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Dr. Wilhlem Gaus, Konzernleiter von BASF und scharfer NS-Kritiker, zog sich 1937 mit Frau Lina auf Gut Schmalzhof in Maising zurück.

Buch „Ein Dorf im Nationalsozialismus“

Die Pöckinger Prominenz in der Nazi-Zeit: Autoren haben tief recherchiert und klären auf

Und wem gehörten die Villen? Und wie kamen Pöckinger Bauern in der NS-Zeit zurecht? Die beiden Autoren des Buchs „Ein Dorf im Nationalsozialismus“ klärten diese Fragen nun vor 100 Zuhörern.

Pöcking – „Wir durchbrechen ein Tabu.“ Mit diesen Worten baute Erich Kasberger am Donnerstagabend Spannung in der Pöckinger Gemeindebücherei auf. Rund 100 Besucher waren gekommen, um sich den zweiten Vortrag des Autorenduos Marita Krauss und Kasberger zum Buch „Ein Dorf im Nationalsozialismus – Pöcking 1930 bis 1950“ nicht entgehen zu lassen. Diesmal ging es um die Bauern und Villenbesitzer während der NS-Zeit.

Tabuisiert wurde die schwierige Geschichte lange auch in Pöcking. Angesichts des derzeitigen Rechtsrucks der Gesellschaft sei es wichtig, mit Menschen, die den Nationalsozialismus erlebt haben, im Gespräch zu bleiben. Mit einem Urteil wie „Das war ein Nazi“ müsse man sehr vorsichtig sein, wie Kasberger am Beispiel des Bürgermeisters und Ortsgruppenleiters Michael Ruhdorfer erläuterte. Er hatte sich mit dem System arrangiert, um andere zu retten.

Bei den Bauern wuchs der Unmut. Auch in den Ortsteilen Aschering und Maising, nachdem Männer und Söhne in den Krieg gezogen waren. Die Frauen mussten die Höfe alleine oder mit Zwangsarbeitern bewirtschaften. Die Villenbewohner kamen besser klar. So hatte Reichsgerichtsrat a. D. Franz Haus, Gründungsmitglied der Feldafinger NSDAP-Ortsgruppe, der sich später von den Nazis abwandte, sich 1902 vom berühmten Architekten Richard Riemerschmid eine große Villa bauen lassen. Seine Tochter Annelie heiratete 1921 Robert Röhm, den älteren Bruder des SA-Stabschefs Ernst Röhm.

Auf dem Enzianhof lebte zum Kriegsende der Turbinen-Erfinder Franz Lawaczeck.

Neben der Miller-Villa in Niederpöcking wohnte seit 1942 das Ehepaar May. Eduard May war Biologe, forschte auf dem Gebiet der Insekten- und Schädlingsbekämpfung und leitete ab 1942 das „Entomologische Institut“ beim KZ Dachau. Er war kein Parteimitglied, aber in maßgebliche Forschungen zur biologischen Kriegsführung involviert. Er plante, mit Malaria infizierte Stechmücken vom Flugzeug aus auf feindliche Gebiete abzuwerfen.

Auch der bekannte Ingenieur und Erfinder Franz Lawaczeck (einige Lawaczeck-Turbinen laufen immer noch in Schweden) wohnte in Pöcking. Er war Visionär, setzte schon 1932 auf eine Energieversorgung mit Wasserstoff und erlebte das Kriegsende am Enzianhof, der jetzt Neubauten weichen soll. Lawaczeck starb 1969 in Pöcking. Und da wären noch die Villa Gummersbach von Helene von Pohl, Gattin des Luftwaffengenerals Max Ritter von Pohl, die Villa Ranke von Professor Dr. Otto Ranke, Entwickler des Wundermittels Pervitin, der Schmalzhof, auf den sich Dr. Wilhelm Gaus, scharfer Kritiker des NS-Regimes und ehemaliger BASF-Konzernchef, zurückzog.

Ob es Widerstände und Probleme gegeben habe, als die beiden Autoren in Pöcking recherchierten, wollte eine Zuhörerin wissen. „Wir haben ganz viel Offenheit gefunden“, betonte Krauss. „Die Pöckinger freuen sich, wenn sich jemand mit ihrem Ort beschäftigt“. Eine andere Frage: „Wie kann man verhindern, dass so etwas in Zukunft passiert?“ Die Antwort: Jeder müsse an dem Ort, wo er steht, seine Handlungsspielräume nutzen und Werte bewahren. Marie von Miller erzählte, wie ihr Großvater Oskar von Miller die Anfänge des Nationalsozialismus kommentiert hat: „Mir kommt es so vor, als ob man eine tolle Suppe serviert bekommt, und beim zweiten Löffel stößt man auf eine tote Ratz.“ Nächstes Jahr wird die Vortragsreihe fortgesetzt.

Astrid Amelungse-Kurth

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