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Josef Enzesberger (l.) musste sterben - wegen einer Verwechslung. Der mutmaßliche Täter Klaus G. (r.) muss sich nun vor Gericht verantworten.

Mord aus Verwechslung in Herrsching

Todesschütze: "Bereue meinen Plan nicht"

  • Nina Gut
    VonNina Gut
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Herrsching - 1996 erschoss ein psychisch Kranker einen Herrschinger vor der Haustür. Er hatte ihn verwechselt. Im Prozess bittet der Täter nun um Vergebung - seinen Plan bereut er aber nicht.

Max Enzbrunner (72) aus Herrsching (Kreis Starnberg) lebt noch. Er ist quicklebendig. Am Dienstag sitzt der frühere Leiter der Polizeiinspektion Herrsching auf dem Zeugenstuhl des Landgerichts München II und steht Rede und Antwort. Ansonsten weiß er sich im Ruhestand zu beschäftigen: Er arbeitet im Garten, geht auf die Jagd und ist Sportschütze.

Dabei ist es nur einer Verwechslung zu verdanken, dass er noch am Leben ist. Wenn Klaus G. (65) im Telefonbuch nicht in der Zeile verrutscht wäre, dann wäre Max Enzbrunner jetzt tot. An seiner Stelle musste Josef Enzesberger (damals 52 Jahre alt) sterben.

Für diesen Mord steht der psychisch kranke Münchner Klaus G. seit Dienstag vor dem Landgericht. Polizisten schieben den Mann mit dem weißen Haar und dem weißen Rauschebart im Rollstuhl in den Saal. Dabei winkt er seiner Ex-Frau zu, die im Zuschauerraum sitzt. Freimütig schaut G. in die Kameras der Fotografen. Er bedauert zwar, dass er den falschen Mann erschossen hat.

Seinen eigentlichen Plan aber bereut er nicht. Er glaubt bis heute, dass Ex-Polizeichef Enzbrunner die Russen-Mafia auf ihn angesetzt hatte. Und er glaubt, dass er ihn hätte töten müssen, um sein eigenes Leben zu retten.

Der Grund für seine Wahnvorstellungen: Klaus G. leidet seit Jahrzehnten an Schizophrenie. Von Ende 1982 bis Mai 1985 wurde er stationär im Bezirksklinikum Haar behandelt. Danach war er in ambulanter psychiatrischer Behandlung. Wegen seiner Krankheit gilt G. als schuldunfähig, ihn erwartet keine lebenslange Haftstrafe.

 Bei dem Gerichtsverfahren handelt sich um ein so genanntes Sicherungsverfahren, bei dem es um die dauerhafte Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus geht. Bereits im Dezember wurde er ins Isar-Amper-Klinikum Haar eingewiesen. Er hatte die Tat einem Arzt offenbart und ihn gebeten, die Polizei zu informieren.

Vor Gericht will G. allerdings nichts sagen. Nur soviel: „Ich werde keine Angaben machen. Alles, was eventuell nötig ist, wird mein Anwalt erledigen“, nuschelt er.

"Es bleibt mir nur, die betroffene Person um Vergebung zu bitten"

Näheres ist aus einem Brief vom 7. Mai diesen Jahres zu erfahren, den der Münchner dem Gericht geschrieben hat. Er wird in der Verhandlung verlesen. „Ich befand mich in einer nie gekannten Ausnahmesituation“, schreibt Klaus G., „ich sah keinen anderen Ausweg, als Herrn Enzbrunner zuvorzukommen.“ G. habe zwei Jahre allein gegen die Mafia gekämpft, schreibt er. Seine Recherchen hätten zu 82 Festnahmen geführt. „Ich habe das damals genauso wenig geträumt wie heute.“ Er bleibe bei seinen Vorwürfen gegen Enzbrunner. Er bedauere jedoch, was passiert ist. „Es bleibt mir nur, die betroffene Person um Vergebung zu bitten.“

Am 4. Januar 1996 war Klaus G. zu Polizeichef Enzbrunner gegangen und hatte ihm berichtet, dass Mitglieder der russischen Mafia Fotos im Altarraum der Klosterkirche Andechs gemacht hätten. Während des Gesprächs entwickelte er offenbar die Vorstellung, dass der Polizist auch von der Russenmafia sei und ihn umbringen lassen wolle. Zwei Tage später fuhr G. nach Herrsching und recherchierte in einer Telefonzelle nach der Nummer von Enzbrunner – landete aber eine Zeile weiter bei Josef Enzesberger.

Am 8. Januar in der Früh fuhr er erneut an den Ammersee. Als er vor Enzesbergers Tür ankam, verließ dieser gerade das Haus. Klaus G. feuerte mit seiner Walther PPK fünf Mal auf den 52-Jährigen. Vier Schüsse trafen. Einer davon ging durch Lunge und Herz – „absolut tödlich“, sagt Rechtsmediziner Professor Wolfgang Keil. Der Witwe Erika Enzesberger treibt es die Tränen in die Augen, als sie das hört.

Als Max Enzbrunner voriges Jahr erfuhr, dass eigentlich nicht Enzesberger, sondern er sterben sollte, war er „nicht schockiert, sondern verwundert“. Der Fall sei 18 Jahre her: „Diese lange Zeit dämpft Emotionen.“ Er ist nur froh, dass der Fall jetzt aufgeklärt ist. Der Prozess dauert an.

Nina Gut

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