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Eine riesige Welt lädt in „Enderal“ zum Erkunden ein. 100 Stunden Spielzeit, deutsche und englische Sprachausgabe mit über 80 professionellen Sprechern – gigantische Ausmaße für ein Hobby-Projekt.

Spieleentwicklung

30 000 Stunden für eine neue Welt

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Moderne Computerspiele sind aufwändiger und oftmals auch teurer als Hollywoodfilme. Hunderte Menschen, Hunderte Millionen Dollar sind nötig, um virtuelle Welten in all ihrer Pracht auf den Monitor zu bringen. Manchmal reicht aber auch eine Handvoll Enthusiasten, um von Starnberg aus die Spiele-Industrie zu erobern.

Starnberg/München – Die Entwicklung von „Grand Theft Auto 5“, einem der meistverkauften Spiele aller Zeiten, kostete nach inoffiziellen Schätzungen rund 260 Millionen Dollar. Die Entwicklung von „Enderal“, das mittlerweile weltweit auf rund anderthalb Millionen Rechnern installiert ist, verschlang 27 000 Euro.

Dabei kann sich „Enderal“ durchaus mit den Großen messen. Es bietet eine riesige Spielwelt voll mit spektakulären Landschaften und Siedlungen, voller Charaktere, mit denen man reden kann, eine atemberaubende, spannende und anspruchsvolle Geschichte. Wie geht das?

Nicolas Samuel Lietzau nippt an seinem Kamillentee und beginnt zu erzählen. Davon, wie man ohne Geld, aber dafür mit viel Charme und Enthusiasmus Spielegeschichte schreibt. Es war 2012, er hatte sich gerade an der Mediadesign Hochschule in München für den Studiengang „Gamedesign“ eingeschrieben. Plötzlich saß er in der Vorstellungsrunde neben Dennis Weich aus Starnberg. Und jener erzählte, dass er an der Mod „Nehrim“ mitgearbeitet hatte.

Bau Dein eigenes Abenteuer

Was ist das? Manche Spielehersteller erlauben, dass Hobbyprogrammierer Veränderungen an ihren Produkten vornehmen können – Modifikationen, kurz Mods genannt. Mods können alles sein – kleine Fehlerkorrekturen, winzige Programme, die dafür sorgen, dass die Drachen schneller fliegen oder die Grafik ein bisschen besser aussieht. Mods können aber auch das ursprüngliche Spiel komplett umkrempeln, nur den technischen Unterbau nutzen, um eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. „Nehrim“ war eine solche Riesen-Mod für das Rollenspiel „Oblivion“, das sich millionenfach verkaufte.

Nicolas Samuel Lietzau war Projektleiter bei Enderal und hat jetzt sein erstes Buch geschrieben – einen Roman.

Auch Nicolas hatte es gespielt. Und war mächtig beeindruckt, dass er neben einem der Programmierer saß, die dafür verantwortlich waren. Und der Starnberger Dennis Weich berichtetete, dass das Programmiererteam „Sure AI“ ein neues Projekt angehen wollte. Dieses mal sollte es eine Mod für „Skyrim“, das Nachfolgespiel von „Oblivion“, werden. Es kam, wie es kommen musste: Kurz darauf gehörte Nicolas Samuel Lietzau zum Team. Er kümmerte sich um die Geschichte, das Herzstück des Projektes. Das Originalspiel „Skyrim“ ist spektakulär, bietet eine riesige Welt mit riesigen Drachen. Die Geschichte, die dabei erzählt wird, ist allerdings kaum mehr als Mittel zum Zweck. „Wir wollten stattdessen eine tiefsinnige, emotionale Geschichte erzählen. Etwas, das unter die Haut geht“, meint Lietzau. Monatelang schrieb er, am Ende umfasste das Skript knapp 600 Seiten mit rund 50 Stunden Dialogen.

Sure AI, dem kleinen Hobbyprogrammierer-Team aus Starnberg, ist gelungen, woran milliardenschwere Unternehmen scheitern: Eine anspruchsvolle, interessante Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die auch vor kontroversen Themen wie häuslicher Gewalt keinen Bogen macht, sich diesem aber auf respektvolle Art und bar jeder Effekthascherei nähert.

Der MIT-Mathematiker und die italienische Hausfrau

In der Endphase der Produktion stellte die Uni dem Team ein Büro zur Verfügung, in dem ununterbrochen gearbeitet wurde

Die Geschichte war da, fehlte nur noch das Spiel. Eine Riesenaufgabe für ein kleines Team ohne Geld. „Wir haben über Jahre nahezu unsere gesamte Freizeit in das Projekt gesteckt – insgesamt 30 000 Stunden“, berichtet Lietzau. Viele von Sure AI sind Studenten, „wir haben aber auch eine italienische Hausfrau dabei, die hat einen Sohn in meinem Alter und baute die meisten 3D-Modelle im Spiel.“ Ein Mathematiker vom MIT in New York, ein Architekt – sie alle haben nach Feierabend mitgewirkt, um die Welt von Enderal virtuelle Realität werden zu lassen.

Die nötige Software nutzte man entweder über Studentenlizenzen oder bekam sie von den Herstellern gesponsert. Insgesamt 27 000 Euro wurden von Fans des Projektes gespendet. Das Geld ging vor allem für die Serverkosten drauf. Alles andere durfte nichts kosten.

Auch die Vertonung nicht. Bei modernen Spielen ist es Standard, dass die Spieler sich nicht mehr durch seitenweise Textwüsten klicken, sondern professionelle Sprecher genau wie im Film Dialoge vertonen. Aber wie macht man das ohne Geld? Wieder lacht Lietzau: „Freundlich fragen“, sagt er. Die Profi-Sprecher, die normalerweise kommerzielle Spiele vertonen, müssen in der Regel zusammenhanglose Sätze vom Blatt ablesen. In welchem Kontext diese stehen, wird oftmals erst klar, wenn das Spiel fertig zusammengebaut worden ist.

Starstimmen für lau - alles eine Frage des Charmes

Bei den Teamtreffen, die regelmäßig in München oder Starnberg stattfanden, kam natürlich auch der Spaß nicht zu kurz.

„Wir haben dagegen viel Zeit und Mühe in Drehbuch und Regie investiert“, berichtet Lietzau. Die Schauspieler agierten nicht im luftleeren Raum, sondern wussten, warum sie das sagen, was sie sagen. „Martin Sabel hat völlig ohne Bezahlung die Hauptrolle übernommen, über zehn Stunden Text eingesprochen, weil es ihm Spaß gemacht hat. Er meinte, es sei eine der interessantesten Rollen seines Lebens gewesen“, berichtet Lietzau, der als Projektleiter für Sure AI tätig war. Die Begeisterung übertrug sich auf andere Sprecher, aber auch auf das Tonstudio „2Day productions“ aus Berlin. Dort fragte man zahlreiche Sprecher, ob sie im Anschluss an ihre bezahlten Aufträge nicht auch noch etwas für die „Enderal“-Programmierer einsprechen würden. Und so tauchen im Spiel heute auch die deutschen Synchronstimmen von Kevin Spacey, Kirsten Stewart und Antonio Banderas auf.

Gegen Ende der Produktion wurde es dann aber doch noch stressig, berichtet Lietzau. Hatte vorher jeder für sich zu Hause gearbeitet, man sich regelmäßig in Starnberg oder München getroffen, so schuftete ein Kernteam zehn Stunden pro Tag in einem Büro, das die Mediadesign-Hochschule bereit stellte.

Der vergessene Spiele-Oscar

Irgendwann im vergangenen Jahr war dann der Punkt gekommen, an dem „Enderal“ das Licht der Welt erblickte. „Die Resonanz darauf hat uns überwältigt“, gibt Lietzau zu. Anderthalb Millionen Downloads. Zum ersten Mal wurde ein Mod in den großen Spielezeitschriften nicht nur wahrgenommen, sondern auch besprochen. Interviewanfragen, Jobangebote – und dann die Nominierung für die Game Awards 2016 in Los Angeles, die Oscars der Spielebranche.

Es hätte der Lohn für all die Mühen sein können, für 30 000 Stunden Arbeit ohne Bezahlung. Und dann wurde bei der Preisverleihung, die weltweit live im Internet übertragen wurde, ausgerechnet die Kategorie „Best Fan Creation“ übergangen. Erst Tage später erfuhren Lietzau und sein Team, dass sie gewonnen hatten.

Schwamm drüber: Im März werden in Austin (Texas) die SXSW Gaming Awards vergeben. Dieses Mal sind die Programmierer von Sure AI eingeladen. Was bei einer Vorstellungsrunde der Erstsemester begann, ist mittlerweile eine riesige Erfolgsgeschichte. Ganz ohne Millionen-Budgets, aber mit Mut, Fleiß und Leidenschaft.

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