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Bretterbude statt Traumhaus: Seit fünf Jahren versuchen Judith und Alexander Schmitz, ihr Haus in Leutstetten zu bauen. Immer wieder gibt es Ämterärger.

Verwaltungsgericht

Der Albtraum vom Haus

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Leutstetten - Der Traum vom eigenen Haus im Grünen – für Familie Schmitz wurde er zum Albtraum. Nach einem zermürbenden Kleinkrieg mit den Ämtern stand jetzt der Verwaltungsrichter auf der Bodenplatte.

Wie ein vergnügter Wirbelwind tobt die vierjährige Tochter der Familie Schmitz über das Gelände, das eigentlich längst ihr Zuhause sein sollte. Stattdessen ist es eine unendliche Geschichte mit vielen Hindernissen und Hürden.

Familie Schmitz erwarb vor fünf Jahren nach langer Suche ein traumhaftes Grundstück am Ortsrand von Leutstetten. Alles schien perfekt. Doch schon bald kam alles anders. „Wieder und wieder wurden uns Steine in den Weg gelegt“, berichtet Alexander Schmitz (47). Das Grundproblem: Seiner Ansicht nach ist der Bebauungsplan für das gesamte Areal fehlerhaft: „Er weist falsche Höhenlinien auf, auf die sich wiederum der Bezugspunkt für die Bauhöhe bezieht. In unserem Fall beträgt die Differenz zur tatsächlichen Höhe ganze 70 Zentimeter. Das bedeutet, der Erdgeschossfußboden müsste 70 Zentimeter tiefer liegen als das umliegende Gelände.“

Ein Problem, das auch schon einige seiner Nachbarn hatten, als sie dort bauten. Irgendwann beantragte er dennoch zermürbt eine Baugenehmigung und legte los. Dann begann der Ärger erst richtig.

Die Bauexperten meinten, die Bodenplatte müsse höher gebaut werden als es der Bezugspunkt vorgibt. Ansonsten, so die nachvollziehbare Befürchtung, würde bei Starkregen das Wasser von den Hängen direkt hinter dem Haus in Keller und Erdgeschoss laufen. Die um besagte 70 cm zu hohe Bodenplatte fiel bei einer Baukontrolle auf. Der Amtsvertreter kündigte einen Baustopp an.

Alexander Schmitz reichte daraufhin unverzüglich eine neue Tektur ein, mit den tatsächlich richtigen Geländehöhen und der Bitte, diese fachmännisch durchgeführte Höhenvermessung als Grundlage für die Genehmigung des Bauvorhabens heranzuziehen. Zeitgleich ruhte der Bau, um die Entscheidung des Amtes abzuwarten und keinen Baustopp zu riskieren. Allerdings gab es im Juni 2015 – noch bevor das Amt auf die neue Tektur reagiert hatte – ein heftiges Unwetter mit Starkregen, das die Keller in Leutstetten volllaufen ließ und auch die Baugrube sowie die Bodenplatte des Kellers stark beschädigte.

21000 Euro Strafgeld vom Landkreis

Um weitere Schäden zu vermeiden, wurde der Kellerrohbau auf Anraten der Baufirma und des Architekten fertiggestellt, berichtet Schmitz. Die Familie selbst befand sich zu diesem Zeitpunkt im Urlaub. Bei einem weiteren Kontrollbesuch des Baukontrolleurs verhängte dieser direkt einen Baustopp. Die Sicherungsmaßnahmen wurden dennoch fertiggestellt. Die zwei kurz aufeinanderfolgenden Baukontrollen brachten gleich zwei Strafbescheide über 10 000 und noch einmal 11 000 Euro. „Dabei haben wir nur noch versucht, das bisher Gebaute so weit abzusichern, dass nicht alles zusammenfällt“, so Schmitz.

Die Familie reichte Klage gegen den Baustopp und die Strafgelder ein. Das war im Sommer 2015. Der neue Tekturantrag wurde im Übrigen abgelehnt. Seitdem ruht die Baustelle. Die Kosten laufen weiter. Alexander Schmitz, Inhaber einer Garten- und Landschaftsbaufirma, ist mit den Nerven am Ende: „Das hat mich krank gemacht, ich konnte zeitweise nicht mehr arbeiten.“

Auf der Bodenplatte steht eine Bretterbude. Statt eines Dachs ist eine Zeltplane darüber gespannt. „So können wir wenigstens den Garten schon nutzen“, sagt Judith Schmitz. Tatsächlich: Der Garten ist fertig. Rund um die wunderschöne Rotbuche eine grüne Oase, auf der anderen Seite eine Bauruine.

Richter sieht keinerlei Spielraum

Verwaltungsrichter Johann Oswald hat beim Vor-Ort-Termin am Donnerstagabend keinen Blick für die Idylle. Er schaut sich die Bodenplatte und die Akten an. Und verkündet nach kurzer Beratung mit den Schöffen die Tendenz: „Es wurde erheblich anders gebaut als genehmigt – der Baustopp ist gerechtfertigt. Es wurde nachweislich weitergebaut – die Strafgelder sind ebenfalls gerechtfertigt.“ Nach kurzer Rücksprache mit seinem Anwalt zieht Alexander Schmitz die Klagen gegen den Freistaat Bayern zurück. 21 000 Euro Strafe. Und keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. „Wir müssten eine erneute Baugenehmigung mit der neuen Höhe beantragen. Wird diese abgelehnt, können wir erneut dagegen klagen. Dann würde wahrscheinlich auch der fehlerhafte Bebauungsplan genauer betrachtet“, sagt er. Doch das dauert. Wahrscheinlich mehrere Jahre. Die kleine Tochter wäre dann unter Umständen bereits in der Schule. „Natürlich denkt man ans Aufgeben. Aber wir haben so viel investiert. Geld, Zeit, Nerven...“ – Judith Schmitz ist ratlos. Aber vielleicht findet sich doch noch eine Lösung.

Der Pressesprecher des Landratsamtes, Stefan Diebl, kündigte gestern auf Anfrage des Starnberger Merkur an, dass die Kreisverwaltung alle Beteiligten – Kreisbauamt, Stadtverwaltung Starnberg, Familie Schmitz – kurzfristig an einen Tisch bringen wolle, um schnell eine Lösung zu finden. Auch die Stadt Starnberg signalisierte gestern Gesprächsbereitschaft: „Auf Verwaltungsebene ist da allerdings nichts zu machen. Wenn, dann muss der Stadtrat den Bebauungsplan ändern“, so Bürgermeisterin Eva John.

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