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Ein solcher Anblick hat auch im weltoffenen Pöcking Seltenheitswert. Das Onidaiko-Ensemble von der Insel Sado im chinesischen Meer bei seinem gemeinsamen Auftritt mit der Pöckinger Blaskapelle und dem Trommlerzug.

Deutsch-Japanisches Weisswurstfrühstück

München, Paris, Mailand, Pöcking

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München, Paris, Mailand – Pöcking? Der inoffizielle Tourauftakt des japanischen Kodo-Ensembles, das gerade auf großer Konzertreise durch Europa ist, fand auf dem Parkplatz vom Metzger Lutz statt. Eine Geschichte über Freundschaft, Tradition und Würste.

Pöcking – Shogo Watanabe strahlt an diesem trüben Wintersonntagmorgen und verbeugt sich tief vor Metzgermeister Siegfried Lutz. Traditionen sind wichtig, Respekt ist Ehrensache in Japan. Insbesondere, wenn man seinem Lehrmeister gegenübersteht.

Es war 1997. Shogo Watanabe war gerade mal 18 Jahre, als er als neuer Auszubildender bei Siegfried Lutz anfing. Gute 16 Flugstunden von zu Hause auf der Insel Sado im chinesischen Meer entfernt. Und doch wurde „der Shogo“, wie sie ihn in Pöcking alle nennen, schnell heimisch in Oberbayern. Was blieb ihm auch übrig: „Mein Vater ist auch Metzger. Als ich zehn Jahre alt war, haben wir die Metzgerei Lutz in Pöcking besichtigt. Und da hat er schon gesagt: Mein Shogo, der lernt hier das Würstemachen.“

Die Japaner lieben deutsche Würste. „Das geht auf eine winzige deutsche Kolonie im chinesischen Meer zurück“, berichtet Oliver Lutz, der die Metzgerei seines Vaters mittlerweile übernommen hat. Im Ersten Weltkrieg besetzten die Japaner die Insel und nahmen die Deutschen als Kriegsgefangene – auch die Metzger.

Familientreffen: Oliver (l.), Siegfried und Elfriede Lutz mit ihrem ehemaligen Lehrling Shogo Watanabe.

Diese blieben nach Kriegsende auf der Insel der aufgehenden Sonne, weil die Japaner auf den Geschmack gekommen waren. „Einige der größten Metzgereien in Japan hatten deutsche Gründer“, berichtet Siegfried Lutz. Er hatte seit 1984 immer wieder japanische Lehrlinge. Zuerst den Ishiro, der mittlerweile ein großes Geschäft in Tokio betreibt. „Da war ich damals zur Eröffnung. 20 000 Flyer hat er drucken lassen, zweimal pro Tag war Party“, sagt Lutz und strahlt. Die Würste nach Pöckinger Rezept sind der Renner in Japan. 1992 war sein Sohn Oliver für neun Monate als Praktikant beim Ishiro in Tokio. „Binnen weniger Wochen musste ich Japanisch lernen, um mich mit den Kollegen und Kunden verständigen zu können“, berichtet Oliver Lutz. Ehrensache, dass er am Sonntag die japanischen Gäste in ihrer Heimatsprache begrüßte, als er sie vom Bahnhof abholte.

Denn Shogo Watanabe hat neben deutschen Würsten eine zweite Leidenschaft: Seit vielen Jahren ist er Mitglied eines berühmten Onidaiko-Ensembles auf der Insel Sado. Gemeinsam mit Kodo-Musikern (das sind die mit den Riesentrommeln) sind er und seine Mittänzer derzeit auf Tour durch Europa. Und kaum in Deutschland angekommen – das Ensemble hatte gestern und heute Auftritte im Gasteig in München – saßen die Künstler schon in der S-Bahn nach Possenhofen.

Ein Besuch beim alten Lehrmeister und seiner Familie, die längst auch zur Familie von Shogo Watanabe gehören. „Erst mal ein Paar Weißwürscht und ein Weißbier“, sagt er. Kaum ausgesprochen, stehen Teller und Glas bereits vor ihm. „Herrlich“, schwärmt er, „das sind meine Lieblingswürste.“

Keine Berührungsängste: Die Pöckinger wagten sich todesmutig an die traditionellen Kostüme heran.

Während seine Ensemblekollegen noch vorsichtig Handyfotos von ihrem bayerischen Frühstück und dem Andechser Weißbier machen, haut der Metzger rein. Vier Jahre hat er in Pöcking gearbeitet, seine Ausbildung gemacht, danach als Geselle mit angepackt. „Eigentlich wollte der Shogo noch seinen Meister machen. Aber dann wurde sein Vater krank und er musste nach Hause, sich um das Geschäft kümmern“, berichtet Siegfried Lutz.

Das Geschäft auf der Insel Sado ist groß. Vor allem Tiefkühlware wird hier verarbeitet. Aber auch jede Menge bayerische Wurst ist im Angebot: „Da merkt man, dass er hier was gelernt hat. Die schmeckt wie bei uns“, sagt der erfahrene Metzgermeister. Ansonsten sei japanische Wurst geschmacklich schon anders – weniger Salz, andere Gewürze – aber nicht beim Shogo. Man merkt Lutz an, wie stolz er auf seinen ehemaligen Zögling ist. „Der hat bei uns gewohnt und gehörte zur Familie“, sagt er. Und lobt: „Der Shogo war so einer: Wenn es um neun Frühstück gab, saß er am Tisch. Immer. Auch wenn er bis fünf Uhr morgens gefeiert hatte.“

Deutsch-japanisches Weißwurstfrühstück: Bilder vom Besuch des Kodo-Ensembles in Pöcking

Und feiern, das können seine japanischen Lehrlinge. „Der Toshijuki, der hat, bevor er wieder nach Hause ging, in Mittenwald noch die Häuser fotografiert. Heute steht bei Osaka eine bayerische Wirtschaft. Und am Tresen der Toshijuki in seinen Lederhosen von der Pöckinger Burschenschaft“, erzählt der Senior und lacht lauthals. Auch seine Frau Elfriede ist froh, den Shogo wieder einmal bei sich zu haben. Lächelnd erzählt sie, wie sie ihn damals ins Auto geladen und in die Unfallklinik nach Murnau gefahren hat, als er sich beim Skifahren den Fuß gebrochen hatte.

Der ganze Ort feiert mit

Und weil Pöcking nun mal Pöcking ist, feiert der halbe Ort beim deutsch-japanischen Familientreffen mit. Die Blaskapelle trudelt langsam ein, der Trommlerzug, die Faschingsgesellschaft will auch noch Hallo sagen. Der Parkplatz der Metzgerei ist längst gesäumt von unzähligen Schaulustigen, die sich den gemeinsamen Auftritt von oberbayerischer Blasmusik und japanischer Tanzkunst nicht entgehen lassen wollen.

Die Pöckinger spielen, dann sind die Japaner dran. Ihre aufwändigen Kostüme werden bestaunt, es wird getrommelt, geflötet und getanzt. Und siehe da: Da mag die Insel Sado am anderen Ende der Welt liegen, wie sie will. „Die schauen ja fast aus wie die Perchten!“ sagt eine Zuschauerin. Und damit hat sie sogar recht. So nah können sich das schöne Oberbayern und der Ferne Osten sein.

Eine knappe Stunde wird gemeinsam musiziert und geratscht, fotografieren Pöckinger exotische Japaner und Japaner exotische Pöckinger, dann müssen der Shogo und seine Freunde zurück nach München, um sich auf den Auftritt am Abend vorzubereiten. Heute München, bald Mailand und Paris. Aber Pöcking, das wird dem japanischen Metzger und seinen Kollegen doch in ganz besonderer Erinnerung bleiben.

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