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Ein Buch-Projekt über die NS-Zeit in Pöcking wollen Erich Kasberger und Prof. Dr. Marita Krauss mit Unterstützung der Gemeinde umsetzen, hier mit Dritter Bürgermeisterin Ameli Erhard und Bürgermeister Rainer Schnitzler.

Nazi-Studie in Pöcking

Ein Dorf stellt sich seiner Geschichte

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Die Gemeinde Pöcking hat zwei namhafte Historiker beauftragt, die Geschichte des Ortes während des NS-Regimes aufzuarbeiten. Aus über 20 Aktenordnern voller Material soll nun ein Buch entstehen.

Pöcking – Die Frage stellt sich bestimmt so mancher: Warum jetzt? Und was soll das heute bringen, nach 84 Jahren? Prof. Dr. Marita Krauss muss nicht lange nachdenken: „In der Türkei und den USA wird momentan vor allem per Dekret regiert. Das bedeutet, dass die Regierung nur noch anweist, das Parlament gar nicht mehr gefragt wird.“ 1933 wickelten die Nazis binnen weniger Wochen den Rechtsstaat ab. Per Dekret. Die polnische Regierung versucht gerade, die Gewaltenteilung zwischen Legislative (Parlament), Exekutive (Regierung) und Judikative (Gerichte) abzuschaffen. Genau wie es die Nazis 1933 taten. „Die Gefahr ist nicht gebannt“, sagt sie. Nur wenn wir aus der Geschichte lernen, machen wir die selben Fehler nicht noch einmal.

Gemeinderat entschied sich einstimmig für den Auftrag

Dafür muss man die Geschichte aber auch kennen – im Großen wie im Kleinen. Im Kleinen, genauer gesagt in Pöcking, wird sie gerade aufgearbeitet. 2014 war es, als man beschämt feststellte, dass Adolf Hitler immer noch in den meisten Gemeinden des Landkreises als Ehrenbürger geführt worden war. Auch in Pöcking.

„Damals wollten wir im Gemeinderat mehr darüber wissen, wie sich die Pöckinger in der Nazizeit verhalten haben“, erinnert sich die dritte Bürgermeisterin Ameli Erhard (SPD). Einstimmig beschloss der Rat, Marita Krauss und Erich Kasberger damit zu beauftragen, die dunkelste Phase der Ortsgeschichte aufzuarbeiten.

Marita Krauss wohnt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Pöcking und ist Professorin für Europäische Regionalgeschichte sowie Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg. Im heutigen Rathaus, der damaligen Volksschule, wurde der Grundstein für ihre wissenschaftliche Karriere gelegt, später gab sie an selber Stelle Erich Kasberger das Ja-Wort.

Bürgermeister: „Wir wollten niemanden an den Pranger stellen“

„Eines war von Anfang an klar: Wir wollten niemanden an den Pranger stellen. Viele Nachfahren der Bewohner von damals wohnen immer noch in Pöcking. Es wäre kompletter Unsinn, sie für Taten ihrer Vorfahren verantwortlich zu machen“, sagt Bürgermeister Rainer Schnitzler, als gestern das Projekt vorgestellt wird. Auch sein Großvater tauchte in den Unterlagen auf. Damals, als nach der Machtergreifung in Pöcking die Straßennamen geändert wurden. „Ich fühle mich dadurch nicht belastet“, sagt Schnitzler: „Wichtig ist doch nur, dass wir die Lehren daraus gezogen haben.“

„Bei unseren Recherchen ist – soviel kann man heute schon sagen – herausgekommen, dass es in Pöcking keine Kriegsverbrecher gab“, sagt Marita Krauss. Die Forschung konzentriere sich allerdings auch eher darauf, wie sich die Pöckinger mit dem Regime arrangierten, wie sie die bestehenden Handlungsspielräume nutzten. Dabei wurde auch die Geschichte des damaligen Bürgermeisters und Großbauern Michael Ruhdorfer beleuchtet, nach dem auch heute noch eine Straße in Pöcking benannt ist. 

Er war NSDAP-Mitglied und Ortsgruppenleiter. Ruhdorfer habe aber auch mit Fritz Bensinger einen jüdischen Viehhändler ohne Judenstern und Lageraufenthalt durch die NS-Zeit gebracht und auch nichts gegen die verfolgten Juden unternommen, berichtet Marita Krauss. „Der Grund lag wohl in seinem patriarchalisch-bäuerlichen Selbstbewusstsein“, sagt sie. Ruhdorfer habe – im Gegensatz zu seinen Amtskollegen aus Kempfenhausen oder Herrsching – auch niemals Leute bei der Gestapo angeschwärzt, die sich im Wirtshaus kritisch äußerten.

Erstellung des Buches kostet 34 000 Euro

„Wir wollen erforschen, was das kleine, katholische Pöcking von gleichgroßen protestantischen Gemeinden in Franken, aber auch von mittleren und größeren Städten unterscheidet“, so Marita Krauss weiter. Jede Menge Material kam dabei zusammen – auch über Zwangsenteignungen der Villen jüdischer Besitzer und das dunkle Kapitel der Zwangsarbeit.

In den kommenden Monaten sollen all diese Ergebnisse in einem Buch zusammengefasst werden. „Es wird bezahlbar und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich“, versprechen die Autoren und der Bürgermeister. Nach dem Erscheinen soll eine ganze Reihe von (Vortrags-)veranstaltungen organisiert werden, um die Ergebnisse mit den Pöckingern zu diskutieren.

34 000 Euro kostet die Erstellung des Buches. 20 000 Euro schießen Sponsoren zu, 14 000 Euro die Gemeinde. Damit hat aber Pöcking dann auch im kommenden Jahr als erstes Dorf im Landkreis umfassend seine NS-Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten lassen.

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