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Eine behütete Kindheit hatten die anderen: Bei den Mädchen, die nach Gauting ins intensiv-therapeutische Heim kommen, lief vieles schief im noch jungen Leben.

Deutschlands zweitgrößtes Mädchenheim

Drogen, Prostitution: Letzte Chance Gauting

Gauting - Drogen, Prostitution, Kriminalität. Wenn minderjährige Mädchen, die mit sich und der Gesellschaft auf Kriegsfuß stehen, zurück ins Leben geholt werden sollen, führt ihr Weg oft über Gauting.

„Ich bin schnell genervt“, sagt sie, und als ob man es ihr nicht glauben würde, trommelt sie mit den schwarz lackierten Fingernägeln auf dem Tisch herum. Meike (Name geändert) ist 17, hat ihr blondes Haar zu einem Zopf zusammengebunden und ist nicht so wild darauf, aus ihrem Leben und von den Eltern zu erzählen. „Zu meiner Mutter sag’ ich besser nichts.“ Und ihr Vater? „Den gibt es, aber ich will nicht, dass ich ihn hab’.“ Weshalb die junge Norddeutsche hier am anderen Ende der Republik, in Gauting (Kreis Starnberg), sitzt? „Weil sie mich als schwer erziehbar eingestuft haben“, sagt Meike und es klingt ironisch. „Wenn mir was nicht passt, geh’ ich halt schnell hoch.“ Sie grinst frech, doch in ihren Augen spiegelt sich eher Unsicherheit wider.

Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch

Wer das Caritas-Mädchenheim in Gauting sucht, muss schon genau hinschauen, um nicht vorbeizufahren: Kurz vor dem Ortsausgang liegt es, eingebettet in dichtes, sattes Grün, gekennzeichnet nur durch ein unscheinbares Schild an der Hofeinfahrt. So idyllisch die Anlage von außen anmutet, so problembehaftet sind ihre Bewohner im Inneren: 64 Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren, die unter schweren Störungen im Sozialverhalten leiden. Die meisten von ihnen haben schlimme Erfahrungen von Gewalt, Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch hinter sich und reagieren darauf ebenfalls mit Gewalt gegen sich selbst und andere. Das Heim verfügt über offene Wohngruppen – und geschlossene. „Wenn Mädchen in anderen, offenen Einrichtungen ständig abhauen, zu aggressiv oder pädagogisch nicht mehr erreichbar sind, kommen sie zu uns“, sagt Heimleiter Bernhard Stadler.

Strenger Plan aus Regeln und Pflichten

Hier kümmern sich Psychologen und Heilpädagogen um die Teenager. Ein strenger Plan aus Regeln und Pflichten soll Struktur in ihr Leben bringen. Zwei Hürden gebe es jedoch, bevor das Jugendamt ein Mädchen nach Gauting schickt: „Ohne richterlichen Beschluss auf der Basis eines psychologischen Gutachtens dürfen wir hier niemanden aufnehmen.“ Und dann gebe es auch eine Warteliste, „obwohl wir schon die zweitgrößte Einrichtung dieser Art in ganz Deutschland sind: Bei uns landen 250 ernsthafte Anfragen pro Jahr.“

Meike wurde vor zweieinhalb Jahren von Sozialarbeitern nach Gauting gefahren. „Ich hätte so leicht abhauen können, keine Ahnung, warum ich’s nicht gemacht hab’.“ In ihrer geschlossenen Gruppe angekommen, war es dann erst einmal vorbei mit abhauen. Verschlossene Türen, hohe Mauern. Dazu noch eine vierwöchige Kontaktsperre: keine Besuche, keine Telefonate, Briefe wurden von den Betreuern gelesen. „Da gehst Du durch die Hölle“, sagt Meike. Zu den vier Wochen kamen bei ihr weitere acht. „Ich hab’ einen Betreuer angegriffen, um an den Schlüssel zu kommen“, sagt sie. Dafür gab es dann die „Höchststrafe“: Stubenarrest, Essen auf dem Zimmer. Kein Aufenthalt im Innenhof, kein Kochen in der Gruppe. Für die 17-Jährige aber das Schlimmste: „Die Betreuer trauen einem dann nicht mehr über den Weg.“

Mädchen sehr misstrauisch gegenüber Erwachsenen

Vertrauen ist das, worauf Heimleiter Stadler den Fokus der Therapie legt. „Es müssen vor allem neue, positive Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht werden, die eben anders sind und die den Jugendlichen helfen, Orientierung zu finden.“ Die Mädchen seien nicht beziehungsunfähig, wie es immer heiße. „Sie sind nur sehr misstrauisch gegenüber Erwachsenen.“ Stadler hat Verständnis für die Mädchen, die er alle beim Namen kennt. „Wenn Sie mal so eine Akte lesen und sehen könnten, was die alles erlebt haben – da wären Sie auch misstrauisch.“ Die Betreuer in Gauting seien für viele die ersten Erwachsenen im Leben, „von denen sie nicht angelogen sondern ernstgenommen werden“, sagt Stadler. Deshalb gebe es auch immer wieder Fälle, in denen Mädchen kurz vor ihrer Entlassung ganz bewusst abhauen würden, um einen weiteren Aufenthalt zu provozieren.

Arbeit in Gauting ist "Traumjob"

In das Mädchenheim, das heute vor genau 30 Jahren eröffnet wurde, integrierten die Gründer auch gleich einen eigenen Schultrakt. Birgit Kolar unterrichtet dort seit 29 Jahren, seit 1999 leitet sie die Bildungsstätte. Trotz der erschwerten Bedingungen, unter denen sie und ihre Kollegen unterrichten müssen, bezeichnet sie ihre Arbeit in Gauting als „Traumjob“: „Wir setzen hier das um, was man sich eigentlich für jede Schule wünschen würde: Wir fördern die Stärken der Mädchen und gleichen die Schwächen aus.“ Das alles laufe nur über Beziehungen, deshalb gebe es einen intensiven Austausch zwischen Lehrern und Schülern. Kolars Wunsch für ihre Schützlinge: „Wenn ich ehemalige Schülerinnen treffe, die ihr Leben im Griff haben und mit ihren eigenen Kindern gut umgehen, ist das für mich der größte Erfolg.“

Meike konzentriert sich lieber auf ihr berufliches Ziel: Sie möchte Köchin werden. Der erste Schritt wurde ihr im Mädchenheim ermöglicht, sie absolvierte ein Berufsvorbereitungsjahr – mit Erfolg. An eigene Kinder möchte die 17-Jährige dagegen noch nicht denken. „Ich hab’ Angst, so zu werden, wie meine Mom.“

Von Armin Forster

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