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Ihr Rückzugsort ist der Ammersee: Vatikan-Journalistin Crista Kramer von Reisswitz.

Vatikan-Expertin Crista Kramer von Reisswitz

Die Journalistin und ihre Päpste

Stegen am Ammersee - Crista Kramer von Reisswitz ist seit 1982 Vatikan-Korrespondentin. Gerade arbeitet sie an einem Kinofilm über Benedikt XVI.

Als Crista Kramer von Reisswitz ein Mädel war, hat sie zu ihrem Vater gesagt: „Wenn ich mal groß bin, dann will ich Spionin werden.“ Man kann es vorweg nehmen, daraus wurde nichts. Aber sie hat die Spionin nur haarscharf verfehlt: Crista Kramer von Reisswitz wurde Vatikan-Korrespondentin. Papst-Expertin. Ein ähnlich sagenumwobener Beruf.

Im Zwiegespräch mit dem damaligen Papst:  Crista Kramer von Reisswitz  und  Johannes Paul II.

Seit 1982 berichtet sie aus Rom. Sie war eine der ersten drei Frauen, die im Papst-Flugzeug mitreisen durften. Crista Kramer von Reisswitz hat sie alle erlebt: Johannes Paul II., Benedikt XVI., Franziskus. Gleich auf einer der ersten Reisen, es ging nach Kanada, hat ihr Papst Johannes Paul II. im Flugzeug die Hand auf die Schulter gelegt. Crista Kramer von Reisswitz war damals frisch im Geschäft und auch ein bisserl nervös. „Heiliger Vater, ich wollte nur sagen, dass es eine große Ehre ist hier mitzufliegen.“ Das sagt sie damals dem Papst, als er vor ihr steht. Johannes Paul II. fragt auf Deutsch: „Hast Du Angst?“

„Nein“, sagt die Journalistin.

„Brauchst auch keine Angst zu haben“, sagt der Papst.

Ein magischer Moment. So hat sie angefangen, die Geschichte von Crista und ihren Päpsten. Bis heute ist sie ihnen treu geblieben. Die ehrwürdigen Männer mit ihren weißen Soutanen sind das große Thema dieser Frau. Vor ein paar Monaten erst hat sie das Buch „Macht und Ohnmacht im Vatikan: Papst Franziskus und seine Gegner“ (Orell Füssli, 232 Seiten; 19,95 Euro) veröffentlicht. Auch das nächste Vatikan-Projekt, erzählt sie, steht schon in den Startlöchern: ein Film über Benedikt XVI.

Die gesammelten Vatikan-Presseausweise von Crista Kramer von Reisswitz.

Hinter dem ehrgeizigen Projekt steckt Peter Weckert, der ehemalige RTL-Fernsehfilm- und Serienchef. Es soll ein millionenschwerer Kinofilm über den bayerischen Papst werden. Er dürfe noch nichts verraten, alles streng geheim, sagt Weckert – aber schon bald gehe es los. Man sei sich bereits mit einer bekannten Münchner Filmproduktionsfirma einig. Crista Kramer von Reisswitz soll das Filmteam beraten und ihre Kontakte in Rom spielen lassen.

Zukunftsmusik, aufregende Zukunftsmusik. Gerade sitzt die fließend Italienisch sprechende Vatikan-Expertin im Biergarten in Stegen (Landkreis Starnberg), man sieht das Ufer, ihr geliebter Ammersee ist nur einen Steinwurf entfernt. Hier ist sie daheim. Sie trinkt einen Schluck Bier und fängt an, eine Papst-Anekdote nach der anderen zu erzählen. Wer an mal vergnüglichen, mal bewegenden Anekdoten aus dem Herzen des Vatikan interessiert ist, der kommt an der rastlosen Frau, die abwechselnd am Ammersee, im Altmühltal und Rom lebt, nicht vorbei. Einmal haben ihr die Schweizer Gardisten ein streng gehütetes Geheimnis verraten: Papst Benedikt XVI. kann es regnen lassen.

Zumindest hatten die Gardisten irgendwann den Eindruck, denn fast jedes Mal, wenn er als Papst den Vatikanstaat für einen Ausflug nach Rom oder innerhalb Italiens verlassen hat, hat es über kurz oder lang angefangen zu schütten. „Außer in Afrika“, haben ihr die Gardisten lachend erzählt, „da hat er es nie regnen lassen.“ Lupenreiner Vatikan-Humor, durchaus lustig.

Auch Crista Kramer von Reisswitz muss lachen, als sie von Benedikt, dem „Wettermacher“, erzählt. Alles natürlich nicht allzu ernst gemeint. Die Journalistin, die Anfang der Siebzigerjahre beim „Münchner Merkur“ volontierte, hat allergrößten Respekt vor dem im Februar 2013 emeritierten Papst. Schon seit ihren Anfangsjahren in Rom hat die Journalistin, die alles andere als schüchtern ist, eine „heilige Scheu“ vor Ratzinger empfunden. So erzählt sie es. „Deswegen habe ich ihn nie selbst interviewt.“ Alle anderen Eminenzen und Exzellenzen schon, Ratzinger nicht.

Selbst eine einmalige Chance lässt sie verstreichen. Sie will bei glühender Sommerhitze von Rom aus heim nach Bayern fliegen, dabei betritt sie das Flugzeug als letzter Passagier. In der überfüllten Touristenklasse, inmitten von Rucksack-Touristen ist nur noch ein einziger Platz frei: Es ist der neben Joseph Ratzinger. Der damalige Präfekt der römischen Glaubenskongregation fliegt zufällig zur gleichen Stunde nach München. Sie begrüßen sich, dann entschuldigt sich die Journalistin. Sie habe, sagt sie, sich den Platz nicht ausgesucht. Der große Theologe antwortet: „Das nennt sich göttliche Vorsehung.“ Sie schlägt vor, den Platz mit dem Kardinal Augustinus Mayer zu tauschen, der ein paar Reihen entfernt sitzt. Ratzinger willigt freudig ein. „Dann haben wir getauscht“, erzählt sie, „das hat er mir nie vergessen“.

Crista Kramer von Reisswitz war mit ihren Päpsten überall auf der Welt. In Prag, nur wenige Tage nach dem Umbruch. In Osttimor, zweimal in Fatima, bei Mutter Teresa in Kalkutta. Bei den Reisen lacht sie und weint sie. Besonders nah geht ihr der Papst-Besuch in Loreto, Italien. Es ist die letzte Reise des gebrechlichen Johannes Paul II. Er kann schon nicht mehr sprechen. Ein Mädel soll an dem Marienwallfahrtsort zur Begrüßung ein paar Worte an den Papst richten, aber vor Aufregung kriegt sie kein Wort raus. „Da hat Johannes Paul II. einen Lachkrampf bekommen“, erzählt Crista Kramer von Reisswitz. Zwei, die reden wollen, aber nicht können. „Da“, sagt sie, „hatte ich Tränen in den Augen“.

Sind wir ehrlich: Zur Spionin taugt so jemand nicht. Alles richtig gemacht bei der Berufswahl.

Stefan Sessler

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