Gemeinschaftsunterkunft in Pöcking
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Besucher mit Schutzanzug: In der Pöckinger Gemeinschaftsunterkunft wurden die Bewohner auf das neuartige Coronavirus getestet. 85 Menschen leben allein in dieser Containersiedlung.

100 Tage seit der Kommunalwahl

Amokfahrer, Kindergarten-Sperrung, Asyl-Quarantäne: Pöcking zwischen Aufregern und Unaufgeregtheit

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Ein Amokfahrer, ein gesperrter Kindergarten und eine Asyl-Unterkunft unter Quarantäne: Pöcking hat für so manchen Aufreger gesorgt in den 100 Tagen seit den Kommunalwahlen. Im Gegensatz dazu war die politische Arbeit im neuen Gemeinderat unaufgeregt und effizient.

Pöcking – So aufregend das Leben als Bürgermeister in Corona-Zeiten ist, so entspannend ist es auch, sagt der Pöckinger Rainer Schnitzler. „Ich hatte so viel Zeit für die Familie wie die letzten 18 Jahre nicht.“ Vor allem die Termine am Wochenende fielen virusbedingt aus. Und so waren die ersten 100 Tage von Schnitzlers mittlerweile vierter Amtszeit recht ruhig. Was nicht heißt, dass in Pöcking nichts passiert wäre.

Am Dienstag, 26. Mai, fuhr ein 43-jähriger Mann auf der ruhigen Starnberger Straße offenbar mit Absicht in eine Fußgängergruppe. Gegen ihn besteht Haftbefehl wegen versuchter Tötung. Am gleichen Tag musste die Gemeinde ihren Kindergarten wegen eines positiven Coronafalls für zwei Wochen zusperren. Einen Monat später standen wegen des Virus’ die Asyl-Gemeinschaftsunterkunft und damit 85 Menschen in Pöcking unter Quarantäne.

Bürgermeister: „Wir haben nichts liegen gelassen“

Die Aufreger spielten sich eher außerhalb des Beccult-Saals ab, wo der Gemeinderat coronabedingt seit Monaten tagt. Mit dessen Arbeit und der der Verwaltung ist der Bürgermeister bisher zufrieden. „Wir haben nichts liegen gelassen und einige Projekte vorangebracht“, sagt Schnitzler. Er nennt die Hotel-Pläne auf dem Gelände des Forsthauses am See, die Sanierung der kommunalen Sozialwohnungen am Kinibauerweg, den Bebauungsplan für das neue Feuerwehrhaus und den Bauhof sowie die Neugestaltung des Platzes am Gasthaus Schauer in Possenhofen.

Im neuen Gemeinderat erkennt Schnitzler „Gestaltungswillen“ bei jedem. Engagiert und interessiert seien die sieben neuen Mitglieder, die Stimmung sei nach wie vor sehr gut. Das bestätigen auch Wolfram Staufenberg (CSU) und Simone Greve (Grüne), die den größten Fraktionen nach Schnitzlers dominierender PWG angehören. Mit einer Einschränkung von Greves Seite: Sie vermisst die informellen Runden nach der Sitzung. Gerade bei Streitthemen im Sitzungssaal habe die private Zusammenkunft im Sportlerheim hinterher die Wogen geglättet. „Jetzt geht man auseinander – und es bleibt schon mal was hängen“, sagt Greve. Der konstruktiven Sacharbeit im Gremium tue das allerdings keinen Abbruch. Der Grünen-Fraktionssprecherin fehlt in Zeiten von Kontaktbeschränkungen eher die innerparteiliche Basisarbeit. „Die hat stark gelitten.“ Eine Videokonferenz zu zehnt sei nicht das Wahre.

Dass der Gemeinderat zuletzt viel angestoßen hat, findet auch Greve. „Aber die Verwaltung kommt nicht in die Puschen“, kritisiert sie und nennt als Beispiel die Fahrradständer am S-Bahnhof in Possenhofen und Ladestationen für E-Autos, die lange auf sich warten ließen. Für Greve steht fest: „Wir machen Druck, dass sich heuer noch was bewegt.“

Plan für 2021: Eine Gewerbeschau in Pöcking

Staufenberg, der Schnitzler bei der Bürgermeisterwahl als CSU-Kandidat unterlegen war, ist wichtig, das Gewerbegebiet am Schmalzhof voranzubringen. Als Gewerbereferent schaut er auch schon ins Jahr 2021. Sein Plan: eine Gewerbeschau, bei der sich sämtliche Pöckinger Betriebe präsentieren können. Staufenberg könnte sich auch vorstellen, die Veranstaltung „Leistungsschau“ zu nennen und auch Vereine und andere Institutionen in der Gemeinde einzubeziehen.

Oft sind es bauliche Fragen, die im Gemeinderat diskutiert werden. Das Gremium hat nach Staufenbergs Ansicht an Fachkompetenz zugelegt – namentlich mit dem Bauzeichner Stefan Fischer (CSU) und dem Bauingenieur Jan Linnemann (PWG). Fischer freut sich, „dass uns die anderen gut zuhören“. Der 47-Jährige erkennt in Sachen Kompetenzen eine „gesunde Mischung“ im Rat.

Pöcking ist finanziell mehr als gesund - aber...

Mehr als gesund ist Pöcking aus finanzieller Sicht. Bürgermeister Schnitzler sagt auf Nachfrage, dass Corona bei den Gewerbesteuereinnahmen kein Loch gerissen hat. Bei der Einkommensteuer liege man aber im zweiten Quartal 14,5 Prozent unter der Summe von 2019.

Viel mehr Sorgen bereitet dem Bürgermeister ein Rechtsstreit, der seit Jahren nicht geklärt ist. Verliert ihn die Gemeinde, könnte es sein, dass sie mehr als 20 Millionen Euro Gewerbesteuer inklusive Zinsen an ein finanzkräftiges Unternehmen zurückzahlen muss. Auch deshalb äußert sich Schnitzler vorsichtig, wenn er auf das dicke Finanzpolster angesprochen wird. Das dürfte so bleiben. Er habe in letzter Zeit keinerlei Signale erhalten, wann mit einem Urteil zu rechnen ist.

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Neues Rettungszentrum für die Feuerwehr und eventuell auch die DLRG, neuer Bauhof, Autohaus-Erweiterung samt „Boardinghaus“: Das alles soll an der Weilheimer Straße in Pöcking realisiert werden. Die Gemeinde hat dafür nun die Voraussetzungen geschaffen und mit Blick auf die ungewisse Zukunft großzügig geplant.

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