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Der Tod ist ihr Alltag: Marcus Nowaschewski (l.) und Rudolf Zirngibl (r.) mit Besuchern und Mitarbeitern beim Tag der offenen Tür.

Tag der offenen Tür beim Bestatter

Vom Leben mit dem täglichen Tod

Starnberg - Marcus Nowaschewski und Rudolf Zirngibl gewähren Einblicke in einen Bereich, über den niemand sprechen will.

Er ist unweigerlich mit dem Leben verbunden und doch spricht man ihn in unserem Kulturkreis nicht aus: der Tod. Ein Tabuthema, mit dem Bestattungsunternehmen wie der Starnberger Familienbetrieb Zirngibl alltäglich in Berührung kommen. „Wir haben keine Trauerkultur mehr“, stellen Marcus Nowaschewski und Rudolf Zirngibl jeder auf ihre Art und Weise fest. Neffe und Onkel sind Geschäftsleiter und führen den 1952 gegründeten Betrieb bereits in der vierten Generation. Am Samstag luden sie zu einem Tag der offenen Tür. 

„Wir Männer schweigen es tot, zeigen keine Gefühle“, erlebt Zirngibl immer wieder neu. „Vorne sind wir stark“ – und innen zerbrechlich. Frauen, sagt er, verarbeiten sowas besser. Sie zeigen Emotionen. Wie Barbara Heidinger, die am Vormittag in einem Vortrag die Entwicklung der Bestattung umreißt. Sie kennt die Trauer. Damals, als ihre fünf Wochen alte Tochter gehen musste. Und vor einem Jahr, als auch ihr Mann aus dem Leben schied. „Gehen musste“ und „aus dem Leben schied“ – wir Deutschen schleichen uns um Wort „Sterben“ herum. Das hat einen Grund, sagt die Historikerin, denn man fürchtete, damit den Tod herbeizurufen. Früher, als uns der Aberglaube Zeichen des kommenden Todes vorgaukelte. Der Rabe, die Elster oder die Träume von der weißen Frau. 

Heute hat man das Thema weitgehend verdrängt, scheint es. Auf dem Hof des Bestatters stehen zwei Leichenwagen. Jona Emanuel von Sydow stellt ein historisches Fahrzeug, den Mercedes S-Klasse aus den 1980er Jahren, aus. Im verlängerten Wagen tritt der Tote im Sarg seine letzte Reise an. „In Italien bekreuzigen sich die Menschen, wenn ein Leichenwagen vorbei fährt“, sagt Zirngibl. Steinmetz Rimmele & Sohn hat schlichte Platten ohne Verzierung aus Kalkstein, Granit oder Marmor mitgebracht. Nowaschewski: „Für die Trauerkultur wird nicht mehr so viel ausgegeben.“ Den Blumenschmuck bindet die Gärtnerei Stückle. Im Bestattungsunternehmen arbeitet Daniel Paitner, der Thanatopraktiker. Er wäscht die Toten, rekonstruiert nach einem Unfall anhand von Fotos das äußere Erscheinungsbild. Damit die Hinterbliebenen Abschied nehmen können. „Das ist wichtig“, betont Leichenpräparator Alfred Riepertinger. „Um die Trauer möglich zu machen.“ 

Die Trauer, mit der unsere Gesellschaft sich so schwertut, und die Trauer, die erst nach dem Schock einsetzt. Nach der Beerdigung, sagt Zirngibl. Im Verabschiedungsraum des Hauses können Kinder, Eltern und Großeltern von ihren Lieben Abschied nehmen – und auch da findet in unserem Kulturkreis viel unter der Oberfläche statt. In Erinnerung geblieben ist Nowaschewski eine italienische Familie. „Sie waren rund um die Uhr im Raum.“ Man weint, nimmt sich in die Arme, teilt das Leid. Und irgendwann geht es wieder aufwärts, sagt Heidinger. „Die fünf Wochen würde ich nicht missen wollen, sie waren ein Geschenk.“ Denn sie weiß: Der Tod ist unweigerlich mit dem Leben verbunden.

Michèle Kirner

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