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Inklusion am eigenen Leib erfahren: Viertklässler zu Besuch im Beccult

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Von: Laura Forster

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Im Rollstuhl unterwegs zu sein, ist gar nicht so einfach: Hannah Stammler (Mi.) von der Lebenshilfe Starnberg unterweist die Kinder bei der Nutzung dieses Gefährts.
Im Rollstuhl unterwegs zu sein, ist gar nicht so einfach: Hannah Stammler (Mi.) von der Lebenshilfe Starnberg unterweist die Kinder bei der Nutzung dieses Gefährts. © Andrea Jaksch

Einen Tag erleben, wie sich ein blinder, gehbehinderter oder tauber Mensch fühlt – das konnten die Kinder der vierten Klassen der Grundschule Pöcking am Freitag beim Inklusionstag im Beccult. Laut Organisatorin Simone Berger ist die Aktion auch in anderen Gemeinden geplant.

Pöcking – Mit kurzen Tippelschritten tastet sich die Viertklässlerin Emma durch den großen Saal des Pöckinger Beccults. Den weißen Blindenstock in ihrer Hand schwingt sie dabei mit weiten Bewegungen von links nach rechts. Plötzlich bleibt sie stehen, nimmt die blaue Mundschutz-Maske von ihren Augen und sagt: „Ein komisches Gefühl.“ Claus Angerbauer, der nur ein paar Meter entfernt steht, lacht. Für den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft für Behindertenfragen des Landkreises gehört der Blindenstock seit 30 Jahren zum Alltag.

Zum ersten Mal hat das Koordinierungszentrum für Bürgerliches Engagement (KoBE) in Zusammenarbeit mit der Offenen Behindertenarbeit (OBA) einen Inklusionstag zur Sensibilisierung der Schüler im Landkreis veranstaltet. „Die Kinder sollen damit vertraut werden, dass es Menschen gibt, die unterschiedlich sind, aber trotzdem dazugehören“, sagt Organisatorin Simone Berger vom KoBE, „Das Gemeinsame ist wichtig. Wir wollen die Gesellschaft sensibilisieren und Hemmschwellen abbauen.“ An vier Stationen für körperliche Einschränkungen, Sehbehinderungen, Hörbehinderungen und Lernschwierigkeiten gewannen die rund 50 Schüler der vierten Klassen der Pöckinger Grundschule in Kleingruppen aufgeteilt am Freitag im Beccult einen Einblick in den Alltag eines Behinderten.

Koordinierungszentrum für Bürgerliches Engagement (KoBE) organsiert vier Stationen am Inklusionstag

Claus Angerbauer erzählt den Kindern, wie er sich das Leben als Blinder mithilfe von kleinen Tricks vereinfacht. „Wenn ich zum Beispiel etwas lesen möchte, scanne ich das Blatt Papier in meinen Computer ein und ein Programm liest mir das Gedruckte vor“, sagt der Weßlinger Gemeinderat. Auch im Supermarkt weiß er sich zu helfen. „Ich taste die Rillen an den Münzstücken ab, so weiß ich, wie viel Geld ich habe, und kann selbst einkaufen gehen“, sagt Angerbauer, der durch eine Netzhauterkrankung sein Augenlicht verloren hat. Im Anschluss dürfen sich die Schüler einen Blindenstock aussuchen und für einen Augenblick selbst in die Rolles eines Sehbehinderten schlüpfen.

Nur ein paar Meter weiter zeigt die Selbsthilfegruppe Gilchinger Ohrmuschel den Kindern das Gebärden-Alphabet und die Zahlen von eins bis eine Million. „Für das A stecken wir den Daumen raus“, sagte Martin Langscheid. „Für das L Daumen und Zeigefinger.“ Mit einem Kartenspiel lernen die Schüler Worte wie gewinnen, super oder langweilen in der Sprache der Hörbehindertem auszudrücken.

„Wie spät ist es?“: Gesten der Gehörlosensprache erklären Anna Krott (3.v.r.) und Martin Langscheid (r.) von der Selbsthilfegruppe Gilchinger Ohrmuschel den Kindern. 
„Wie spät ist es?“: Gesten der Gehörlosensprache erklären Anna Krott (3.v.r.) und Martin Langscheid (r.) von der Selbsthilfegruppe Gilchinger Ohrmuschel den Kindern.  © Andrea Jaksch

Bei der Station Leichte Sprache zeigten Mitarbeiter der Offenen Behindertenarbeit anhand von ausgedruckten Texten und Büchern, wie die einfache sprachliche Ausdrucksweise funktioniert und erklären Kindern, für wen sie besonders wichtig ist. „Mit der leichten Sprache können Informationen an alle weitergegeben werden“, sagt OBA-Mitarbeiterin Veronika Seidl. „Auch an Menschen, die nicht so gut lesen oder Deutsch sprechen können. Deshalb ist die Funktion zum Beispiel auf den Webseiten von Ämtern sehr wichtig.“

Im Foyer des Beccult können die Schüler unterdessen einen Rollstuhl-Parcour absolvieren – mit Rampe, Wippe und Kiesboden. „Die Kinder sollen ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, im Rollstuhl zu sitzen, und vor welche Herausforderungen körperlich Eingeschränkte oft gestellt werden“, sagt Simone Berger. Der Inklusionstag in Pöcking soll nicht der letzte gewesen sein – da ist sich die Organisatorin sicher. „Wir wollen gerne in jeder Gemeinde einen solchen Tag anbieten.“

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