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Wildschweine machen Landwirten im Landkreis Starnberg Sorgen. Die Kreisjägerschaft will durch gezielte Datenauswertung den Ursachen auf den Grund gehen.

Schwarzwild-Bekämpfung

Mathematik gegen die schlaue Sau

Mit einer einfachen Formel will die Kreisjägerschaft in Zusammenarbeit mit Landratsamt und Landwirten der Wildschwein-Massen Herr werden. Wie viele Schwarzkittel es gibt, weiß niemand – bekannt ist, wo sie hohe Schäden anrichten und wo sie gut bejagt werden.

Landkreis – Es gibt viele Wildschweine im Kreis, aber von einer Plage will Hartwig Görtler, Vorsitzender der Kreisjägerschaft, nicht sprechen. Die Klagen von Landwirten über hohe Schäden durch die Schweine nimmt die Jägerschaft ernst, ebenso wie die Furcht vor der Afrikanischen Schweinepest. Görtler und seine Kollegen haben nun ein Projekt gestartet und wollen es mit den Landwirten voranbringen. Im Kern geht es um die Auswertung von Daten aus allen 95 Jagdrevieren, um aufzuzeigen, wo es viele Wildschweine gibt, wo nicht und wo es Handlungsbedarf gibt. Der könne, sagt der Jäger-Chef, auf Seiten der Landwirte liegen, aber auch auf Seiten der Jäger. Erstes Fazit: Pauschale Aussagen für den Kreis sind nicht möglich.

Görtler setzt mit seiner Formel für jedes Revier die Zahl der geschossenen Wildschweine und die Schäden ins Verhältnis. Einbezogen werden die Flächen, wobei der Wald unberücksichtigt bleibt. In dem richten Wildschweine keine Schäden an, sondern vor allem auf landwirtschaftlichen Flächen. Sondergebiete wie Golfplätze bleiben außen vor. „Das Kennzahlensystem zeigt an, wie viele Wildschweine pro Hektar Acker- und Wiesenfläche geschossen wurden und stellt dieser Zahl eine Kennzahl zur Schadenshöhe gegenüber“, beschreibt Görtler die Formel. Daraus ergibt sich dann eine Tabelle, in der eines erkennbar ist: Wo gibt es trotz vieler Abschüsse hohe Schäden? Und wo nicht? Die Jagdreviere mit Auffälligkeiten sollen dann vor Ort begutachtet werden.

Hohe Schäden können viele Gründe haben

Die Ursache für hohe Schäden durch viele Schweine können vielfältig sein. Es könne an den Jägern liegen – etwa, weil die zu wenig jagen, eine ungeeignete Jagdstrategie anwenden oder nicht kirren. Kirrung bedeutet, dass Jäger Mais im Boden vergraben und so Schweine anlocken. Denkbar ist, dass die Landwirte als Flächeneigentümer mehr tun könnten – beispielsweise Mais nicht bis an den Waldrand anzubauen, weil die Jäger sonst keine Möglichkeit zum Schuss haben und die Sauen sich gut verstecken können.

Hartwig Görtler.

Ihr Kennzahlenmodell haben die Jäger mit dem Landratsamt als Untere Jagdbehörde abgestimmt und es auch schon den Landwirten um Bauernobmann Georg Zankl vorgestellt. Zwar fehlen noch Daten, doch zeigen sich erste Ergebnisse. Etwa, dass der östliche Landkreis (Wangen, Berg, etc.) kein Schweineproblem hat, weil es nur wenige zu geben scheint – die Abschusszahlen sind gering, die Schäden auch. Wie viele Wildschweine es in einem Bereich tatsächlich gibt, weiß niemand, und man kann es anders als bei Rehen gar nicht ermitteln. Wildschweinrotten, die je nach Jahreszeit aus fünf bis zehn oder auch 30 bis 40 Tieren bestehen können, wandern in der Regel auf einem Gebiet von etwa 600 Hektar umher. Und: Wildschweine sind schlau, merken sich gefährliche Stellen und tricksen die Jäger nicht selten aus. Das ist auch ein Grund für Görtler und seinen Stellvertreter Markus Ortner, die einzelnen Reviere zu begutachten: Wird in einem wenig geschossen, erkennen die Sauen schnell, dass sie dieses Gebiet als Rückzugsraum nutzen können. Viele Schweine-Probleme gibt es hingegen im Nordwesten des Landkreises, dort sind auch die Abschusszahlen in der Regel am höchsten. Die ersten Daten zeigen: Ein Drittel der Reviere hat keine Schwarzwild-Problem, ein weiteres liegt im Soll – und das dritte hat Nachholbedarf.

Erst die Hälfte der Daten liegt vor

Jäger und Landratsamt rufen nun alle Jagdpächter und Landwirte auf, die nötigen Daten zu melden, also Abschusszahlen, Schäden und dergleichen. Die Kreisbehörde wird diese in den kommenden Wochen schriftlich anfordern. Die Daten sollen drei- bis viermal pro Jahr aktualisiert werden, um Veränderungen schnell zu erkennen. Eine noch einzurichtende Arbeitsgruppe aus Jägern, Behörden, Landwirten und auch dem Staatsforst soll die Ergebnisse prüfen und Handlungsempfehlungen geben. Dass der Vorstoß von der Kreisjägerschaft komme, sei unerheblich, sagt Görtler. Er will die teils sehr emotionale Diskussion auf eine sachliche Ebene holen. Im Dezember waren alle Reviere von Sabine Redlich, Teamleiterin in der Unteren Jagdbehörde, um die Daten gebeten worden – nur die Hälfte hat geliefert. Das Fehlen der Daten zeigt, meint der Vorsitzende der Jägerschaft, dass „nicht nur bei den Landwirten, sondern auch bei den Jägern noch nicht alle begriffen haben, dass eine offene und dauerhafte Zusammenarbeit nötig ist, um Resultate zu erzielen“.

Bauern-Obmann Georg Zankl hatte vor wenigen Wochen scharfe Maßnahmen gegen Wildschweine gefordert, unter anderem die Freigabe von Nachtzielgeräten und Saufänge. Ersteres ist laut Waffenrecht verboten, zweiteres für das Landratsamt nach Aussage von Ralf Purkart, Fachbereichsleiter für die Jagd, Waffen und dergleichen im Landratsamt, nur das allerletzte Mittel. Auch Görtler hält von beiden nicht viel. „Man kann mit einfachen Mitteln schon viel erreichen“, ist er überzeugt.

Die Landwirte hätten sich ein solches System früher gewünscht. „Wir sind dafür, da brauchen wir nicht drüber reden“, sagt Zankl. Fünf bis zehn Jahre früher wäre das nötig gewesen, den der Bauernverband hatte schon 2013 etwas ähnliches angeschoben. Der Bauern-Obmann ist sich sicher, dass die Landwirte mitmachen und die nötigen Daten liefern.

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