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Josef Enzesberger (l.) starb im Alter von 52 Jahren. Das Opfer sollte eigentlich Max Enzbrunner sein.

Mysteriöser Fall nach 18 Jahren aufgeklärt

Killer im Telefonbuch verrutscht: Er starb, er lebt

  • Markus Christandl
    VonMarkus Christandl
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Herrsching - Vor 18 Jahren ist Josef Enzesberger in Herrsching zum Zufallsopfer geworden. Erst jetzt wurde der mysteriöse Mord aufgeklärt. Eine wirklich unglaubliche Geschichte.

Es war der Morgen des 8. Januar 1996, als der 52-jährige Bibliotheksangestellte Josef Enzesberger vor seiner Haustür am Koebkeweg in Herrsching erschossen wurde. Wie aus heiterem Himmel. „Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern“, sagt der damalige Polizeichef in Herrsching, Max Enzbrunner, heute. Vom Täter fehlte jede Spur, vom Motiv auch – trotz einer Belohnung von am Ende 10 000 Euro und einem Fernsehbeitrag in „Aktenzeichen XY ungelöst“.

Bis November vergangenen Jahres. Der Schütze selbst, ein psychisch kranker Mann, vertraute sich seinem Arzt an und bat darum, die Information weiterzuleiten: Dem Mord an Josef Enzesberger lag eine Verwechslung zugrunde. Die Schüsse sollten nicht Enzesberger, sondern Max Enzbrunner gelten. Bei der Suche nach der Adresse in einem Telefonbuch hatte sich der Täter schlicht in der Zeile vertan.

Enzbrunner ist heute 73 Jahre alt und verbringt seinen Ruhestand in Herrsching. „Ich weiß von der Sache schon seit dem Herbst“, sagt er. In so viele Richtungen sei ermittelt und Vermutungen angestellt worden. Laut Polizeisprecher Hans-Peter Kammerer füllen die Ermittlungsakten 25 Leitz-Ordner, 1300 Personen wurden vernommen. Dass er selbst eigentlich das Opfer hätte sein sollen, das wäre Enzbrunner nie in den Sinn gekommen. „Hätte der Mann die Tat nicht selbst gestanden, wäre das auch nie aufgekommen“, da ist sich der ehemalige Inspektionsleiter sicher.

Der heute 65-jährige Täter, ein Münchner, gab an, dass der Mordgedanke nach einer kurzen Begegnung mit Enzbrunner in der Inspektion in Herrsching aufgekeimt war. „Ich kann mich an so viele Details erinnern, genau an diesen Fall so gar nicht“, wundert sich Enzbrunner. So viel sei ihm bekannt: „Er hat wohl in dem Wahn gelebt, dass ich ihn zusammen mit einer Verbrecherorganisation verfolgte.“ Wegen seines verwirrten Zustandes war der Mann deshalb bereits zum Zeitpunkt des Geständnisses in einer geschlossenen Anstalt. Auch momentan befindet er sich in einer forensischen Abteilung in München Ost und gilt als nicht zurechnungsfähig.

Der 73-jährige Enzbrunner, ehemaliger Polizist, der er ist, betrachtet die Nachricht, die er schon im Herbst erhielt, ganz

Max Enzbrunner wurde zehn Monate vor dem Verbrechen durch den Andechser Einschlag bekannt.

nüchtern. „Der Bezug ist so weit weg, dass da kaum Emotionen aufkommen“, sagt er. Gleichwohl gebe es Momente, wo der Gedanke daran ihm doch „eiskalt den Rücken runterläuft“. Dann frage er sich: „Wo hätte er mir auflauern können? Was wäre mir passiert?“ Das sei aber selten.

Erika Enzesberger, die Witwe des Opfers, hat er übrigens lange fast täglich getroffen. „Das Grab meiner verstorbenen ersten Frau liegt nur zehn Meter neben dem ihres Mannes. Wir kennen uns, reden miteinander.“ Eigenartigerweise, sagt Enzbrunner aber, hätten die beiden nie auch nur ein Wort über den Vorfall verloren. Und seitdem er von dem Geständnis weiß, habe er sie nicht mehr gesehen. „Es ist schon manchmal verrückt“, so Enzbrunner, „ausgerechnet mir muss das passieren.“

Ihr sei „ein Stein vom Herzen“ gefallen, als sie von der Entwicklung in dem Fall erfuhr, sagt Erika Enzesberger der „tz“. Schließlich war sie vor Jahren selbst in Verdacht geraten, auch über ein Doppelleben ihres Mannes wurde offen spekuliert. So soll Josef selbst einen Killer auf sich angesetzt haben, um der Ehefrau eine Lebensversicherung zukommen zu lassen. Von Zocker-Milieu war außerdem die Rede, Kriminaler sprachen von einer „engen Täter-Opfer-Beziehung“. Nun ist klar: Alles waren Theorien ohne jegliche Substanz. „Mein Mann ist rehabilitiert, ich bin froh darüber, ich selbst habe ja schon immer gewusst, dass er nichts getan hat.“ Über die schwere Zeit rettete sich Erika Enzesberger mit Arbeit und Schreiben.

Der Mann, der eigentlich erschossen werden sollte, war Monate vor dem Mord weltweit bekannt geworden: Als Inspektionsleiter hatte Max Enzbrunner im März 1995 den Andechser Meteoriteneinschlag verkündet. München war, so schien es, einer Katastrophe entgangen. Allerdings fiel der Untergang auch deswegen aus, weil der Einschlag eine Sprengung war. Enzbrunner wurde mit dem Spitznamen Meteoriten-Max bedacht, Sprengmeister Edi Reisch wurde Krater-Edi.

Dass Enzbrunner getötet werden sollte, fällt in eine andere Kategorie. So, wie es aussieht, hatte der Täter sogar in der Herrschinger Inspektion mit Enzbrunner kurz gesprochen.

Kurios ist auch, dass Enzbrunner mit seiner zweiten Frau seit 1998 dort wohnt, wo Enzesberger gearbeitet hatte, in einem Häuschen auf dem Gelände der Finanzhochschule, wo Enzesberger, der gelernte KfZ-Mechaniker, als Bibliotheksangestellter gearbeitet hatte. Enzbrunner: „So schließt sich der Kreis.“

Andrea Gräpel und Markus Christandl

So suchte die Polizei jahrelang nach dem Mörder:

Die Polizei rekonstruierte den Mord jahrelang bis ins kleinste Detail – doch auf die Spur kamen sie dem Täter nicht. Die Soko Josef befragte die Ehefrau des Toten und dessen Familie. Erika Enzesberger sagte später gegenüber der SZ: „Wir sind von der Kripo durch die Mangel gedreht und sogar verdächtigt worden.“ Auch kontrollierte die Soko die Trauergäste bei der Beerdigung, befragte 1300 Personen, darunter auch 54 Waffenbesitzer aus Herrsching. Ohne Erfolg. Erst zwei Jahre später meldete sich eine Zeugin, ein Phantombild (links) wurde daraufhin gefertigt. Doch auch das brachte keinen Hinweis auf den Täter.

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