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Eine Dampflok der Baureihe „01“ (Baujahr 1925-1938) hat Christoph Sening zwischen Dießen und Raisting entdeckt.

Ausstellung und Vortrag

Jäger der verlorenen Dampfloks

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Dampfloks sind die Leidenschaft von Christoph Sening. Der Pöckinger fotografiert sie seit 1962. Die besten Bilder und ihre Geschichte stellt er jetzt in Starnberg vor.

Starnberg/Pöcking – Christoph Sening sitzt in seinem Wohnzimmer auf einem beigen Stoffsofa, auf dem Schoß ein Fotoalbum. Er spricht über eine besonders kraftvolle Dampflok, die 01.10 – drei Zylinder, 2470 PS stark. Der 78-Jährige bläst die Backen auf und ahmt das Geräusch nach. „Es klang wie ein Tiger, es war ein Spitzenanblick.“ Seine Stimme bebt regelrecht. Wie ein Jäger lauerte Sening diesem Tiger vor 14 Jahren zwischen Dießen und Raisting auf.

Sening: „Das sind Momente, die gibt es nur einmal“

Christoph Sening faszinieren Eisenbahnen in Natur und im Modell gleichermaßen.

Seit 1962 fotografiert der Pöckinger Dampfloks. Heute stehen deren Sonderfahrten im Internet. Früher war es nicht ganz so einfach. Da bekam der Hobbyfotograf einen Tipp, wann der Zug ungefähr wo vorbeifährt. Für das beste Foto stieg er dann auch auf Bäume – und musste dort warten. „Manchmal dauerte es Stunden.“ Er hat viele Lieblingsstellen quer verteilt im Landkreis. Die Perspektive muss einfach stimmen. „Das ist eine strategische Überlegung.“ Sening fotografiert noch heute mit seiner alten Leica R3. Immer mit 72 Grad Brennwinkel, langer Brennweite und mit Stativ. „Damit entstehen Bilder, so wie das menschliche Auge blickt.“ Erst seit 1983 fotografiert er farbig, davor war ihm die Qualität zu schlecht.

Angefangen hat alles mit einem Geschenk seines Onkels, einem Lokführer. Er schenkte dem kleinen Christoph eine Modelleisenbahn von Märklin. Sein Vater war Berufsfotograf. Und so kam für den späteren Verwaltungsrichter eins zum anderen. In Urlauben fotografierte er in ganz Deutschland Dampflokomotiven. Sein Vater hat viele der mittlerweile 1500 Negative entwickelt.

Natürlich gab es diese ganz besonderen Erlebnisse. Ein badischer Zug, der von Weilheim aus startet. „Das sind Momente, die gibt es nur einmal.“ Oder eben die Dampflok „01“ zwischen Dießen und Raisting. „Ein infernalisch schönes Bild.“

Wenn Sening über das Fahren einer Dampflok spricht, wird seine Sprache bild- und märchenhaft. Dann schwärmt er von einer „schwülwarmen Atmosphäre“ und dem „Arbeiten der Schweißwasserpumpe. Eine Atmosphäre wie im Bullenstall.“ Gerne zitiert er einen Satz seines Bruders: „Eine Dampflok fährt man nicht – die reitet man.“

Seine Modelleisenbahnen lässt Sening nur ganz langsam fahren

Einige Bahnbeschäftigte kannte Sening. Wenn sie ihn aus der Ferne mit seinem Stativ stehen sahen, legten manche extra Kohlen nach, um ihm ein besonderes Motiv zu liefern, nicht nur weißen Rauch. „Das war ein Höllenfeuer. Die waren so lieb.“

Das Fachwissen über Dampfloks hat sich der Pöckinger angelesen. Im Obergeschoss hat er eine hauseigene Bibliothek, im Keller seine Modelleisenbahn. Die lässt Sening nur langsam fahren. „Ich will mir jeden Meter auf der Zunge zergehen lassen.“

Sening liebt Dampfloks, denn:  „Die heutigen Loks sind optisch tot“

Spricht man ihn aber auf die heutigen Loks in der Realität an, elektrisch oder mit Diesel betrieben, schlägt seine märchenhafte Sprache schnell in eine dramatische um. „Es ist alles verloren und vergangen, die Rauchwolken sind verflogen“, sagt er. „Die heutigen Loks sind optisch tot. Die Dampfloks hatten PS nach Hausmacherart, heute geht alles per Knopfdruck.“ Sening bleiben die Erinnerungen jahrzehntelanger Fotografie der Dampfloks – und heutige Sonderfahrten seiner Lieblinge. Im Sommer ist es wieder so weit. In Utting am Ammersee kommt eine Dampflok aus Augsburg an, Baureihe 38. Sening wird sie fotografieren.

Über besondere Bilder und ihre Geschichte – überwiegend von der Route am Ammersee, wo Sening aufgewachsen ist – spricht er am Donnerstagabend im Museum Starnberger See. Beginn ist um 20 Uhr, Eintritt drei Euro.

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