Gruppenbild bei Inbetriebnahme (v.l.): Ernst Deiringer, Peter Schlecht jun.; Klaus Kögel, Peter Schlecht sen., Ulf Walliczek, Doris Kömmling und Gerd Mulert.
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Gruppenbild bei Inbetriebnahme (v.l.): Ernst Deiringer, Peter Schlecht jun.; Klaus Kögel, Peter Schlecht sen., Ulf Walliczek, Doris Kömmling und Gerd Mulert.

Tolles Projekt in Seefeld

Erstes Nahwärmenetz in Betrieb

  • Hanna von Prittwitz
    vonHanna von Prittwitz
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Manches dauert einfach länger, muss verworfen und wieder neu angefangen werden. Bis am Ende des Tages alles passt. So ähnlich war das bei Seefelds erstem Nahwärmenetz. Nach gut fünf Jahren Hin und Her ist es endlich in Betrieb gegangen.

Seefeld – Die Idee zu einem Nahwärmenetz für Seefeld hatten ursprünglich Peter Schlecht senior und sein Sohn Peter junior. Sie wollten die Hackschnitzel aus ihrem Sägewerk an der Mühlbachstraße für die Wärmegewinnung nutzen und auch den Ort versorgen. „Nicht, weil ich so öko wäre“, wie Peter Schlecht sen. zugibt. „Sondern als weiteres Standbein fürs Geschäft.“ Das war im Januar 2016. Bereits im Herbst desselben Jahres wollten die Schlechts mit ihrer Hackschnitzelheizung ans Netz gehen. Dann jedoch lief alles schleppender als gedacht.

Die Klinik Seefeld, als Großabnehmer eingeplant, geriet in finanzielle Turbulenzen und trat von dem Projekt zurück. Die angemeldeten Privathaushalte reichten nicht aus. „Vielleicht ist noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür“, hatte Schlecht sen. im Sommer 2018 dem Starnberger Merkur gesagt. Im Gemeinderat war die Enttäuschung groß.

Als „tragisch“ bezeichnete Dr. Oswald Gasser (FDP) damals die Situation und nahm den Faden immer wieder auf. Ernst Deiringer, ehemals SPD-Gemeinderat und heute Vorstandsmitglied des Energiewendevereins Starnberg, war als Energieexperte ohnehin dafür, und schließlich verkündete Gerd Mulert von der Energiegenossenschaft Fünfseenland: „Das Nahwärmenetz kommt.“ Bei der offiziellen Inbetriebnahme am Mittwoch waren entsprechend neben Deiringer, Mulert und den beiden Herren Schlecht auch Bürgermeister Klaus Kögel, Projektleiterin Doris Kömmling und Ulf Walliczek vom Seniorenquartier vor Ort. Letzterer zählt zu den Abnehmern der umweltfreundlichen Fernwärme, die über ein 1,5 Kilometer langes Rohrsystem in die Haushalte fließt.

Die Anlage in einem Nebengebäude auf dem Gelände der Firma Schlecht ist imposant. Glänzende Rohre schlängeln sich die Wände entlang, Regel- und Messtechnik schauen kompliziert aus, der Wasserspeicher reicht bis zur Decke, und selbst der Feinstaubfilter neben dem Brenner ist riesig. Noch größer aber ist der Hackschnitzelberg nebenan. Über eine Art Schleuse und Förderschienen gelangen die Hackschnitzel in einen Kessel, in dem sie verbrannt werden. Mit der Wärme wird Wasser erhitzt und in die Leitungen gepumpt. Etwa 40 Kubikmeter Wasser sind in dem geschlossenen Kreislauf unterwegs, es ist entsalzt und entkalkt, damit keine Ablagerungen entstehen.

Bis zu 5000 Festmeter Holz verarbeitet die Firma jährlich, das meiste stammt aus den Wäldern des Grafen Toerring in Seefeld und aus Augsburg. Pro Festmeter entsteht ein Schüttraummeter Hackschnitzel. Entsprechend stehen dem Unternehmen bis zu 5000 Schüttraummeter zur Verfügung, für das Hackschnitzelwerk reichen 3000 bei Volllast pro Jahr.

Der Hackschnitzelkessel hat eine Leistung von 720 Kilowatt, ein Gaskessel mit 950 Kilowatt puffert bei Wartungsarbeiten oder wenn in der Winterpause im Sägewerk doch mal die Hackschnitzel ausgehen. „Das wollen wir aber vermeiden“, sagt Peter Schlecht sen. Eine Sonderbehandlung gibt es noch für die Aschereste: „Früher hat man die als Dünger aufs Feld gebracht. Das dürfen wir nicht“, erklärt Peter Schlecht jun. Die rund vier Kubikmeter im Jahr müssen beprobt und speziell entsorgt werden.

Bei voller Auslastung könnte das Heizwerk bis zu 6,3 Millionen Kilowattstunden pro Jahr an Wärme liefern, davon ist es derzeit jedoch noch entfernt. Weitere Abnehmer wären also eigentlich gut, doch vorerst sind die Leitungen gelegt und die Arbeiten beendet. Daher sind auch einige Interessenten, die sich zu spät entschieden haben oder die zu weit weg vom Hauptstrang liegen, leer ausgegangen. „Das tut uns natürlich in der Seele weh, aber im Moment geht es nicht“, sagt Mulert. Trotzdem kann sich jeder, der Interesse hat, bei Doris Kömmling melden. „Wir schauen, wie wir es machen“, sagt sie und verweist auf mögliche Förderungen.

850 000 Euro hat die Firma Schlecht in ihr Heizkraftwerk gesteckt, gefördert wurden etwa 20 Prozent. Die Energiegenossenschaft war für das Leitungsnetz zuständig, Mulert beziffert die Investition mit knapp einer Million Euro. Der Arbeitspreis für die Kilowattstunde liegt derzeit bei 6,8 Cent. „Dafür fallen Wartung und Kaminkehrer weg“, sagt Mulert. Er ist froh, dass doch noch alles geklappt hat mit dem Seefelder Nahwärmenetz. „Wenn wir so etwas nicht schaffen, können wir die Energiewende vergessen.“ Neben sieben privaten Haushalten werden die Grundschule, die beiden Seniorenstifte, der genossenschaftliche Wohnungsbau der Maro, Feuerwehr, Jugendhaus, TC und TSV Seefeld sowie der Bauhof am Netz hängen.

Für die Umstellung der Liegenschaften hat die Gemeinde an die 500 000 Euro bezahlt. Nicht, weil der Anschluss so teuer war, sondern weil ein Teil der Liegenschaften saniert werden musste. Der Technologiepark, in dem die Gemeindeverwaltung als Mieter sitzt, wird bisher nicht versorgt, zählt aber wohl zu den Wunschkunden.

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