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Einst Praktikant, heute CEO in Oberpfaffenhofen: RUAG-Aerostructures-Chef Alexander Toussaint mit dem Airbus-Erfolgsmodell A320. Die blau eingefärbten Teile des Mittelstreckenjets werden in Oberpfaffenhofen gefertigt und mit Lkw zur Endmontage ins Werk nach Hamburg gebracht.

RUAG Aerostructures 

Höhenflug der Fliegerbauer

Der Luft- und Raumfahrt-Standort Oberpfaffenhofen wächst und gedeiht. Dem auch dort ansässigen RUAG-Konzern füllt dabei vor allem der Flugzeughersteller Airbus die Auftragsbücher. Die Schweizer Investoren haben für ihre Fertigung nun eine „verlängerte Werkbank“ in Ungarn eingerichtet und richten ihren Blick auch in die USA zu Boeing.

Oberpfaffenhofen Die Schweizer hatten Ende 2002 ein sehr feines Näschen bewiesen, als sie nach der Insolvenz von Fairchild Dornier die Airbus-Komponentenfertigung samt der Mitarbeiter in Oberpfaffenhofen übernahmen. Die Herstellung der Rumpfteile ist der wohl mit Abstand erfolgreichste Bereich, der die damalige Dornier-Pleite dauerhaft überlebte. Für den Untergang des traditionsreichen Flugzeugherstellers war damals bekanntlich auch die Luftfahrtkrise infolge der Terroranschläge des 11. Septembers 2001 verantwortlich.

Von der Krise ist heute in der Luftfahrt nichts mehr zu spüren. Ganz im Gegenteil: Die großen Rivalen Boeing und Airbus produzieren in den USA und Europa Flugzeuge im Akkord und liefern sich seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Airbus wiederum ist der Hauptkunde der RUAG-Division Aerostructures, die in Oberpfaffenhofen Rumpfteile für mehrere Flugzeughersteller fertigt. In beachtlichen Stückzahlen verlassen am Sonderflughafen vor allem die mittleren und hinteren Komponenten des A320 die Werks-Hallen. Das Modell für die Mittelstrecke findet seit einigen Jahren unter anderem in Asien reißenden Absatz.

Die Folge: Auch in der Oberpfaffenhofener-RUAG-Division läuft das Geschäft wie geschmiert. „Wir haben ein gut gefülltes Orderbook“, sagt CEO Alexander Toussaint in aller Bescheidenheit. Der Umsatz stieg seinen Angaben nach 2016 auf 236 Millionen Schweizer Franken, 2015 hatte RUAG Aerostructures noch 196 Millionen Schweizer Franken erwirtschaftet.

Die fertig zusammengenieteten Teile für den A320 rollen dreimal täglich aus den zwei Hallen am Sonderflughafen und werden per Lkw auf die Reise nach Hamburg geschickt. Dort erfolgt die Endmontage der Airbus-Modelle. Bis 2018 will die RUAG den Takt weiter erhöhen und 60 Flugzeuge pro Monat bestücken. Dafür ist auch die „verlängerte Werkbank“ in Ungarn nötig.

60 Mitarbeiter von dem neuen Fertigungsstandort im ungarischen Eger wurden laut CEO Toussaint bei der Aero-Bildung GmbH in Oberpfaffenhofen geschult, am 1. März wurde ihr Standort in Ungarn eröffnet. Die Männer und Frauen bauen dort jetzt so genannte Untergruppen, die dann in Oberpfaffenhofen weiterverarbeitet und an Airbus und Bombardier geliefert werden.

Die Mitarbeiter in Eger, deren Zahl bis Ende 2017 auf 160 steigen soll, verdienen nur halb so viel Geld wie ihre Kollegen in Deutschland. Natürlich sei der „Kostenfaktor“ ein Grund für die Standortwahl gewesen, räumt CEO Toussaint ein. Neben Ungarn hatte er auch Standorte in Rumänien, Polen und der Türkei im Blick. „Meines Erachtens ist es der Weg, um langfristig das Überleben abzusichern“, sagt der RUAG-Chef zu dem in der Industrie gängigen Weg, Produktionen ins Ausland zu verlagern. Auf die beiden Stammwerke in der Schweiz und in Oberpfaffenhofen und insbesondere deren Arbeitsplätze habe das neue Werk in Ungarn aber „nach aktuellem Stand keine Auswirkungen“, versichert der CEO.

Toussaint ist jetzt Chef von drei Standorten, sein Ziel ist ein vierter in den USA. Denn die RUAG will langfristig auch mit Boeing ins Geschäft kommen und für die US-Amerikaner ebenso Flugzeugkomponenten fertigen wie für die Europäer. „Es ist unsere klare Absicht, auf den amerikanischen Kontinent zu gehen“, betont der 49-Jährige. Auch wenn das politische Umfeld derzeit schwierig sei, sagt Toussaint zu den von Präsident Donald Trump ins Spiel gebrachten Strafzöllen auf nichtamerikanische Produkte.

Gespannt ist der CEO derweil auf die Entwicklung in Oberpfaffenhofen nach dem Verkauf des Sonderflughafens. Ihn haben bekanntlich zwei Immobilienentwickler erworben. Wie berichtet, haben diese jetzt die Möglichkeit, 400 000 Quadratmeter mit Gebäuden für „flugaffines Gewerbe“ zu bebauen. 30 000 Quadratmeter hat die RUAG angemietet, die Mietpreisvereinbarung reiche bis 2020, erklärt Toussaint. Wie es danach weitergeht, ist noch offen. Man stehe aber in Verhandlungen, sagt der 49-Jährige mit viel Zuversicht.

Der oberbayerische Standort macht dem Chef sichtlich Freude. Das liegt vielleicht auch daran, dass in Oberpfaffenhofen 1989 seine berufliche Karriere begann: „Ich hatte bei Dornier mein erstes Praktikum und an der DO228 rumgeschraubt“, erinnert sich der 49-Jährige. Das robuste Propellerflugzeug mit der markanten Nase hat die RUAG bekanntlich auch vor einigen Jahren in Oberpfaffenhofen aus dem Dornröschenschlaf geholt. Die Division „Aviation“ baut das Flugzeug jetzt als „New Generation“ – unter anderem mit einem modernen Cockpit und neuen Propellern – und hat schon mehrere Maschinen an Kunden in aller Welt ausgeliefert.

Jörg von Rohland

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