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Genau aufs Geld achten müssen im Landkreis Starnberg immer mehr Rentner. Altersarmut ist auch im wohlhabenden Fünfseenland ein Thema.

Altersarmut

106 Prozent mehr in nur elf Jahren

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Landkreis - Altersarmut ist ein Thema – auch im wohlhabenden Kreis Starnberg. Die jüngsten Zahlen geben Anlass zur Sorge, und die Tafel spürt’s auch.

Die Botschaft war deutlich: „Die Altersarmut wird mehr“, sagte Friedrich Büttner. Der Sozialamtsleiter des Landkreises berichtete dem zuständigen Ausschuss am Mittwoch, dass die Lage diesbezüglich zwischen Ammersee und Starnberger See zwar noch nicht dramatisch sei, aber zumindest zu Sorge Anlass gebe. In Zahlen: Ende des Jahres 2004 erhielten 315 Landkreisbürger Leistungen zur Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. 

Innerhalb von elf Jahren habe sich die Zahl der Bezieher um 106 Prozent auf 649 Personen erhöht – davon waren 493 Menschen 65 Jahre und älter. Insgesamt bezogen damit 1,62 Prozent (Vorjahr 1,56 Prozent) der Altersgruppe Ü65 im Landkreis Sozialhilfe. Weil Frauen im Schnitt nicht so lange arbeiten wie Männer und somit weniger Rente beziehen, sind sie überdurchschnittlich betroffen. 58,7 Prozent der Bezieher von Grundsicherungsleistungen im Rentenalter sind weiblich. Das sind 290 Bürgerinnen. 1,72 Prozent der weiblichen Bevölkerung im Landkreis im Alter von 65 Jahren und älter erhalten demnach Sozialhilfe. Bei den Männern sind es 1,51 Prozent. 

Tanja Unbehaun von der Starnberger Tafel spürt den Zuwachs an Altersarmut.

Natürlich kostet dieser spürbare Anstieg an Altersarmut die zuständigen Behörden bares Geld. Für Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung musste der Landkreis im Jahr 2004 noch rund 1,5 Millionen Euro bezahlen. Elf Jahre später, also in jenem Zeitraum, in dem die Quote an betroffenen Personen um mehr als hundert Prozent angestiegen ist, musste der Kreis für diese Menschen bereits 4,24 Millionen Euro berappen. Das entspricht einem Kostenplus von 179 Prozent. „Die seit 2010 eingetretenen überdurchschnittlichen Steigerungen sind hauptsächlich auf die Steigerungen bei den Kosten der Unterkunft, aber auch auf die kontinuierliche Zunahme der Leistungsempfänger zurückzuführen“, berichtet Büttner in seinem Sozialbericht. 

Aber es gibt noch eine Dunkelziffer, denn: Zu den erfassten Personen komme insbesondere bei der Altersgruppe Ü65 die so genannte „verschämte Armut“. Die gesellschaftliche Diskriminierung von Armut und der bürokratische Umgang bewirken, dass viele Benachteiligte auf soziale Rechte verzichten.

Auch die Tafeln im Landkreis spüren diese unschöne Entwicklung. „Die Leute meinen immer, der Landkreis Starnberg ist so reich, da kann es doch keine Armut geben. Aber sie ist da, und weniger wird es sicher nicht.“ Tanja Unbehaun (46) ist operative Leiterin der Starnberger Tafel. Jeden Donnerstag hilft sie bei der evangelischen Kirche tatkräftig mit, den bedürftigen Menschen Nahrungsmittel auszugeben. „Das größte Armutsrisiko haben zwar alleinerziehende Mütter, die plötzlich krank werden, aber ich würde schon sagen, dass etwa 60 bis 70 Prozent der Einheimischen, die zu uns kommen, 65 Jahre und älter sind“, erklärt die Politikwissenschaftlerin. 

Der Hintergrund der Menschen sei vielschichtig. Bei den rund 400 bedürftigen Personen, die jeden Donnerstagmittag („Vor allem am Monatsende, wenn das Geld ausgeht“) vorbeischauen und Lebensmittel abholen, seien auch Akademiker dabei. „Der Grat ist manchmal so schmal, es kann so schnell passieren, dass man in die Armut rutscht“, sagt Tanja Unbehaun. Vor allem Arbeitnehmer, die beispielsweise im Alter von rund 60 Jahren ihren Job verlieren, hätten ein erhöhtes Risiko an Altersarmut. 

Patrick Smith (42), der bei der Tafel Starnberg die Ausweise ausstellt, bestätigt den im Sozialbericht verkündeten spürbaren Anstieg an älteren Menschen: „Es wird mehr. Das merken wir hier auf jeden Fall.“ Von den 160 ausgegebenen Ausweisen sind 46 an Menschen der Generation 65 plus ausgegeben. Tendenz steigend.

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