Unterstützung hatte Maike Schneider in der Zeit ohne Andreas bei der Kinderbetreuung von Levi, Nouriel (r.) und Noemi auf Bali durch Made (l.) erfahren.

Familie Schneider auf Weltreise

Eine Art Bullerbü in den Tropen

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Seit September 2016 sind Maike (46) und Andreas (47) Schneider aus Hechendorf mit ihren drei Kinder Noemi (ein Jahr), Nouriel (5) und Levi (6) auf Reisen. Der Starnberger Merkur erwischte Maike Schneider auf Bali.

Hechendorf Andreas Schneider hat sich unterdessen für zwei Monate „ausgeklinkt“, wie er sagt – war in Kathmandu, zur Meditation in Pokhara, auf Trekkingtour im Himalaya und macht zurzeit in Mysore (Indien) eine wie er meint „ziemlich anstrengende“ Ausbildung zum Ashtanga-Yoga-Lehrer. Im Juni will sich die Familie in Indonesien wiedertreffen.

-Wie verlief die Reiseroute weiter?

Maike Schneider: Von Malaysia ging es nach Thailand: Hat Yai und Koh Sukorn. Wegen Überschwemmungen konnten wir erst später nach Koh Phangan. Dort waren wir knapp zwei Monate mit etwa 30 Weltreise-Familien und 70 Kindern zusammen. Das war sehr bereichernd. Dann ging es nach Ko Samui, auf die Insel Palawan auf den Phillipinen und wieder nach Bali.

-Wie haben Sie gewohnt?

Meistens in kleinen Hotels oder Ressorts oder in Privatappartements und Bungalows am Meer.

-Derzeit sind Sie allein mit den Kindern, Ihr Mann in Indien.

Aktuell sehen wir, dass wir als Eltern und als Paar Veränderung brauchen. Entwicklung braucht Veränderung, da ist es wichtig, dass man aus den alten Strukturen aussteigt.

Wir wollten die Struktur verändern, um an unseren alten Mustern zu arbeiten. Das tut uns gut. Das kann Veränderung schaffen. Alles ist offen, vielleicht geht es nach Asien weiter nach Mexiko oder nach Spanien und Portugal.

-Wie ist es allein mit drei Kindern in der Ferne?

15 Stunden Entertainment ist sportlich. Oft werde ich mitleidig gefragt: 1, 2, 3 – all your children? Where is your husband? Kinder brauchen auch Kinder zum Spielen. Wir haben unser Netzwerk angekurbelt, und schon hatten wir wieder eine kleine feine Co-living-family-workation gefunden in Amed, im Osten Balis. Eine Art Bullerbü in den Tropen.

Die Kinder spielen frei, essen mal hier, mal dort. Wir Erwachsene unternehmen etwas zusammen und unterstützen uns.

-Wie waren die vergangenen Monaten für Sie?

Wir haben viele schöne Erlebnisse, weil wir achtsamer mit uns und den Kindern sind. Es könnte überall auf der Welt sein. Es geht nur noch ums Innere. Es ist egal, wo wir sind. Diese Reise ist ein Aufwachen und Lernen, wer du bist und was du willst.

Mit dem Abstand von zu Hause wird uns klar, dass zu viel im Außen stattgefunden hat. Wir möchten uns nicht mehr nur über ein paar wenige Auftankurlaube im Jahr über Wasser halten. Hier lernen wir, was wir wirklich brauchen, was uns wirklich glücklich macht und was wir der Welt geben können.

Wir sind seit über sieben Monaten in Asien und lernen so viel Sinnvolles von den Menschen, von ihrer Haltung, von ihrer Sicht auf die Dinge. Es ist eine Herausforderung, jeden Tag selbst zu gestalten. Frei zu sein. Selbstbestimmt.

-Erkenntnisse zum Thema Reisen mit Kindern, wie schaut es da aus?

Mit den kleinen Kindern ist es wirklich fast schon egal, wo man ist, wenn die Infrastruktur passt. Deshalb haben wir unsere Route verändert und eingeschränkt auf Asien. Denn wichtig bei Reisen mit kleinen Kinder sind für uns, das haben wir bald gesehen: warmes Klima und längere Aufenthalte, also mindestens vier Wochen. Andere Kinder, andere Familien, Naturmaterialen zum Spielen und das Meer oder Wasser generell, eine Küche, die Landschaft.

Die abenteuerliche Rafting,-Tour, lange Bootstouren, Tauchen, Canyoning – das alles geht mit drei kleinen Kindern einfach nicht.

-Was macht diese Reise so besonders?

Die wichtigste Währung nach Gesundheit, ist für uns Zeit. Zeit, die wir mitbringen, um an den verschiedenen Orten wirklich zu sein, uns auf andere Menschen einlassen zu können und Beziehungen aufzubauen. Es gab schon so viele wunderbare Begegnungen und Erlebnisse mit den verschiedensten Menschen, die uns tief berührt und inspiriert haben.

Der Austausch mit den Familien in Thailand zum Beispiel. Was für eine Inspiration. Wir fühlten uns von Vielen so verstanden. Alle auf der Suche nach anderen Lebensformen, die meisten hatten ähnliche Werte: Gewaltfreiheit, Freiheit, achtsame Elternschaft, Veganismus. Wir haben so viel gelernt voneinander. Wir lebten den heftigen Monsunalltag, begegneten uns mit Zahnbürsten im Mund im dreckigen Schlafshirt, und wir tauschten Krankheiten. Wir sind miteinander offen und ehrlich umgegangen. Die meisten haben ihre Rollen, ihre Masken abgelegt. Ich meine, die perfekte Mutter, die perfekte Ehefrau, die perfekte Businessfrau, die perfekte Sportlerin und so weiter – die gab es bei den meisten nicht mehr.

-Wie sind die Ortswechsel verlaufen?

Wirkliches Reisen ist kein Urlaub. Es ist anstrengend. Levi und Nouri haben beispielsweise alle Spielsachen verschenkt und in ihren Rucksäcken fast nur noch Steine, Muscheln und Kristalle. Diese mussten am Airport in Bangkok bei der Sicherheitskontrolle ausgepackt werden. Und sie wurden einbehalten. Was für ein Drama.

Nur Geschrei, und ich vergaß meinen Rucksack mit allen Papieren und dem Geldbeutel. Fast hätten wir den Flug nach Manila verpasst. Andreas ist dann mit einer Sicherheitsbeamtin kilometerweit über den riesigen Airport gerannt, um den Rucksack noch zu finden. Das war Adrenalin pur.

-Bleibt bei solchen Reisen eigentlich Zeit, mal Neues auszuprobieren?

Neues an uns probieren wir ja durch das Reisen permanent aus. In Bezug auf Fortbildungen. Ja. Andreas und ich haben die Energy School besucht, um die „Innerdance-Technik“ zu lernen. Das haben wir auf den Philippinen gemacht. Dabei geht es um eine Heilmethode, die dich in Trancezustände versetzt, die dir dabei helfen, innere Konflikte oder Blockaden zu lösen. Das hat Andreas und mich stark angesprochen.

-Was war nicht so toll?

Der Monsun. Wir hatten viel Regen. In Thailand hat es fast sechs Wochen lang geregnet. Wenn man zu fünft auf zwölf Quadratmetern sitzt und es den ganzen Tag regnet, ist das schon sehr anstrengend.

Übel war mein Erlebnis im Krankenhaus in Manila. Es war der zweite Tag unserer Reise, an dem ich ohne Andreas unterwegs war. Ich war alleine mit den Kindern in dieser riesigen, vor allem auch gefährlichen Stadt. Ich fühlte mich hundeelend und hilflos. Nouri hatte eine riesige Platzwunde, die genäht werden musste. Das war ein harter Tag. Ist aber alles gut gegangen.

Grundsätzlich heilen Wunden in den Tropen schlecht. Ich hatte mich am Auspuff eines Mofas verbrannt und wochenlang eine Wunde, die aussah wie eine Pizza am Bein.

-Wie muss man sich das Leben in der Community vorstellen, auf den Philippinen?

In der Community auf den Philippinen sind wir an unsere Grenzen gekommen, aber das wollten wir so. Es war ein besonderer Platz. Wasser gab es nur vom Brunnen, wir hatten keinen Strom. Tiere haben uns einmal sogar unser Essen weggefressen. Wir hatten keinen Kühlschrank. Im Zimmer krabbelten Tausendfüßler und Skorpione über unsere Moskitonetze. In diesen Momenten sollte man annehmen was ist oder gehen. Wir wollten annehmen. Das kann man tausendmal in Achtsamkeitsbüchern lesen und sich vornehmen. Ich denke, man muss es fühlen, an seine Grenzen gehen, dann ändert sich etwas im Inneren. Man lernt anzunehmen, was ist. Das ist ein wunderbares Gefühl.

-Wie haben sich die Kinder entwickelt?

Die Freiheit tut ihnen so gut. Ich beobachte sie viel. Sie sind einfach glücklich. Das freie Spielen ohne Anleitung von Erwachsenen ist so wichtig für sie. Sie lernen so viel, auch im Spiel mit den anderen Kindern. Sie tragen dadurch definitiv mehr Verantwortung für ihr Handeln und somit sind sie selbstständiger und streiten auch viel weniger.

Levi kann sich mittlerweile auf Englisch verständigen, er hat es sich selbst beigebracht, und Nouri auch etwas. Nouri hat sich das Schwimmen selbst beigebracht, beziehungsweise von den anderen Kindern abgeschaut.

-Das klingt, als gäbe es kein Heimweh?

Doch, immer wieder mal kommt Heimweh auf. Dann legen wir uns alle ins Bett, kuscheln und erzählen uns, was wir am meisten zu Hause vermissen. Wie mit allen Gefühlen, die man zulässt und anschaut, so löst sich auch das Heimweh auf, wenn man eine Runde geweint hat oder auch nur gegenseitig erzählt hat, was man so sehr vermisst. Eines vermissen wir besonders alle gemeinsam: unseren Hund Nic.

-Ihnen ging es immer um die Bindung, den Stamm, den Sie stärken wollten. Spüren Sie da eine Veränderung? Und gibt es schon Gedanken an die Heimkehr?

Unsere Bindung zu den Kindern ist eine andere als zu Hause, sie ist tiefer und fester geworden. Unsere Heimkehr – das ist noch lange hin. Jetzt sind wir hier. Und das leben wir auch. Oder besser: Wir lernen jeden Tag besser, im Jetzt zu sein. Wir wissen nicht, was im August ist. Da wir so ohne Plan im Flow reisen, leben wir das auch.

Eines ist klar. Wir sind nicht mehr die Alten. Es hat sich in uns viel verändert. Wir haben viele Ideen und Pläne, wie wir unsere Leben in Zukunft anders gestalten wollen.

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