Militär-Mission im Wald

Hier suchen US-Soldaten nach toten Kameraden

Seefeld - Im Wald zwischen Landstetten und Drößling läuft eine Militäraktion. Mitten im Forst, wo heute Pilze wachsen, suchen US-Soldaten nach Überresten vermisster Kameraden aus dem Zweiten Weltkrieg. Mit Erfolg.

Sargeant First Class Gery Epley leitet die Operation und zeigt Wrackteile eine Flugzeugs.

Es geschieht fast auf den Tag genau vor 68 Jahren: Am 21. Juli 1944 steigt in England ein B-24-Bomber der US-Streitkräfte in die Luft. Auftrag: Der Flughafen Oberpfaffenhofen soll dem Erdboden gleichgemacht werden. Doch der schwerbewaffnete Riesenvogel mit 20 bis 30 Tonnen Gewicht und einer Flügelspannweite von fast 35 Meter wird abgeschossen, „vermutlich von einer deutschen Messerschmidt“, erzählt Gary Epley. Der Sergeant First Class (etwa im Rang eines Hauptfeldwebels) leitet die Suchaktion im Waldstück bei Landstetten und erzählt weiter über besagten Luftkampf des Zweiten Weltkrieges. „Die Besatzung besteht aus neun Personen. Sieben können sich noch in der Luft mit Fallschirmen aus dem brennenden Bomber befreien.“ Zwei der US-Soldaten werden beim Abschuss so schwer verletzt, dass sie mit dem Flugzeug abstürzen. Und genau deren Überreste sollen nun gefunden werden.

Es sei Ethos bei US-Streikräften, die vermissten Kameraden heimzubringen, sagt André Tiburcio. Er hilft privat aus, um die Militäroperation zu unterstützen. „Wir wollen den Kameraden und deren Familien zu Hause ein ordentliches Begräbnis ermöglichen“, sagt Epley. Er leitet das 13-köpfige Team aus Soldaten der US Army, der US Marines und der Royal Air Force, die in einem Münchner Hotel untergebracht sind. Seit 15. Juni graben sie im Wald auf Seefelder Gemeindegebiet - jeden Tag, von 9 bis etwa 16.30 Uhr. Metallteile des Bombers und Knochen habe man schon gehoben. Ob die Funde von Menschen oder Tieren sind, das wird später im Labor in den Staaten untersucht.

Exakt 68 Jahre nach dem Absturz besuchte Seefelds Bürgermeister Wolfram Gum das Team; Pfarrer Roland Böckler sprach einen Segen für die Befreier aus Übersee.

Vieles spricht dafür, dass die Suche erfolgreich ist, denn unter den Fundstücken befindet sich eine Christophorus-Medaille (Schutzpatron der Reisenden in Flugzeugen) mit Aufschrift (sinngemäß): „Sollte ich hier ums Leben kommen, bitte ich um einen Priester.“ Eine aus dem Erdboden gezogene Uhr zeigt 11.47 Uhr.

Seefelds Bürgermeister hat die Relikte schon gesehen und schritt zur Tat. „Ich habe unseren Pfarrer gefragt und bin dem Wunsch nachgekommen“, so Gum. Am vergangenen Samstagvormittag, also exakt 68 Jahre nach dem Absturz, sprach Seefelds Geistlicher Roland Böckler den Segen, und Gum erklärte, dass diese jungen Soldaten Deutschland vom Nazi-Regime befreit haben.

Noch bis Ende Juli schaufelt ein Bagger Erde in einen großen Holzbehälter. Von dort füllen die Einsatzkräfte des Joint Prisoners of War, Missing in Action Accounting Command (JPAC) mit Sitz auf Hawaii Eimer und sieben den Inhalt aus. Und das 50 Minuten lang, dann ist jeweils eine zehnminütige Pause vorgeschrieben, denn es ist allerhöchste Konzentration gefragt bei dieser diffizilen Aufgabe. Immerhin könnte es für die Angehörigen jener beiden Soldaten, deren Namen nicht veröffentlich werden dürfen, endlich so etwas wie Gewissheit geben.

Alles ist akribisch organisiert. Finanziert wird die Aktion von der US-Regierung, deren Stabsstellen zuvor Kontakt zu den deutschen Behörden aufgenommen hatten. „Es ist alles mit den verantwortlichen Ämtern sowie dem Forstbesitzer abgesprochen“, erklärt Epley. 42 Bäume mussten gefällt werden, um am Absturzort des Bombers vernünftig suchen zu können.

Mehr als 70 000 US-Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg gelten noch als vermisst. Das JPAC entsendet fünfmal im Jahr Teams, um auf den Schlachtfeldern von einst nach Überresten zu suchen. „Wir wollen, dass die Bevölkerung weiß, warum wir hier sind“, sagt der Sergeant First Class, der nach ähnlichen Einsätzen in Laos, Kambodscha, Vietnam, Papua Neuguinea und überall dort, wo US-Streitkräfte kämpften, zum ersten Mal in Deutschland ist. Immer wieder kämen Spaziergänger vorbei und fragten, was hier los sei. Epley: „Die Leute sind sehr nett. Einmal hat uns sogar jemand Andechser Bier vorbeigebracht.“

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