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Die Taucher mussten die dicken Trageschläuche per Hand um den Rumpf der Utting legen.

MS Utting auf Reisen

Zum Abschied läutet die Feuerglocke

Die MS Utting hat ihre letzte große Fahrt hinter sich. Gestern wurde der Ausflugsdampfer vom Ammersee nach München gebracht. Damit alles klappt, war von den Organisatoren Maßarbeit gefordert. Das Protokoll einer Meisterleistung.

7.21 Uhr: Die MS Utting liegt, noch unberührt, im Ammersee. Die Planer rechnen mit unruhigem Wetter: „70 Prozent Regen, Windböen 45 km/h“ steht auf ihrem Ablaufplan.

7.29 Uhr: Kranexperte Stefan Schmidbauer hat den längsten Tag aller Mitarbeiter vor sich. Gut gefrühstückt? „Noch nicht“, sagt er und lächelt. Er weiß, dass er in den nächsten Stunden nicht dazu kommen wird. „Aber zwischendurch mache ich meine Brotzeit.“

8.13 Uhr: Die beiden Taucher der Wasserwacht treffen ein, bauen bei Regen ihr Zelt auf. Sie schauen sich die Lage vor Ort noch einmal genau an. Julian Milberg, 30, wird ins Wasser steigen, um Seile unter dem Rumpf durchzuführen. „Ich bin seit 13 Jahren Rettungstaucher – aber das hatte ich auch noch nicht“, sagt er. Die scharfen Kanten des Rumpfes hält er nicht für gefährlich. „Für uns ist eher die Bewegung des Schiffes eine Gefahr.“

8.51 Uhr: Das Oberdeck und der Rumpf wurden bei den Vorarbeiten voneinander getrennt. Nun müssen nur noch letzte Schrauben entfernt und manche Stellen von Schlosser Paul Dyckhoff durchgeschnitten werden. Der Zeitplan ist eng. Schmidbauer steht auf der MS Utting und koordiniert die Arbeiten. Der Regen nimmt zu, der Stress auch. Zeit für seine erste Zigarette des Tages.

9.23 Uhr: „Schwere Lasten gehören in gute Hände“, heißt es auf dem bereitstehenden Tieflader. Für das 15 Tonnen schwere Oberdeck der MS Utting braucht es jetzt sehr gute Hände. Es geht los.

9.34 Uhr: August Jakob hat in seinen 30 Jahren als Dienststellenleiter der Bayerischen Seenschifffahrt in Stegen schon vier Schiffe gesehen, die in den oder aus dem Ammersee gehoben wurden. 2002 ging er in den Ruhestand. „Das Spektakel schaue ich mir heute aber an“, sagt er.

10.08 Uhr: Etwa 50 Schaulustige sehen, wie das Oberdeck zwischen die beiden Kräne gehoben und auf dem Tieflader abgelegt wird. Für Außenstehende schien alles gut gelaufen zu sein. Paul Dyckhoff schaut nicht ganz so zufrieden drein. „Die Träger hat es durch das Gewicht total verzogen“, sagt der Bauleiter. „Das Oberdeck hoffentlich nicht so.“ Er atmet durch. Die erste Runde ist geschafft. Ein Mitarbeiter verteilt Schokolade an alle. Seine Jacke hat Dyckhoff trotz der nur sieben Grad ausgezogen. „Jetzt können wir eigentlich essen gehen.“ Bislang hatte es nur für einen Minikeks gereicht.

10.29 Uhr:Matthias Leis, 31, Mitarbeiter der Bayerischen Seenschifffahrt, ist das „Mädchen für Alles“: Kassier auf den Schiffen, Kapitän, Arbeiter. Jetzt macht er erst einmal Kaffee. „Das, was die Burschen da vollbracht haben, ist eine Meisterleistung“, lobt er.

11.38 Uhr: Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen, der starke Wind hat nachgelassen. Die Taucher sind umgezogen, sollen nun abwechselnd in das sechs Grad kalte Wasser steigen. Im Gepäck haben sie 30 Kilo Ausrüstung sowie eine 15 Kilo schwere Sauerstoffflasche. Die Sichtweite im Wasser ist nicht mal eine Hand breit.

12.09 Uhr: Der erste Taucher kommt wieder hoch. Der Wellengang ist stark, der Tauchgang war lang – ihm ist nicht ganz wohl.

13.46 Uhr: Der zweite Taucher kommt an die Wasseroberfläche und gibt grünes Licht. Das Anheben des Rumpfes kann beginnen.

13.49 Uhr: Dienststellenleiter Harald Lugmair fotografiert das Geschehen. „Wir haben eine junge Flotte, in den letzten Jahren kamen ein paar neue Schiffe“, sagt er. „Aber wenn man die großen Kräne sieht – das ist beeindruckend.“

13.52 Uhr: Der Rumpf hebt sich langsam ab. Viele Schaulustige haben seit dem Morgen bei Kälte und Regen auf diesen Moment gewartet. Auch Schifffahrts-Fan Heinz Schamper, 63: „Wenn es um Schiffe geht, bin ich da“, sagt der Uttinger. „Von allen Schiffen gefällt mir die MS Utting am besten. Ich habe vorgeschlagen, sie im Uttinger Park aufzustellen.“ Nun kommt sie aber auf den Tieflader. August Jakob sagt: „Jetzt verlässt die MS Utting den Ammersee. Wobei – sie verreist nur.“

13.54 Uhr: Ein Bub sagt scherzhaft: „Hoffentlich fällt sie auf die Herrsching. Dann bekommen wir zwei neue Schiffe.“ Das kann nicht passieren. Die Taucher haben bei ihren Einsätzen ganze Arbeit geleistet. Die Seile sitzen.

14.02 Uhr: Der Rumpf touchiert einen der Kräne leicht. Dann aber wird er langsam durchbugsiert.

14.32 Uhr: Der Schiffsrumpf wird auf dem Tieflader abgelegt.

14.36 Uhr: Helmut Tröbensberger hat die MS Utting seit 1991 bis zum Schluss im vergangenen Sommer gefahren. Er läutet zum Abschied dreimal an der Feuerglocke, blickt nachdenklich auf das Schiff. „Da kommen schon Erinnerungen hoch. Es war ein Privileg, sie fahren zu dürfen“, sagt er. „Ich bin einfach froh, dass sie erhalten bleibt.“

14.40 Uhr: Durchschnaufen. Daniel Hahn und seine Mitarbeiter ruhen sich bei Krapfen und Kaffee in der Werkstatt aus, während draußen der Rumpf des Schiffes für den Abtransport gesichert wird. „Ich hoffe sehr, dass das Oberdeck nicht verzogen ist“, sagt Hahn. „Da kommt es auf Zentimeter, eigentlich auf Millimeter an. Es muss in München genau passen.“

15.26 Uhr: Auch zwei Polizisten sind vor Ort. „Nur Interesse halber“, sagt einer. Richtig ernst wird es für die Beamten erst am Abend beim Abtransport. Vier Einsatzfahrzeuge begleiten die Tieflader: am Anfang und Ende der Kolonne und bei Abfahrten, damit kein Auto dazwischen kommt. Derweil wird der Rumpf abgesichert.

16.35 Uhr: Paul Dyckhoff arbeitet am gesamten Rumpf. An mehreren Stellen müssen Vorrichtungen angeschweißt werden, an denen Seile befestigt werden können – damit der Transport sicher ist.

17.59 Uhr: Friedrich Saam wird einen der Schwertransporter fahren. Der 52-Jährige hat bereits die Concorde transportiert. Im April bringt er auch das neue Schiff von Nürnberg nach Stegen. Bei der Abfahrt, rückwärts aus dem Gelände, muss er aufpassen, sagt er. „Ein Knackpunkt ist dann noch der Allacher Tunnel wegen der Höhe.“ Bis zu 60 km/h schnell könne er fahren – an manchen Stellen aus Sicherheitsgründen aber nur Schrittgeschwindigkeit.

20.51 Uhr: Die MS Utting verlässt auf zwei Tiefladern mit insgesamt 108 Rädern das Geländer der Bayerischen Seenschifffahrt in Stegen.

Sebastian Raviol

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