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Rautenwappen und Hakenkreuz: Pöckinger Burschen feiern die Aufrichtung des Maibaums 1936 neben der Ulrichskirche mit dem bayerischen Landeswappen, das drei Monate später verboten wurde. 

Erste relevante Studie dieser Art

Ein Dorf unterm Hakenkreuz - Buch beleuchtet Pöcking zur Zeit des Nationalsozialismus

Mit Pöcking in der Zeit des Dritten Reichs beschäftigt sich ein kürzlich erschienenes Buch von Marita Krauss und Erich Kasberger. Es handelt aber nicht nur von Nationalsozialisten, sondern auch den stillen Helden und mutigen Helfern.

Pöcking – Es ist innerhalb weniger Wochen das dritte Buch über den Nationalsozialismus im Landkreis. Nach dem letzten Band der Starnberger Stadtgeschichte von Paul Hoser „Von der Herrschaft der NSDAP bis zur Gemeindegebietsreform“ und nach dem Buch „Die NSDAP im Landkreis Starnberg“ von der Herrschinger Gemeindearchivarin Friedrike Hellerer ist nun der langerwartete und von der Gemeinde Pöcking in Auftrag gegebene Band „Ein Dorf im Nationalsozialismus. Pöcking 1930 bis 1950“ von Professor Marita Krauss und Erich Kasberger erschienen.

„Es hat uns Kraft und Mut gekostet, uns auf das einzulassen, was in dem Dorf war, in dem wir leben“, sagte Kasberger bei der Vorstellung am Samstagabend im Beccult. Herausgekommen sei „die erste relevante Studie in Deutschland über die Parteizugehörigkeit im Dorf“, erklärte Krauss. Die Autoren richten erstmalig den Fokus auf die ländlichen Strukturen, und sie kommen zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass Dorfbewohner „deutlich seltener“ Mitglied in NSDAP und NS-Organisationen gewesen seien als in der Stadt.

Die Gründe seien vielfältig. Die Macht der katholischen Kirche etwa war wirkungsvoll, die dörflichen Führungspersönlichkeiten hatten mehr Bedeutung und nicht zuletzt sind im Dorf die Menschen mehr aufeinander angewiesen als in der Stadt. Aber auch in einem Dorf wie Pöcking gab es natürlich Persönlichkeiten, die dem System dienten.

Lochkartentechnik und Aufputschmittel

So etwa der Unternehmer Willy Heidinger, ein überzeugter Nationalsozialist. Er bewohnte seit 1929 eine große Villa am Pöckinger Höhenzug mit Dienstboten und Verwalter. Als Generaldirektor der Dehomag, der Deutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft, produzierte er Lochkarten, die von 1933 an zum „verheißungsvollen politischen Überwachungs- und Planungsinstrument“ wurden. Mit Hollerith-Technik ließen sich Identität und jüdische Stammbäume festhalten. Eineinhalb Milliarden Lochkarten kamen in Deutschland jährlich zum Einsatz. Nach Kriegsbeginn waren 2000 Maschinen in Deutschland und Tausende in den besetzten Gebieten im Einsatz, auch in den Konzentrationslagern.

Oder die Geschichte von Professor Dr. Otto Ranke, wohnhaft in der Feldafinger Straße. Er war Erfinder der Wunderpille Pervitin als Aufputschmittel für die Wehrmacht. Das Mittel ist ein Vorläufer der heutigen Droge Crystal Meth.

Der berüchtigte Henker von Buchenwald, der SS-Scherge Gerhard Martin Sommer, tauchte dagegen in Pöcking unter. Er lebte nach Kriegsende im Possenhofener Versehrtenlazarett, wo ihn 1950 ein ehemaliger KZ-Häftling identifizierte.

Stille Helden und mutige Helfer

Das Buch von Marita Krauss und Erich Kasberger steckt voller solcher Geschichten, und beileibe nicht alle Personen, die erwähnt werden, standen im Dienste der NS-Macht. So brachte der Pöckinger Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Michael Ruhdorfer einen jüdischen Viehhändler „ohne Judenstern und Lageraufenthalt durch die NS-Zeit“. Er unterdrückte Denunziationen, holte einen Verhafteten aus dem Gestapo-Gefängnis und beherbergte illegal einen politisch Verfolgten.

In der Stern-Villa der jüdischen Münchner Hopfenhändlerfamilie fanden viele Juden ein Refugium. Die Eigentümerin Marie Stern-Billmann konnte rechtzeitig nach New York emigrieren. Ihr Verwalter aber, Max von Krempelhuber, vermietete das Anwesen an den Juden Dr. Siegmund Weyermann und dessen Ehefrau. Mit Weyermann fanden dort noch weitere jüdische Mieter eine Bleibe. „Die Stern-Villa war eine Arche Noah der Verfolgten“, sagte Krauss.

Daten und Termine

Das Buch „Ein Dorf im Nationalsozialismus. Pöcking 1930 bis 1950“ ist im Volk-Verlag erschienen, im Buchhandel erhältlich und kostet 28 Euro. Das Erscheinen wird mit einer Vortragsreihe von den Autoren begleitet. Nächster Termin ist am Donnerstag, 12. Dezember, um 19.30 Uhr in der Bücherei in Pöcking. Thema sind dann die Villen in Pöcking und ihre Bewohner.

von Astrid Amelungse-Kurth

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