Christoph Kammerlander ist Chef der Perchtinger Burschenschaft. Foto: fkn

Bürokratie - schleichender Tod der Mai- und Stadlfeste

Perchting - Die Zahl der Traditionsfeste nimmt ab. Verschärfte Auflagen durch die zuständigen Behörden sind der schleichende Tod der Mai- und Stadlfeste.

Vor dem 1. Mai herrscht vielerorts Ausnahmezustand: Burschenschaften, Landjugenden und Sportvereine legen sich ins Zeug, um Dorfbewohnern und Gästen einiges zu bieten. Doch die Auflagen nehmen Dimensionen an, die Organisatoren verzweifeln lassen. Christoph Kammerlander (24), seit sechs Jahren Oberbursch in Perchting, warnt im Gespräch mit dem Starnberger Merkur vor den Folgen wachsender Bürokratie.

Merkur: Im Vergleich zu früher gibt es viel weniger Feste in unseren Dörfen. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Kammerlander: Früher war der Ablauf nicht so streng reguliert, die Organisatoren hatten freie Hand. Da hat es Spaß gemacht, Feste vorzubereiten. Ich kann verstehen, wenn niemand mehr die Verantwortung übernehmen will. Aufwand und Ertrag stehen in keinem vernünftigen Verhältnis mehr. Die Bürokratie-Last ist erdrückend. Sie ist eine riesige Belastung für Ehrenamtliche! Jedes Jahr werden die Anforderungen von Stadtverwaltung und Landratsamt mehr.

Merkur: Ein paar Beispiele?

Kammerlander: Regeln sind ja okay. Aber allein fürs Stadlfest brauchen wir jedes Mal aufs Neue Architektenpläne: Wie groß ist der Abstand zwischen den Bierbänken? Wie sind Sitzmöglichkeiten, Parkplätze und Schänken verteilt? Wo befindet sich der Klowagen? Dazu kommt eine Auflistung der Sicherheitskräfte samt Herkunft und Telefonnummern, Verträge mit der Gema und die Zelt-Abnahme durch den TÜV. Jetzt sollen auch noch Anbauzelte zwölf Meter vom Stadl entfernt stehen! Auch andere Vereine sind stinksauer.

Merkur: Wie stemmen Sie diesen Aufwand?

Kammerlander: Er ist mit Stress und Ärger verbunden. Ich arbeite, studiere, spiele Fußball - da fragt man sich als Oberbursch: Macht das alles Sinn? Die Politik will das Ehrenamt retten, aber die Stadt legt uns Steine in den Weg. Wir Perchtinger, die Friedinger, die Hadorfer opfern unsere Freizeit, um das Dorfleben zu bereichern und Traditionen zu bewahren. Aber von den Behörden kommt nichts zurück. Kein gutes Wort, keinerlei Unterstützung.

Merkur: Was sagt die Stadt dazu?

Kammerlander: Voriges Jahr hatte ich um ein Treffen aller Burschen-Vorstände samt Bürgermeister gebeten und mir dafür einen halben Tag Urlaub genommen. Für die Katz. Vom Ordnungsamt und der Polizei wurden mir nur neue Regeln und Vorschriften um die Ohren gehauen, Bürgermeister und andere Vereine waren gar nicht geladen.

Merkur: Warum halten Sie selbst den Kopf noch hin?

Kammerlander: Das Vereinsleben in einem Dorf wie Perchting ist wichtig. Es zeichnet eine Gemeinschaft und einen Ort aus, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.

Merkur: Der Zulauf bei Mai- und Stadlfesten sowie Kirchweihfeiern ist groß. Lohnt es sich zumindest finanziell?

Kammerlander: Es geht bei uns nicht um Gewinn-Erwirtschaftung, vor allem ideelle Aspekte stehen im Vordergrund. 2012 hatten wir Steuerzahlungen von gut 10 000 Euro. Bei einem Stadlfest-Umsatz von 35 000 Euro bleiben dann abzüglich Fixkosten für Genehmigungsgebühren, Sicherheitsdienst, Sanitär, Bier, Musik etc. mit Glück 5000 Euro. Das ist der Grundstock für die nächste Maifest-Organisation.

Merkur: Auch Mitarbeiter von Stadtverwaltung und Landratsamt werden am 1. Mai mit Bier und Brotzeit unterm Maibaum sitzen. Welche Botschaft würden sie den Behörden gerne vermitteln?

Kammerlander: Ganz einfach: Ich würde sie bitten, einen Blick über das Fest streifen zu lassen und dann die Frage stellen, ob sie den 1. Mai in den kommenden Jahren lieber zu Hause oder weiterhin auf Maifesten im Landkreis verbringen möchten. Sollten sie sich für letzteres entscheiden, würde ich auf eine deutliche Bürokratie-Erleichterung drängen - sowohl für Mai- als auch für Stadlfeste. Denn ohne ein Entgegenkommen der Behörden wird es über kurz oder lang wohl beides nicht mehr geben.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare