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Seit 14 Jahren hilft Michael Schröter mit seinem Team so genannten Messies, die in vermüllten Wohnungen hausen.

Hilfe für Messies

Wenn der Draht zur Ordnung fehlt

Gauting - „Die Leute sind jung, alt, reich oder arm“ – Um eine Klientel, „die unsere gesamte Gesellschaft“ abbildet, kümmert sich der Gautinger Michael Schröter. Es geht um die so genannten Messies – Menschen, die in Unordnung (Mess) leben und ihre Wohnung vermüllen.

„Am meisten geht der Gestank an die Nieren“ sagt der 64-jährige Gautinger Michael Schröter. Er sorgt sich um Messies, Menschen die keinen Draht zur Ordnung haben. „Manche schaffen nicht einmal ihre Mülltüten aus der Wohnung.“ Aber Michael Schröter hat tiefes Verständnis für seine Klienten. Messies leiden oft an psychischen Krankheiten oder sind vom Alkohol abhängig. „Vom Hartz-IV-Empfänger bis hin zum Universitätsprofessor“ – Schröter und sein Team helfen diskret allen Messies, die es nicht mehr schaffen, Ordnung in ihren Alltag zu bringen.

Unsere Zeitung trifft den Gautinger bei einer gemeinsamen Ausstellung mit dem örtlichen Kunstverein. Im historischen E-Werk am Hauptplatz betreibt der Vater zweier erwachsener Kinder eine Galerie. Im Hauptberuf hilft der gelernte Schriftsetzer und Altenpflegehelfer aber Messies in ganz Süddeutschland und Österreich. „Ich habe schon viel Leid und Elend gesehen“, berichtet Michael Schröter.

Auf seiner Website messie-hilfe-team.de schreibt eine Klientin anonym über ihre Angst, in ihrer vermüllten, übel riechenden Wohnung entdeckt zu werden: „Schon im August hatte ich Angst vor dem Januar, weil da die Heizungsablesung ist. Ich habe auf kein Klingeln mehr geöffnet.“ Die Frau vereinsamte. Um Gestank und Elend überhaupt auszuhalten, griff die Frau zur Flasche. Eine Flasche Wein am Abend, nicht selten auch zwei.

„Ich hatte schon immer eine soziale Ader“, erklärt der Schröter seine Motivation, den Messies zu helfen. Unlängst war Schröter mit seinem Aufräum- und Putz-Team in einem Reihenhaus. Dessen Bewohner lebte mit 50 toten und 50 lebenden Mäusen, „mit auf dem Sofa“. Vom bestialischen Gestank im gesamten Haus waren die Tiere angelockt worden – auch Rattent. Für solche Fällen haben Schröter und sein Aufräumteam Gasmasken im Gepäck. Je nach Wohnungsgröße und Zeitaufwand fürs Putzen und Entrümpeln kostet der Einsatz zwischen 2000 und 10 000 Euro. Die Kosten übernehmen die Messies selbst, „in etwa 55 Prozent der Fälle“, sagt Schröter. Wenn eine psychische Erkrankung vorliegt, springt der Bezirk in die finanzielle Bresche. Für Hartz-IV-Empfänger zahlt das Jobcenter

Mittlerweile hat Schröter 14 Jahre Erfahrung in der Messie-Szene. Bei Menschen mit psychischen Problemen ruft auch schon mal der psychiatrische Dienst an. Doch meistens melden sich die Betroffenen von sich aus und bitten um Hilfe. „Dann haben wir auch die größte Erfolgsquote.“ Die finden den Kontakt zu Schröter über das Internet.

Michael Schröter wird im Herbst im Nebenraum seiner Galerie im Gautinger E-Werk die „erste deutsche Messie-Akademie“ gründen. Es gebe nämlich viel zu wenige ausgebildete Helfer mit Mitgefühl, sagt der 64-Jährige: „Ich versuche, die Messies zu verstehen.“ Deshalb arbeitet er auch an einem Buch mit Interviews von Menschen mit Messie-Syndrom. „Die bleiben anonym“, betont der Autor.

Oft lohnt sich der Einsatz des Gautingers. Zum Beispiel bei jenem Mann, der anonym an Schröter schreibt: „Meiner Wohnung geht es gut. Ich wehre den Anfängen, wie Sie sagen. Ich hab die Wohnung geputzt und hebe jetzt jeden Fitzel auf. Ich bringe den Müll täglich runter und werde es nie wieder soweit kommen lassen. Danke noch mal, dass Sie und Ihr Team mir einen Start in ein neues Leben ermöglicht haben.“

Eiin Messie-Frühstück bietet Michael Schröter einmal im Monat an. Das nächste findet am 29. September, 10 Uhr, im ehemaligen E-Werk in Gauting statt.

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