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Ohren zu: Das Signal aus den gelben Kästen am Gleis muss laute Baugeräusche übertönen, um Arbeiter zu warnen. Die Pöckingerin Monika Wolf hörte das Hupen wochenlang laut im Wohnzimmer.

Bürger-Beschwerden 

Nervtötende Lebensversicherung: Das steckt hinter den Warnhupen auf Bahn-Baustellen 

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Mit dem Ende der Gleiserneuerung zwischen Starnberg und Tutzing verstummen auch die lauten Warnhörner. Vielen Menschen am Starnberger See raubten sie wochenlang den Schlaf, doch für die Arbeiter der Bahn sind die Hupen überlebenswichtig.

Pöcking – 70 Dezibel hat Monika Wolf neulich in ihrer Wohnung an der Feichtetstraße in Pöcking gemessen – bei geschlossenen Fenstern. Das entspricht etwa der Lautstärke eines Staubsaugers. Nur dass der nicht hysterisch pfeift, sondern eher konstant vor sich hin rauscht. „Die letzten vier Wochen waren schrecklich“, sagt die 54-Jährige. Sie spricht von den am Mittwoch endenden Gleisbauarbeiten der Bahn, aber in erster Linie von „dem fürchterlich nervenden Heulton“ der automatischen Warnanlage für die Gleisarbeiter: gelbe Kästen mit Lautsprechern, die auf Stativen am Rande der Schienen stehen und herannahende Züge ankündigen. Umgangssprachlich ist von der „Rottenwarnanlage“ die Rede, weil das Baustellenpersonal auch „Rotte“ genannt wird. Der vergangene Sonntag sei besonders schlimm gewesen, sagt Wolf: Die Hupe heulte unter anderem dreimal zwischen 6 und 8 Uhr morgens jeweils eine Minute in Dauerschleife.

Monika Wolf wohnt mit ihrem Mann in der so genannten Apothekersiedlung, nah an den Gleisen westlich des S-Bahnhofs Possenhofen. Eines von rund 30 Warnhörnern stand nur 60 Meter von ihrem Zuhause entfernt. Die Wolfs waren unmittelbar betroffen. Doch auch vielen anderen Pöckingern, Starnbergern, Feldafingern und Tutzingern raubte das laute Hupen in den vergangenen Wochen den Schlaf. Beschwerden erreichten die Gemeinden, das Landratsamt und die Bahn. An diesem Mittwoch verschwindet der Lärm. Die Bahn beendet ihre Baustelle planmäßig, auf den knapp acht Kilometern zwischen Starnberg und Tutzing hatte sie mit 600 Meter langen Bauzügen die Gleise erneuert.

Der Zug selbst schaltet die Rottenwarnanlage ein

Trotz der Maßnahme fuhren Züge auf einem Gleis, auch spätabends und frühmorgens. Die Gleisarbeiter waren rund um die Uhr im Einsatz – und die Warnhörner in der Wahrnehmung der Bürger öfter als beabsichtigt. Ein Bahnsprecher sagt auf Nachfrage: „Ich kann den Zehn-Minuten-Takt so nicht bestätigen. Die Rottenwarnanlage wird nur dann eingeschaltet, wenn sich ein Zug nähert – und zwar durch den Zug selbst.“ Das funktioniere über Kontakte auf den Schienen. Der Bahnsprecher verteidigt die Signalhörner vehement: „Sie retten Leben. Sie sind wie der Karbonkäfig im Formel-1-Auto. Seit sie im Einsatz sind, kommt es bei Gleisarbeiten zu wesentlich weniger Unfällen.“ Und er sagt: „Das Hupen muss die Baugeräusche übertönen. Selbst, wer gerade mit einem lauten Bohrer arbeitet, muss es hören können.“ Gerade in der Dunkelheit seien die Züge erst sehr spät zu sehen. Und übrigens: Die Anlage verfüge über eine automatische Pegelanpassung. Sie messe den Umgebungslärm und passe die Lautstärke des Signaltons automatisch an.

Bahn braucht keine Baugenehmigung

Lautstärkenunterschiede hat Monika Wolf nicht ausgemacht. Die Pöckingerin hat dafür Gemeinde, Gesundheitsamt und die Bahn angeschrieben. Ohne Erfolg und großen Erkenntnisgewinn. Wolf wirkt nicht wie eine notorische Nörglerin. Sie sagt: „Ich sehe das alles ein. Die Arbeiter müssen geschützt werden.“ Aber sie stellt sich auch Fragen: Geht ein etwas tieferer Ton auch? Kann die Bahn in einem Wohngebiet nicht eine Lärmschutzwand aufstellen? Und muss sie sich überhaupt an irgendeine Lärmschutzregel halten?

Zu Letzterem: Nein, die Bahn braucht nicht mal eine Baugenehmigung. Sie kann sonn- und feiertags jederzeit eine Weiche herausreißen und eine neue einbauen. Die Netzstabilität geht vor. Anders ist das bei Baustellen, die länger als drei Monate dauern – wie die der zweiten S-Bahn-Stammstrecke in München. Am Marienhof wurden 4,5 Meter hohe Lärmschutzwände aufgestellt.

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