmal bekommen. Der Bürgermeister des angrenzenden Orts Le Vernet hat vorgeschlagen, zwischen Le Vernet und Seyne-les-Alpes ein Monument zu Ehren der Opfer aufzustellen. Das macht die Toten nicht lebendig, aber vielleicht macht es die Trauer ein kleines bisschen erträglicher.

J. Heininger, S. Dobel, P. Zschunke und F. Dame

Rubriklistenbild: © AFP

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