20 Menschen auf 300 Quadratmetern: Der Pöckinger Gemeinderat tagte im Beccult-Saal. Die Mitglieder saßen an Einzeltischen mit zwei Meter Abstand voneinander.
+
20 Menschen auf 300 Quadratmetern: Der Pöckinger Gemeinderat tagte im Beccult-Saal. Die Mitglieder saßen an Einzeltischen mit zwei Meter Abstand voneinander.

Betreuer in Schutzanzügen?

Kinder-Notbetreuung: Lösung in Pöcking gefunden

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
    schließen
  • Peter Schiebel
    Peter Schiebel
    schließen

In Zeiten des Coronavirus sollen Gemeinden eine Kinder-Notbetreuung für Berufstätige sicherstellen. Aber was tun, wenn das Kita-Personal Angst hat und sich weigert? In Pöcking ist jetzt eine Lösung gefunden.

Update Montag, 23. März, 19.20 Uhr: Die Gemeinde Pöcking hat eine Lösung für die Notbetreuung von Kindern im Gemeinderkindergarten gefunden. Wie Bürgermeister Rainer Schnitzler und Geschäftsleiter Sven Neumann am Montagnachmittag erklärten, gibt es ab sofort einen Pool von fünf Erzieherinnen, die sich dort um Kinder von Eltern kümmern, die in der sogenannten „kritischen Infrastruktur“ beschäftigt sind. 

Das Thema war zum Ende der Gemeinderatssitzung am vergangenen Donnerstag aufgekommen. Neumann hatte vom Fall eines Pöckinger Paares berichtet. Beide sind in einer Klinik beschäftigt und hatten nach dem Ausfall ihrer privaten Betreuung im Zuge der Corona-Krise eine Notbetreuung bei der Gemeinde angemeldet. Das Kita-Personal weigerte sich aber zunächst, die Kinder zu betreuen, hatte Neumann berichtet. 

Coronavirus: Kinder werden in Pöcking betreut

Nach einer gemeinsamen Team-Sitzung gestern gibt es nun die Pool-Lösung. „Wir haben die Ängste besprochen und soweit möglich ausgeräumt“, berichtete Schnitzler dem Starnberger Merkur. Unter anderem werde die Gemeinde Mundschutzmasken zur Verfügung stellen, sobald die bestellte Lieferung eingetroffen sei. Ausgenommen von der Betreuung sei zudem Kita-Personal, das selbst Risikogruppen angehört oder sich beispielsweise als Alleinerziehende um die eigenen Kinder kümmern muss. 

„Es ist wichtig, allen Beteiligten zu hören und die Ängste ernstzunehmen“, betonte Schnitzler. Es sei wichtig und richtig gewesen, den Arbeitsschutz der Beschäftigten genauso ernstzunehmen wie den Betreuungsbedarf der Eltern, ergänzte Neumann. Die zwei Kinder sollen vom heutigen Dienstag an den Kindergarten besuchen können.

Ursprungsartikel vom 21. März

Pöcking Seltsame Zeiten erzeugen seltsame Bilder. Plastische Beispiele dafür lieferte die Sitzung des Pöckinger Gemeinderats, die am Donnerstagabend coronabedingt nicht im Rathaussaal, sondern im großen Bürgerhaus Beccult stattfand. Gemeinderäte, die sonst herzlich Hände schütteln, winken sich vorsichtig zu, unterhalten sich in Zweiergrüppchen mit Sicherheitsabstand. Als die Sitzung, leicht verspätet, beginnt, sitzen alle an Einzeltischen, Bürgermeister Rainer Schnitzler und Verwaltungsmitarbeiter sogar eine Etage höher, auf der Beccult-Bühne. Rund 20 Menschen auf 300 Quadratmetern. Immerhin: Die Akustik ist soweit gut. Wer deutlich spricht, ist auch ganz hinten zu verstehen. Kulturreferent Albert Luppart scherzt: „Hat sich doch gelohnt, dass wir das Haus gebaut haben.“

Coronavirus in Pöcking: Skurrile Atmosphäre im Gemeinderat

Obwohl die Stimmung wegen der skurrilen Atmosphäre gelöst war: Der Ernst der Lage war am Donnerstagabend allen bewusst. Gegen Ende des öffentlichen Teils bat Sabine Stolicka (Grüne) darum, bei Einkaufshilfen nicht nur an Senioren, sondern auch an Berufstätige zu denken, die nicht im Homeoffice arbeiten können.

Wie ein Pöckinger Paar, das sich für die Notbetreuung ihres Kindes am Donnerstag an die Gemeinde gewandt hatte. Die Eltern sind beide in einer Klinik beschäftigt. Geschäftsleiter Sven Neumann erklärte: „Bisher hatten sie eine Privatbetreuung. In Corona-Zeiten finden sie aber niemanden mehr.“ Die Gemeinde steht nun vor einem Problem: Laut Neumann weigert sich das Kita-Personal, das Kind zu betreuen. „Sie fragen jetzt: Arbeitgeber, wie schützt du uns?“

Coronavirus: Schutz für Betreuer gegeben?

Die Frage sei berechtigt, der Staat mache es sich einfach, findet der Geschäftsleiter. „Die Betreuerinnen haben ja direkten Kontakt zu den Kindern. Sie gehen mit auf die Toilette und helfen beim an- und ausziehen.“

Neumann hat sich nun an das Landratsamt gewandt – die Behörde, die die Verfügungen des Freistaats an die Gemeinden weitergibt. Er wolle wissen, wie Kommunen in solchen Fällen verfahren sollen. „Wir müssten die Betreuung Stand jetzt ablehnen. Was anderes bleibt uns gar nicht übrig.“ Die Gemeinde will zunächst moralische Überzeugungsarbeit leisten und nach Freiwilligen unter dem Fachpersonal suchen.

Not-Betreuung wegen Coronavirus: “Müssen versuchen zu improvisieren“

Wolfram Staufenberg (CSU) sagte in der Sitzung: „Wir müssen versuchen zu improvisieren, Flexibilitäten entwickeln – und Geld haben wir ja.“ Sabine Stolicka brachte Privatinitiativen („Leute, die eh daheim sind“) ins Spiel. Bürgermeister Schnitzler merkte an: „Das ist viel diffiziler als bei Einkaufshilfen.“ Man müsse bei einem offiziellen Aufruf durch die Gemeinde auch die Haftungsfrage im Hinterkopf haben.

Coronavirus Pöcking: Betreuer in Schutzanzügen?

Geschäftsleiter Neumann merkte mit Blick auf das Arbeitsschutzgesetz noch an, dass Schutzmasken- und Anzüge nicht mehr herzubekommen seien. Auch deshalb habe er Kontakt zum Gesundheitsamt gesucht. Ulrich Rieger (CSU): „Ich kann mir Erzieherinnen in Schutzanzügen nicht vorstellen.“ Kommentar von Schnitzler: „Da kriegen die Kinder ja einen Schrecken.“ Vielleicht kommt es trotzdem so, vorstellbar ist dieser Tage vieles. Seltsame Zeiten erzeugen seltsame Bilder.

Lesen Sie auch:

Erster Todesfall im Landkreis Starnberg: Die Corona-Lage im Ticker

Die Angst wächst: Wieviel Gewalt sind Kinder derzeit ausgesetzt? „Es ist alles eine Form der Gewalt“, sagt ein Kinderschutzbeauftragter.

Der Coronavirus-Alltag treibt einer dreifachen Mutter aus Ebersberg täglich die Tränen ins Gesicht. Hier schreibt sie sich ihre Verzweiflung von der Seele.

Auch interessant

Kommentare