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Auf der Herrschinger Seepromenade strampelten Kinder hüfttief im Wasser durch die Fluten.

Es hörte nicht auf, zu regnen

Pfingsthochwasser 1999: Land unter im Landkreis Starnberg

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Die Katastrophe begann am 21. Mai 1999: An diesem Freitag vor Pfingsten hörte es einfach nicht auf zu regnen. Die ersten Bäche wurden zu reißenden Flüssen. Die Feuerwehren aus dem Landkreis und darüber hinaus mussten innerhalb von 72 Stunden zu mehr als 500 Einsätzen ausrücken. Jetzt jährt sich das Hochwasserereignis zum 20. Mal. Im Starnberger Merkur erinnert sich der damalige Kreisbrandrat Josef Loder aus Buch an die Tage.

Landkreis – Josef Loder hatte es schon fast vergessen, das Pfingsthochwasser 1999. Der Bucher war damals Kreisbrandrat und zuständig für die Einsätze im ganzen Landkreis. Er kann sich erinnern, dass er in den Tagen im Mai vor 20 Jahren mit ziemlich wenig Schlaf auskommen musste. Und bei weiterem Nachdenken hat er auch die Bilder wieder vor Augen, von der „Lagunenstadt Traubing“ oder vom Sandsackwall beim Schreyegg in Stegen. Der Wasserspiegel war von der Seeseite aus bis zur Oberkante gestiegen.

Vom 21. bis 24. Mai 1999 herrschten katastrophale Zustände im gesamten Landkreis. Loder vergleicht es mit dem Schneeeinbruch in den Bergen Anfang dieses Jahres. „Von überall haben wir Hilfe bekommen. Die Hilfsbereitschaft war phänomenal – untereinander, privat und bei den Hilfsorganisationen.“ Loder war damals 43 Jahre alt.

Die ersten Einsätze gab es in Tutzing. Dutzende Keller standen unter Wasser. Und schließlich wurde Traubing vom überlaufenden Schwarzen Graben überflutet. „Das war wie in Venedig“, sagt Loder. Damals habe es noch die beiden Kiesgruben des Starnberger Bauunternehmers Groll gegeben. „Dahin hat sich das Wasser seinen Weg gebahnt“, erzählt der frühere Kreisbrandrat. „Wenn das nicht passiert wäre, wäre Starnberg wahrscheinlich abgesoffen.“ Denn der Georgenbach in der Kreisstadt war ebenfalls randvoll, dort wäre kein Wasser mehr abgeflossen. „Die Kreuzung am Tutzinger-Hof-Platz war schon ein See.“ Dann kamen die Einsätze im Würmtal dazu. „Eine ganz eigene Baustelle“, sagt Loder im Rückblick. Ganze Grundstücke wurden in Krailling, Stockdorf und Gauting überschwemmt.

Loder erlebte zum ersten Mal, wie unterschiedlich sich Hochwasser auswirken kann – „dynamisch an den Bächen, ganz anders als am See“. Vor allem der Starnberger See, der ohne Zufluss eher träge ist, dafür lange den Pegel hält. Im Vergleich dazu gibt es den Ammersee, der durch die Ammer gespeist wird und bei dem das Wasser durch die Amper wieder abläuft. Beim Pfingsthochwasser 1999 kam mehr Wasser rein als abfließen konnte. „Wir haben ständig den Hochwassernachrichtendienst verfolgt. Man konnte ausrechnen, um wie viel Zentimeter das Wasser steigt.“

In Stegen wurde am Pfingstmontag mit einem Pegel von 534,88 der höchste Stand seit 60 Jahren angezeigt, knapp zwei Meter über dem durchschnittlichen Wasserstand und ein paar Zentimeter über dem Juni-Hochwasser 1965. In Herrsching stieg der Pegel pro Stunde um fünf Zentimeter. Das größte Problem dort sei die Schindlbeck-Klinik gewesen. Alle Gebäude in erster Reihe zum See waren ohnehin nur noch per Boot zu erreichen – auch das Kurparkschlösschen.

„Und dann kam ein Mensch mit dem Namen Metzner“, erinnert sich der Einsatzleiter von damals. Reinhold Metzner lebte in Widdersberg und war Vertreter für Schmutzwasserpumpen. Gemeinsam mit der Feuerwehr hatte er seine Pumpen für das Hochwasser modifiziert, sodass auch größere Steine beim Abpumpen kein Problem mehr waren. „Ein Glücksfall“, erinnert sich Loder. „Unsere Pumpen hätten das nicht geschafft.“

„Es wurde permanent gepumpt“, erinnert sich Loder und staunt noch immer, wie viel er und sein Team in der kurzen Zeit dazugelernt hatten. Nicht nur über die Pumpen, auch über die Örtlichkeiten. Denn alle hatten sich gewundert, dass das Wasser in Stegen nicht weniger wurde, obwohl immerzu gepumpt wurde. „Bis wir feststellten, dass gar kein Wasser abfließen konnte, weil von der anderen Seite der Autobahn das vollgelaufene Ampermoos durch Durchlässe unter der Fahrbahn nach Stegen reindrückte.“ Taucher der Wasserwacht in Starnberg haben die Durchlässe erst abdichten müssen.

Mehr als 2000 ehrenamtliche Helfer aus dem Landkreis, aus München, Dachau, Pullach und von weiter weg waren in den Tagen um Pfingsten im Fünfseenland im Einsatz. Mehr als 500 Einsätze wurden in 72 Stunden gezählt, 60 000 Sandsäcke von Hand gefüllt und verteilt. Die Aufräumarbeiten nicht mitgezählt. „Eigentlich haben wir bei der Polizei in Starnberg gewohnt“, sagt Loder. Dort war die Einsatzzentrale eingerichtet. Von der Zusammenarbeit damals schwärmt Loder bis heute. Ganz anders als über das, was am Pfingstsonntag einsetzte, als alle Helfer noch rund um die Uhr beschäftigt waren: der Hochwassertourismus.

„Heute wäre die Einsatzleitung einfacher“, weiß Loder. Er war damals und ist auch heute noch im Vermessungsamt in Starnberg beschäftigt. Seine Dienststelle hat nach dem Hochwasser gemeinsam mit Studenten der Bundeswehr-Hochschule ein Geo-Informations-System (GIS) für Hochwasserszenarien entwickelt – das erste seiner Art. Heute ist es ein fast alltägliches Werkzeug, auf das zum Beispiel auch jedes Bauamt zurückgreift. 2003 wurde das erste Vorhersage-Programm für Herrsching und Traubing vorgestellt. Mit dem GIS sind Überflutungsflächen heute schnell ausgerechnet – anhand des Pegelstandes der Ammer etwa kann genau berechnet werden, wie hoch der Pegel des Ammersees in den nächsten Stunden steigt und wohin sich das Wasser seinen Weg bahnt.

Auch aktuell regnet es teilweise extrem in Bayern: Die aktuelle Lage rund um Regenfälle, Hochwasser und Überschwemungen gibt es im News-Ticker.

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