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Kunstkabinett Starnberg

Notiz zur Wahrnehmung von Kunst: Ausstellung von Günther D. Förster

Über Kunst schreiben heißt, sich freiwillig in die Schlingen einer Paradoxie zu begeben. Aisthesis meint im griechischen Begriffsursprung: Wahrnehmung.

Wenn nun aber das Künstlerische im Wesentlichen eine Angelegenheit sinnlichen Für-Wahr-Nehmens ist – erledigen dann die Augen, und, je nach Werkformat, die Ohren, der Tastsinn, vielleicht sogar die Nase oder der Geschmack das Kerngeschäft, welches das Eindringen eines Äußeren, namentlich: des Kunstwerks, in die innere Welt des Denkens und Fühlens eines jeden einzelnen Wahrnehmenden ist? Wenn es sich so verhält: wie paradox – wörtlich: wie unglaubwürdig – ist es dann, beschränkt in der Enge schriftlicher Ausdrucksverhältnisse darüber zu reflektieren?

Sie registrieren etwas – und nicht nichts

Der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno, selbst künstlerisch als Komponist tätig (er war Schüler von Alban Berg), hat für den ästhetisch Urteilenden – den, der sich von außerhalb der Kunst eine Meinung über die Kunst bildet – die Metapher vom "Bergmann ohne Licht" geprägt. Im Inneren des Geschehens angelangt, fehlen ihm doch die Werkzeuge, einzuschätzen, worum es eigentlich geht. Die Blindheit der Bergmänner und Bergfrauen, die sich ohne leuchtende Orientierung buchstäblich 'ans Werk' machen, schaltet allerdings die Wahrnehmung nicht aus.

Es lässt sich von der Warte des ästhetischen Urteils aus spüren, dass die Wahrnehmung eingeschränkt ist. Bergarbeiter im lichtlosen Raum sind durchaus befugt, darüber zu befinden, was ihre Sinne ihnen (nicht) sagen. Sie registrieren etwas – und nicht nichts. So geht es vielleicht den anderen Beobachtern, die die ästhetische Sphäre im Sinne einer fremden Zone mit unsicheren Erkenntnisverhältnissen betreten. Sie können sich eigener, mithin: eigentümlicher Wahrnehmungsweisen bedienen, die aber immerzu mit ihrer Subjektivität verknüpft sind.

Die "objektive Ästhetik" von Werken

Die Wissenschaft beispielsweise, das Metier des Autors dieser Zeilen, hat zwar – meint der französische Epistemologe Gaston Bachelard – ihre ganz eigene "Ästhetik des Verstandes". Sinnliches Empfinden spielt dabei aber keine besonders wichtige Rolle. Nähert sich nun die Wissenschaft der Kunst an, besteht die Gefahr des rituellen Schulterzuckens: Zwar lassen sich Materialien, Epoche, Betitelung, Selbstäußerungen der Kreativen usw. einordnen, analysieren, gewissermaßen also akademisch verstofflichen.

Der Kunsttheoretiker Max Bense nennt dies die "objektive Ästhetik" von Werken – anders gesagt, es ist der methodisch erschließbare Anteil. Die Schultern zucken trotzdem, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Es zucken die Schultern derer, denen der Sinn für Kunst fehlt, wobei die Sinne ja durchaus vorhanden sind, die ästhetischen Nuancen jedoch ein blinder Fleck bleiben. Und es zucken die Schultern vieler, denen die Neigung zum nüchternen Durchdenken des Ästhetischen (und damit auch des Sinnlichen) grundsätzlich widerstrebt. Der letztgenannte Fall ist aktiver Widerstand, denn dabei wird gespürt, was verpasst wird, wenn die Sinneseindrücke zu sehr auf das Sinnvolle begrenzt werden.

Verpasst wird das, was Kunst per se zu einem ästhetischen, zu einem Wahrnehmungsabenteuer macht; jene unverdinglichte Substanz, die rätselhaft auf Abstand und sogar im Widerstand zu sachlichen Erkenntnisbedingungen steht; jene sinnliche Qualität also, die sich doch nur bruchstückhaft Betrachtern auferlegt und sie immer wieder zurückkehren, zurückschauen lässt in den Schacht, der zur Kunst nicht hinab, sondern hinauf führt, fern von der lichterfüllten, durchschauten Welt alltäglich-rationalen Agierens.

Günther D. Förster: Impressionen

Paradoxie der Sprachlosigkeit

Die Bilder von Günther D. Förster machen die Paradoxie der Sprachlosigkeit angesichts des ästhetischen Appells der Werke an die Sinne greifbar. Gibt es etwas zu verstehen? Lauert hinter dem Eindruck, der gewonnen wird, eine Bedeutung, die mit abgeholt werden muss? Braucht die Wahrnehmung hermeneutische Tiefenbohrungen zu ihrer Unterstützung? Muss Beleuchtung angebracht werden für das ästhetische (Berg-)Werk? Ästhetik als Wahrnehmung impliziert ein Sich-Einlassen jenseits der Worte, aber in diesseitiger Nähe zum Werk selbst.

Den eigenen Sinnen sollte man nicht misstrauen. Schon gar nicht, wenn sie auf so ansprechende Weise von der Kunst eingeladen werden, sich einzubringen.

Thorsten Benkel

Günther D. Förster im Portrait

Maler Günther D. Förster.

Günther D. Förster wurde 1940 in Nordmähren geboren und studierte von 1961 bis 1966 Freie Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt am Main. Seit 2003 lebt Förster in München, davor verbrachte er seine Zeit in Hessen.

1999 erhielt Förster den Kulturpreis des Main-Kinzig-Kreises. Im selben Jahr veranstaltete er ein deutsch-tschechisches Kulturprojekt mit einem vierteiligen Osterzyklus zur Musik des tschechischen Komponisten Joseph Bohuslav Foerster.

Die Werke von Förster wurden bereits in zahlreichen privaten und öffentlichen Ausstellungen präsentiert. Auch heute noch ist Förster als Maler aktiv.

Ausstellungseröffnung am 29. März 2019 ab 18 Uhr in Starnberg

Die Werke von Günther D. Förster können Sie vom 30. März bis 14. April 2019 jeweils freitags, samstags und sonntags zwischen 14 und 18 Uhr im Kunstkabinett Starnberg bewundern. Schauen Sie vorbei!

Kontakt

Kunstkabinett Starnberg
Hanfelder Str. 82
82319 Starnberg
Tel.: 08151 90340
Fax: 08151 28320
E-Mail: info@kunstkabinett-starnberg.de
Web: www.kunstkabinett-starnberg.de

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