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Ein Projekt, das Kunst und Wissenschaft verbindet: In Hechendorf startete gestern eine Flugskulptur. Dabei waren (neben den haltenden Helfern) Charles Gonzales (Aerocene Foundation), Bernhard Neumüller (Landwirt), Cordula Schütz, Kerstin Möller (beide Kulturreferat sowie Thomas Krahn (Aerocene Foundation, vorne v.l.). 

Klimaschutz und Kunst

Das fliegende Kissen von Hechendorf

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Über Hechendorf und dem Wörthsee schwebte gestern lange ein wie ein Kissen aussehendes Flugobjekt. Dahinter verbarg sich ein Projekt, das Kunst und Technik vereint. 

Hechendorf – Als sich am Dienstagvormittag der Nebel lichtete, gab es in Hechendorf Seltsames zu beobachten: Mehrere Menschen liefen auf einem Feld an der Inninger Straße mit einer großen, schwarzen Stoffhülle auf und ab, bis sich diese mit Luft gefüllt hatte. Wenig später, um 11.30 Uhr, machte sich das wie ein glänzendes Kissen aussehende Flugobjekt sachte und allein auf den Weg in den Himmel. Und hinterließ einige Schaulustige am Boden. Es war der erste „Free Flight“ (Freier Flug) im Zusammenhang mit dem „Aerocene Festival“, das bis einschließlich heute in München stattfindet und von der Aerocene Foundation und dem Münchner Kulturreferat veranstaltet wird.

Es geht um Kunst, um Klimaschutz und um interdisziplinäre Zusammenarbeit. Den Impuls für das Projekt gab bereits 2015 der renommierte argentinische Performance- und Installationskünstler Tomás Saraceno. „Er arbeitet an der Schnittstelle Kunst und Technik“, erklärt Cordula Schütz vom Kulturreferat. Aus gebrauchten Plastiktüten entstanden Prototypen, denen Sonnenstrahlen und Erdwärme reichte, um zu fliegen.

Das Flugobjekt in Hechendorf allerdings ist aus Material, das dem der Ballonseide sehr ähnlich ist. Dass der erste Freiflug auf süddeutschem Boden überhaupt im beschaulichen Hechendorf stattfand, das ist dem Zufall zu verdanken. „Wir waren auf der Suche nach Flächen außerhalb Münchens. Denn in München dürfen wir die Flugskulpturen nicht loslassen“, erzählt Schütz. Auf dem Feld bei Hechendorf habe man dann eines Tages den Biobauern Bernhard Neumüller getroffen. Schütz spricht von einer Schicksals- und Zufallsbekanntschaft. „Da passte einfach alles in das Konzept“, freut sie sich.

Neumüller war natürlich bei dem Start gestern Vormittag auf seinem Feld zugegen. Dazu zahlreiche Neugierige und Mitglieder des Projektteams. „Die derzeitige Diskussion über das Klima hat eine ganz neue Dynamik in das Projekt gebracht“, erklärt Schütz. Auch Flüge, bei denen sich Menschen an die Ballons hängen, verliefen schon erfolgreich. Freiflüge einer Flugskulptur fanden bisher in Alaska, der Wüste, bei Berlin und nahe Paris statt. „In Süddeutschland war dies der erste Start.“

Die Flugskulpturen sind mit Kamera und GPS ausgerüstet und können live verfolgt werden. Sie messen neben Temperatur und Wind auch Luftverschmutzung und erreichen bis zu 16 Kilometer Höhe. Flugzeuge sind in zehn bis zwölf Kilometer Höhe unterwegs. Wenn die Sonne untergeht, kehren die Flugskulpturen zwangsweise wieder auf die Erde zurück. „Die Community ist mit Ballonfahrern und Gruppen auf der ganzen Welt vernetzt“, berichtet Schütz. Das gelte auch für das gestern angepeilte Ziel: „Die Skulptur wird in Südpolen landen.“ Sie könne dann wie ein Rucksack zusammengepackt und an den Startort zurückgeschickt werden.

„Mit dem Projekt entstehen auch viele Fragen“, erklärt Schütz. Eine große Versicherungsgesellschaft habe beispielsweise eine ganz neue Versicherung erschaffen für diese Art von Flugkunstkörpern. Mehrere Forschungsinstitute seien an dem Projekt interessiert. „Die Frage ist ja auch, wem gehört der Luftraum?“, sagt Schütz.

Von Hechendorf aus war das Flugobjekt lange zu sehen. Es schwebte über den Wörthsee in Richtung Nordosten davon. Getragen nur von Sonnenkraft und Wind. Auf der Internetplattform Instagram ließ sich sein Weg verfolgen. Gegen 18 Uhr war die Skulptur bereits über Jetetice in Tschechien. Wer mehr wissen möchte: www.aerocene.org.

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