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„Sie wollen es hier schaffen“: Martina Kneissl ist seit einem guten Jahr Leiterin des Jugendhauses in Gilching. Unser Bild zeigt sie im Gespräch mit Merkur-Redakteurin Hanna von Prittwitz. 

Minderjährige Flüchtlinge

„Sie wollen es hier schaffen. Alle.“

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Seit einem Jahr leben in dem ehemaligen Gilchinger Hotel Thalmeier unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. 

Gilching – Eine lange Tafel in der Küche, an den Schränken Pläne zum Thema Küchendienst: Im Jugendhaus der Caritas in Gilching an der Sonnenstraße schaut es fast so aus wie in einer normalen Wohngemeinschaft. Wenn da nicht die Nummern an den vielen Zimmertüren wären. Sie und die langen Flure erinnern daran, dass dort einst ein Hotel war. Seit einem guten Jahr jedoch finden dort unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein neues Zuhause.

Martina Kneissl ist Sozialpädagogin, 52 Jahre alt und Mutter von drei Töchtern. Sie hat schon viel gesehen, in München bei verschiedenen Einrichtungen für Kinderschutz gearbeitet, zuletzt bei der Schutzstelle für Mädchen. Seit Oktober 2016 ist sie die Leiterin des Caritas-Jugendhauses in Gilching – und hat seither nur noch mit jungen Burschen zu tun.

„Der erste ist am 5. Oktober vor einem Jahr eingezogen, ein 17-Jähriger aus Afghanistan“, erinnert sie sich. Ein großes Glück sei es gewesen, dass das ehemalige Hotel Thalmeier zu einer neuen Jugendhilfeeinrichtung habe umgebaut werden können. Insgesamt gibt es 27 Plätze. Derzeit sind jedoch nur 21 belegt. Und es kommen keine Jugendlichen nach – „jedenfalls nicht im Moment“, sagt Kneissl.

Die jungen Männer werden in drei unterschiedlichen Gruppen betreut, die jüngsten sind 15 Jahre alt. In der Heilpädagogischen Gruppe lernen die Jugendlichen eigentlich alles. „Kochen, Wäsche waschen, einkaufen“, erläutert Martina Kneissl. Eine Psychologin kümmert sich um die Burschen, die teils nach langer Flucht ohne Familie in Deutschland landen und ihr Leben auf fremdem Terrain ganz von vorne beginnen müssen. Derzeit leben in dieser Gruppe neun junge Männer, sie kommen aus Afghanistan, Irak Eritrea, Somalia und Syrien.

Immer zwei Jungs teilen sich einen Kühlschrank

Die Sozialpädagogische Gruppe nehmen elf Jugendliche in Anspruch, Platz wäre für 14. „In dieser Gruppe müssen sie schon viel mehr können“, erklärt Kneissl. Das geht bei der Organisation von Arztbesuchen los, dem Umgang mit Essensgeld, dem selbstständigen Einkauf bis hin zum Wäsche waschen. Immer zwei Jungs teilen sich einen Kühlschrank. Wer fit ist für ein selbstständiges Leben, darf in eine Wohnung umziehen, die dem Jugendhaus angeschlossen ist. „Dort leben die Jugendlichen schon ganz für sich“, erklärt Kneissl.

An diesem Vormittag ist es sehr ruhig in dem ehemaligen Hotel, alle Bewohner sind in der Schule. Nachmittags aber füllt sich das Haus mit Leben: Schüler des Christoph-Probst-Gymnasiums kommen und lernen mit den Jugendlichen, Lehrer helfen bei den Hausaufgaben. Es wird gemeinsam gekocht, gespielt, gesprochen. „Das läuft alles sehr gut“, freut sich Martina Kneissl. Die jungen Menschen würden die Hilfe annehmen und bäten auch darum: „Sie wollen es hier schaffen. Alle.“

Kneissl macht aber auch kein Geheimnis daraus, dass die erste Zeit schwierig sein kann. „Es dauert schon mal drei bis sechs Monate, bis wir an die Jungs herankommen“, sagt sie. „Man muss ihre Geschichte im Hinterkopf haben, um zu wissen, wer warum wie reagiert.“

Bei der Segnung des Hauses feierten auch die Nachbarn mit

Die Bewohner haben sich nach dem ersten Jahr gut eingelebt in der Sonnenstraße. „Die Nachbarn waren anfangs nicht so begeistert, es war ihnen zu laut“, sagt Kneissl offen. Doch im Laufe der Zeit seien sogar Freundschaften entstanden. Als das Haus ein Jahr nach Bezug gesegnet wurde (wir berichteten), feierten auch die Anwohner mit.

Wenn die Jugendlichen ihr 18. Lebensjahr vollenden, müssen sie ausziehen. Ob sie in Deutschland bleiben können, ist ungewiss. Zuzuschauen, wie sie alleine weiterkämpfen, ist für alle Betreuenden schwer. „Oft wünschten wir uns, wir hätten mehr Zeit“, sagt Kneissl. Sie freut sich über die glücklichen Momente im Gilchinger Jugendhaus. „Ich fühle unsere Arbeit immer bestätigt, wenn ich ein Lachen höre im Haus.“

Zahlen und Fakten

Organisatorisch und fachlich ist das Jugendhaus Gilching dem Therapeutischen Zentrum Jugendhilfe der Caritas in Gauting angegliedert. Viele der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sind nur geduldet, die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe erhalten sie oft nur bis zur Volljährigkeit. 

Aus Sicht der Caritas ist dies in vielen Fällen jedoch zu kurz. Viele Jugendliche sind stark belastet, traumatisiert und liegen in ihrer emotionalen, sozialen sowie allgemeinen Reife-Entwicklung deutlich hinter anderen Gleichaltrigen zurück. Dazu Frank Woltmann, Leiter des Caritas Mädchenheims in Gauting: „Es ist für den einzelnen Jugendlichen und dessen Integration mehr als schade, wenn gute und notwendige Entwicklungen, die in der Jugendhilfe möglich sind, vorzeitig zu einem Ende kommen müssen.“ Bis dahin haben die Jugendlichen Anspruch auf Inobhutnahme durch das Jugendamt, einen persönlichen Vormund und Unterbringung in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Das schließt den sofortigen Zugang zu Schule und Ausbildung ein.

 Eine Duldung dokumentiert die „Aussetzung der Abschiebung“. Die Duldung kann jederzeit fristlos widerrufen werden, was jedoch nur in Einzelfällen geschieht. Seit Herbst 2015 werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wie erwachsene Flüchtlinge nach einer festen Quote bundesweit auf Kommunen verteilt. Im Landkreis Starnberg leben derzeit 45 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Sechs von ihnen wohnen im Jugendhaus Gilching – die anderen der 21 Bewohner sind Landkreisen ringsum unterstellt. Die Kosten für die Minderjährigen belaufen sich laut Landratsamt Starnberg auf etwa 150 Euro pro Kopf und Tag. Dass derzeit keine weiteren unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge hinzukommen, begründete Stefan Diebl, Sprecher des Landratsamts, auf Anfrage mit der Quote: „Da ist der Landkreis Starnberg gut unterwegs.“ Insgesamt leben im Landkreis Starnberg 1745 Flüchtlinge.

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