Wie entfesselt

Feldafing - Der Verein Jazz am See sorgt wieder und wieder für Höhepunkte. Einst in der Gemeindebücherei, mittlerweile im neuen Bürgersaal. Un darin brummte es gewaltig, als am Samstag "Organ Explosion" auf die Bühne trat.

Drei Mann und eine für Luftkühlung des E-Pianos sorgende Zentrifuge, dazu ein Kabelsalat, als ob ganze Heerscharen von Bühnen-Roadies vorher die Elektrik verlegt hätten – man fürchtete beim Auftritt der Münchner Formation „Organ Explosion“ im Feldafinger Bürgersaal, die Stromversorgung des Ortes werde demnächst wegen Überlastung zusammenbrechen. Was dann kam, war in der Tat energetische Voll-Last, denn dieses Trio hat einige Wurzeln aus der Funk-Ära ausgegraben und mit frischem „organischem“ Dünger gepäppelt.

Es machte auch nichts, dass sich der Keyboarder und Stückeschreiber von „Organ Explosion“, Hansi Enzensberger, den Fuß gebrochen hatte – „Piano spielt man schließlich mit den Händen“, stellte der Jazz-am-See-Vorsitzende Bernhard Sontheim bei der Begrüßung zutreffender Weise fest. Und dann ging’s los mit einer elektrifizierten Reggae-Nummer namens „Positive Vibrations“, die gleich mal einen fett daher gockelnden E-Bass (Ludwig Klöckner) auf Lager hatte und Drummer Manfred Mildenberger den ersten Solo-Ausflug gestattete.

Groove von der ersten Sekunde an, so könnte die Zielsetzung an diesem Abend gelautet haben. „Organ Explosion“, im „Jazz-am-See“-Heft als „Vintage-Krassomaten“ angekündigt, arbeiten nach dem Prinzip der Bündelung und Entfesselung von Kräften – Bass-and-Drum geben ein meist „tief im Keller“ gründelndes Motiv vor, Enzensbergers Keyboards turnen derweil in immer ekstatischere Höhen, bis dann auch die beiden Kellerkinder ihre Hemmungen abstreifen. So entstand schon in den siebziger Jahren Fusion-Jazz mit Elementen des Funk und Rock, ein fiebriges, zur Überhitzung neigendes Gebräu, das wirklich ab und an Kühlung braucht.

Enzensberger treibt die skalpellartige Schärfe seiner Keys auf geradezu schmerzhafte Spitzen, aber anders als bei den musikalischen Vorvätern klingt das nicht so nach pathetischer Selbstvergessenheit, sondern mehr nach augenzwinkerndem Spiel mit Zitaten: Da kreist eine Eigenkomposition in schön „schleichender“ Weise um das Thema „Mafia“ und hört sich an, als wäre der „Pink Panther“ kriminell geworden; da lässt ein „Benz“ betiteltes Stück nach dem Vorglühen so richtig die Pferdestärken los. Ein anderes wurde „Fuzz Three“ überschrieben und nutzt einen Verzerrer-Effekt, den man von Punkgitarren kannte. Ein weiteres heißt einfach nur „Käse hoch 3“ – allesamt Nummern, bei denen sich die drei Akteure so richtig austoben können.

Origineller Höhepunkt war ein mit Keyboard-Geräuscheffekten vom Zaun gebrochenes minutenlanges Duell zwischen Enzensberger und Mildenberger, das akustisch nach Gameboy-Spielen und Laserschwertern schmeckte. Entfesselt jaulender Piano-Sound, knackige Bässe, wuchtiges Schlagzeug. Aber sie können auch anders, wenn sie zum Beispiel in dem Stück „Banane“ ganz langsam und genussvoll die Schale abstreifen und verkosten – doch auch das ist ja nur organisches Material.

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