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Die Tutzinger zeigten sich bei der dritten Lichterkette der Kirchen, des Rathauses und der Schulen weltoffen und demonstrierten für Frieden. Zwischen 200 und 350 Menschen waren am Montagabend dabei.

Lichterkette in Tutzing

Hunderte demonstrieren für den Frieden

Es war wie ein Signal für steigende Protestbereitschaft: Bei der dritten Lichterkette in Tutzing trat offen Kritik zutage. Bayerns Arbeitseinschränkung für Flüchtlinge sorgte für Entsetzen.

Um 17.30 Uhr fiel Pfarrer Peter Brummer ein Stein vom Herzen: Der Regen ließ nach. Dennoch waren eine Stunde später zunächst nur wenige Besucher beim Auftakt zur Lichterkette für Frieden und Integration vor der katholischen Kirche St. Joseph. Nach und nach kamen aber immer mehr: 200 Personen zählten zwei Polizisten, die neben neun Feuerwehrleuten zur Absicherung gekommen waren. Die Organisatoren sprachen später von rund 350 Teilnehmern.

Jedenfalls wurde – mit größeren Lücken als im vorigen Jahr – wieder eine Menschenkette gebildet, vom Rathaus übers Kino bis hinauf zur evangelischen Christuskirche und über die Hörmannstraße zurück zum Rathaus. Es war eine Gemeinschaftsaktion mit fast 60 Mitwirkenden. Die Kirchen, Pfarrgemeinderat und Ministranten waren dabei, Rathaus-Mitarbeiter und Gemeinderäte, Helfer des ökumenischen Unterstützerkreises und alle Tutzinger Schulen. Die St. Josephs-Bläser, die „Blue Notes“ und ein Chor der Benedictus-Realschule sorgten für Musik. Am Schluss sangen alle zusammen ein altes Protestlied mit neuer Aktualität: „We shall overcome“ – wir werden es überwinden.

Starker Protest gegen die bayerische Landesregierung

Tatsächlich wirkte die gesamte Lichterkette wie ein Protest. „Wir können die Probleme der Welt nicht lösen“, sagte Pfarrer Udo Hahn von der Evangelischen Akademie Tutzing, „aber wir können einen Beitrag leisten, dass Tutzing weltoffen und solidarisch ist.“ Für einige Flüchtlinge scheint das schon gelungen zu sein: Budokan aus Eritrea, Ali, Ghaffar und Hossein aus Afghanistan und Sada aus Senegal zeigten sich in kurzen Ansprachen dankbar. „Ich würde gern in Tutzing bleiben“, sagte Sada, „weil die Leute so nett sind.“

Den Gegensatz beschrieb Pfarrer Brummer: Nicht nur „sichtbare“ Mauern gebe es, sondern auch „Grenzen in den Köpfen“. Eine Politik der Abschottung beklagte Bürgermeister Rudolf Krug: „Wo soll das hinführen, wenn alle nur noch die Ersten sein wollen?“

Nachdem viele nach Hause gegangen waren, gab es im Roncallihaus Einblicke in die intensive Betreuungsarbeit. „Sprache ist Beziehung“, sagte Cornelia Janson, die schon vielen Flüchtlingen Deutsch beigebracht hat. Schier fassungslos über Bayerns Einschränkungen der Arbeitserlaubnisse bei geringer Bleibewahrscheinlichkeit war Dr. Peter Frey vom Unterstützerkreis – erst recht angesichts erfolgreicher Bemühungen um Jobs für Asylbewerber. Angelika Pfaffendorf erwähnte 20 von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge, die in Tutzing im Kirchenasyl waren: „Es hat sich gelohnt: Sie sind alle noch in Deutschland.“ Ungute Erinnerungen bleiben oft dennoch. Ein Afghane, der neben ihr saß, habe „richtig Lebensangst“, sagte sie. Er soll nach Bulgarien abgeschoben werden.

„Jeder Mensch hat Spielräume“, sagte Brummer. Das klang wie ein Appell. „Wir haben immer gedacht, europäische Länder haben keine Freundschaft“, bemerkte der Afghane Ghaffar staunend, „jetzt kann ich fühlen: Sie sind auch in Beziehungen gebunden.“  Von Lorenz Goslich

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