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Hilfe beim Einstieg in Busse und S-Bahnen brauchen Rollstuhlfahrer wie Nico Wunderle. Beim SPD-Ortstermin unterstützt ihn Parteikollege Jakob Stillmark. 

Von Feldafing nach Pöcking

Unterwegs mit Rollstuhlfahrer im Auftrag der Inklusion: Niedrige Bahnsteige, lange Wartezeiten

In Sachen Barrierefreiheit ist im Landkreis Starnberg noch viel Luft nach oben: Das demonstriert die SPD mit einer Fahrt von Feldafing nach Pöcking.

Feldafing/Pöcking – Türen auf, Fuß auf den Bahnsteig setzen – eine Alltäglichkeit am S-Bahnhof Feldafing. Dass der Bahnsteig um einiges tiefer liegt als der Zug, fällt fast nicht auf. Für Rollstuhlfahrer Nico Wunderle, Ortsvereinsvorsitzender der Pöckinger SPD, ist das anders. Im öffentlichen Nahverkehr stößt er auf viele Barrieren. Diese erschweren es ihm und anderen, umweltbewusst zu leben. Die SPD fordert: Die Frage nach einem klimafreundlichen Lebensentwurf muss inklusiv gedacht werden.

Um darauf aufmerksam zu machen, fuhr Wunderle mit dem ÖPNV von Feldafing nach Pöcking. Mit dabei: Jakob Stillmark, Ameli Erhard, Sissi Fuchsenberger, Christiane Kern, Parteikollegen aus Pöcking und Feldafing, und der Umweltpolitische Sprecher der SPD im Landtag, Florian von Brunn.

„Die Busse fahren dort, wo ich sie brauche, an Wochenenden gar nicht“, erzählt Wunderle am Kirchplatz in Feldafing, wo die Gruppe auf den ersten Bus wartet. Pünktlich um 10.43 Uhr hält er an der Haltestelle. Der Fahrer steigt aus und klappt mit einer Zange die im Boden eingebaute Rollstuhlrampe aus. Stillmark, der Bürgermeisterkandidat für Feldafing, schiebt Wunderle samt Rollstuhl die Rampe hoch, der wiederum mit seinen Händen geschickt nachkorrigiert. Eine Prozedur, die an sich nicht lange dauert, aber die Weiterfahrt etwas verzögert. „Beschwert hat sich aber noch keiner“, sagt Wunderle schmunzelnd.

Inklusionsbeauftragte: ÖPNV fahren müsse für alle „cool“ werden

Fünf Minuten später, am S-Bahnhof Feldafing angekommen, muss die Gruppe 15 Minuten warten. Landratskandidatin Christiane Kern verweist auf den niedrig gelegenen Bahnsteig. Weil der S-Bahn-Einstieg höher liegt, entsteht eine Barriere. Rollstuhlfahrer müssten sich hier sowie am Bahnhof in Starnberg, nahe der ersten S-Bahn-Tür positionieren. Der Lokführer steige dann aus, um eine Rampe aufzubauen, erklärt Kern. Auch der Zugang zu den Bahnsteigen sei nicht barrierefrei, da es keine Aufzüge gebe. Sie mahnt: „Wenn der Zugang zu unserer Region beschwerlich ist, kommen die Menschen auch nicht zu uns.“ Als die S-Bahn ankommt, zieht Stillmark Wunderle rückwärts in den Zug.

ÖPNV fahren müsse für alle „cool“ werden, gibt die Kreisrätin und Inklusionsbeauftragte der Gemeinde Berg, Sissi Fuchsenberger, zu bedenken. Lange habe man gedacht, erst auf Nachfrage hin ein ÖPNV-Angebot einrichten zu müssen. Seit 2016 versuche man es andersherum. Erst komme der Ausbau des Angebots, dann die Nachfrage. Die Fahrgastzahlen seien gestiegen, aber viele Bürger seien noch dabei, sich auf die Mobilitätsangebote einzustellen. Florian von Brunn findet, dass diese Einsicht früher hätte kommen müssen: „Wir brauchen eine übergeordnete Stelle, die den Nahverkehr im ländlichen Raum flächendeckend koordiniert“.

Nico Wunderle durfte nicht mit Kindern ohne Handicap auf die Schule

Eine Haltestelle weiter, in Possenhofen, steigt die Gruppe aus, um die Grundschule Pöcking zu besichtigen. Sie gilt unter den Ortsgruppenmitgliedern seit ihrer Sanierung 2015/16 als Vorzeigeprojekt klimaverantwortlichen Bauens. Eine Fotovoltaikanlage, eine Wärmepumpe und eine bessere Dämmung hat die Schule bekommen. Es ist auch Wunderles Grundschule. Der 25-jährige Sozialpädagoge kommt ursprünglich aus dem Schwarzwald, wo er jedoch nicht mit Kindern ohne Handicap auf die Schule durfte. In Pöcking durfte er. Nicht nur im Verkehr müsse sich noch viel tun, damit Inklusion in der Gesellschaft ankomme, sagt Wunderle. „Es gibt noch viele weitere Barrieren, auch in Köpfen vieler Menschen“, sagt auch Fuchsenberger, „wenn man nicht betroffen ist, denkt man behinderte Personengruppen oft nicht mit.“ Die Genossen um Wunderle wollen das ändern.

Alice Beckmann-Petey

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