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Das Haus gehörte einst seinen Großeltern: Deshalb will Dr. Klaus Faust die alte Mühle in Maising sanieren.

Mehrgenerationen-Projekt geplant

Geschichtsträchtiges Haus: Kinder aus schwierigen Verhältnissen sollen in alte Mühle ziehen

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Dr. Klaus Faust will die marode Maisinger Mühle erhalten und wiederbeleben – aus persönlicher Verbundenheit. In das geschichtsträchtige Gebäude, einst Lieblingscafé von Kaiserin Sisi, sollen Kinder einziehen, die wegen schwieriger Familienverhältnisse nicht zu Hause wohnen können. Und Senioren.

Maising Die Vergangenheit der alten Mühle in Maising ist weiß, rot, gelb und blau. Die Farben stehen für die Epochen, die das Haus erlebt hat. Sie alle scheinen durch die heute himmelblaue Fassade des maroden Gebäudes – dort, wo Briefkästen und Markisen montiert waren oder wo gleich mehrere Putzschichten abgeblättert sind.

Dr. Klaus Faust hat die rote Phase miterlebt. In seiner Jugend wohnten seine Großeltern in der Mühle. „Hier habe ich das Autofahren gelernt“, sagt der 68-Jährige, der wahlweise in Tutzing und in München wohnt. Er steht vor dem verwucherten Eingang unter der Sonnenuhr und schaut in die Zukunft. „Der Makler hat gesagt, das Haus kann man nur abreißen. Aber wir haben es gekauft, um es zu erhalten. Das ist doch wichtig für die dörfliche Struktur.“ Wir, damit meint Faust auch seine Frau Dr. Sabine Frey. Zusammen führen sie das Modeunternehmen Lodenfrey mit Sitz in Garching. Das Engagement für die Mühle sei aber rein privat, betont Faust.

Das Gebäude wurde nicht immer gut behandelt. Es hat mehrere Eigentümerwechsel hinter sich, war immer wieder der Feuchtigkeit ausgesetzt. In manchen Räumen fehlen die Böden, sie gleichen Sandkästen. Herausgerissene Badewannen liegen auf dem Flur. Faust rechnet mit einer Investition von rund zwei Millionen Euro.

Knallig verlassen: ein früheres Esszimmer im Erdgeschoss.

Mit einem Mieter sind sich die Investoren schon einig: mit der heilpädagogisch-psychotherapeutischen Kinder- und Jugendhilfe (HPHK). Der Münchner Verein bietet Kindern und Jugendlichen ein Zuhause, die selbst (vorübergehend) keines mehr haben – weil dort häusliche Gewalt herrscht oder weil die Eltern in die Armut oder eine Sucht gerutscht sind.

„Unser großes Ziel ist es, die Familien wieder zusammenzuführen“, sagt Geschäftsführerin Angela Bauer dem Starnberger Merkur am Telefon. Ein ruhiges, übersichtliches Umfeld wie in Maising könne sehr heilsam sein. Zwei Wohngruppen mit jeweils vier Kindern sollen im ersten Stock der Mühle unterkommen. Geplant sind Einzelzimmer, Besprechungs- und Arbeitsräume. Eltern sollen, wenn es in einzelnen Fällen Sinn macht, auch dort wohnen können. Die HPHK schreibt in ihrem Konzept für Maising außerdem von „Schul- und Lernerfahrungen im angstfreien Raum“.

Dr. Klaus Faust sagt, er habe per Zufall erfahren, dass das Haus zu verkaufen steht. „Wir hatten das nicht vor“, betont er. Bis er seine Tochter bei einem Pfadfinderlager in der Gegend besuchte – und den Hinweis bekam.

Beim Gang durch die Mühle reist Faust in die Vergangenheit. Verlassen und doch lebendig wirkt ein altes Esszimmer mit knallig-roten Wänden und einer Eckbank. Dann betritt der 68-Jährige den größten Raum im Erdgeschoss. Er ist heruntergekommen und mit den massiven Holzbalken heimelig zugleich. Faust kann sich dort einen Gemeinschafts- oder Spielraum für die Kinder vorstellen. „Meine Großeltern haben hier gefeiert“, erzählt er. Der alte Kachelofen geht noch, die Mühlenwaage ist ein Relikt aus lange vergangenen Zeiten.

Laut Ortschronik reicht die Mühlengeschichte in Maising bis ins Jahr 1138 zurück. Eine Urkunde belegt, dass Bischof Otto von Bamberg drei Mühlen in Maising an das Kloster Dießen übereignete. Bekannt wurde das große Haus am Mühlbach als Wirtshaus ab 1880. Weil die Bauern oft stundenlang warten mussten, bis ihr Getreide gemahlen war, beschloss Müllermeister Sebastian Bartl, Bier auszuschenken. Gelegentlich und unangemeldet ritt sogar Kaiserin Sisi vom Starnberger See nach Maising – um ihr „Lieblingscafé“ zu besuchen.

Im größten Zimmer des Erdgeschosses mit den massiven Holzbalken soll ein Gemeinschaftsraum für die Kinder und Jugendlichen entstehen.

Die Mühle war bis 1953 in Betrieb, ein Wasserkraftwerk folgte an ihrer Stelle. Heute plätschert der Mühlbach abseits davon vorbei. Das gelbe Schild „Achtung! Anlage läuft automatisch“ hängt trotzdem noch. Die Natur holt sich das riesige Grundstück immer mehr zurück. Und doch kann man sich gut vorstellen, wie sich Kinder dort austoben. Faust malt sich aber auch aus, wie Senioren auf der Hausbank sitzen oder Beete anlegen. Seine Idee für das Untergeschoss: bezahlbare Apartments für Ältere. „Das würde gut passen“, sagt er. Die Mühle könnte also zum Mehrgenerationenhaus werden.

Flexibel planen, vor allem genügend Toiletten und Wasseranschlüsse, damit alle Ecken des Gebäudes bewohnbar sind: Das haben sich die Investoren vorgenommen. Man weiß ja nie. Am Sanieren des historischen, aber nicht denkmalgeschützten Hauses kann Faust niemand hindern. Eine bürokratische Hürde gibt es trotzdem. Die Gemeinde musste den Bebauungsplan ändern, weil im Umfeld nur zwei Wohnungen pro Haus zugelassen sind. Darauf habe das Landratsamt bestanden und keine Befreiung erteilt, erklärt Pöckings Bürgermeister Rainer Schnitzler auf Nachfrage.

Einige nasse Parkettböden ließen die Eigentümer schon entfernen. Mitte des Jahres sollen die Bauarbeiten beginnen, im Laufe des Jahres 2021 soll das Haus fertig sein. Ob es himmelblau bleibt, weiß Klaus Faust noch nicht. Er sagt: „Eventuell wird es wieder weiß.“

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Ein anderes historisches Haus in Pöcking wird derzeit saniert: der Gasthof Schauer in Possenhofen.

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