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Wollen lieber die Eltern statt das Übertrittszeugnis entscheiden lassen (v.l.): BLLV-Vertreter Hans-Peter Etter, Katharina Baur und Nicole Bannert.

Stress in der vierten Klasse

Übertritt mit Druck und Anwalt

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In den vierten Klassen der Grundschulen herrscht Stress wegen der Übertrittszeugnisse. Im Landkreis Starnberg ist es besonders schlimm .

Landkreis Dass der Landkreis Starnberg mit rund 90 Prozent eine extrem hohe Übertrittsquote hat, ist bekannt. Bayernweit liegt die Quote der Kinder, die nach der vierten Klasse auf Realschule oder Gymnasium gehen, bei nur 55 Prozent. Das liegt nicht nur daran, dass die Kinder in Starnberg so schlau sind, ist der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) überzeugt. Was bisher noch niemand offen zugegeben hat: „Der Landkreis Starnberg ist bekannt dafür, dass die Eltern schnell mit einem Anwalt bei der Hand sind“, sagt die Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, Katharina Baur, bei einem Pressegespräch. „Das Schulamt weist neue Lehrer darauf hin. Wir lernen alle, wie man alles ganz genau dokumentiert.“ Denn Anwälte und Gerichte setzen nicht an der Bewertung der Kinder durch die Lehrer an, ist die Erfahrung von Hans-Peter Etter. Er war viele Jahre Personalratsvorsitzender im Landkreis und ist Leiter der BLLV-Rechtsabteilung.

Dabei ist die Lage schon schwierig genug. Eltern wollen die beste Bildung für ihr Kind und meinen, die gäbe es nur auf dem Gymnasium. Die Kinder spüren den Druck der Eltern und der Lehrer. Von September bis zu den Übertrittszeugnissen im April haben Viertklässler 22 angesagte Proben hinter sich, je fünf in Mathe und Heimat- und Sachkunde sowie zwölf in Deutsch. Jeder Schüler muss die Proben schreiben – ist er krank, wird ein Nachholtermin vereinbart. „Dieses System auf die Hundertstel-Note erzeugt einen Wahnsinnsdruck“, sagt Etter. „Die anderen Fächer rücken in den Hintergrund. Unser System in Bayern ist Wahnsinn.“

Wahnsinn ist auch der Druck, den diejenigen spüren, die sich dem Druck nicht aussetzen wollen. „Eine Mutter war bei mir, weil sie sich im Bekanntenkreis rechtfertigen musste, dass sie ihre Tochter trotz der passenden Noten nicht aufs Gymnasium schicken wollte“, berichtet Vizekreisvorsitzende Nicole Bannert.

Im Landkreis Starnberg wird laut BLLV besonders deutlich, dass diejenigen, die sich die Nachhilfe leisten können, ihre Kinder ohnehin aufs Gymnasium bringen. Den Druck in der vierten Klasse könnte man sich sparen, wenn die Eltern von vornherein selbst entscheiden könnten, wohin die Bildungsreise ihrer Kinder geht. Zusammen mit dem Lehrer herausfinden, was das Kind kann und will, sei wesentlich besser, findet BLLV-Kreischefin Baur. Ohne Übertrittszeugnisse. „Unser Bildungssystem ist so durchlässig – lieber einen langsamen Weg nach oben wählen als herunterzufallen“, schlägt sie vor.

Etter weiß: „In Bundesländern, in denen die Eltern entscheiden, ist die Übertrittsquote auch nicht höher.“ Denn die Noten bildeten nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Musische und praktische Begabungen blieben außen vor. „In der vierten ist der Lehrer mehr Defizitfahnder als Schatzsucher“, sagt Etter. Die Lernentwicklungsgespräche in den Grundschulen sind für den BLLV ein guter Weg (siehe Kasten). Drei Viertel der 18 Grundschulen bieten diese Gespräche an.

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