In der Garage hängt sozusagen die eigene Tankstelle: Dr. Alexander Eichberger mit seinem Ladegerät für sein Elektroauto. Es geht aber auch ohne so eine Buchse, mit der ganz normalen Steckdose.  Foto: Stefan Schuhbauer-von Jena
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In der Garage hängt sozusagen die eigene Tankstelle: Dr. Alexander Eichberger mit seinem Ladegerät für sein Elektroauto. Es geht aber auch ohne so eine Buchse, mit der ganz normalen Steckdose. Foto: Stefan Schuhbauer-von Jena

Dr. Alexander Eichberger über Elektromobilität und ob ein Weg an ihr vorbei führt

„Immer besser als jeder Verbrenner“

Dr. Alexander Eichberger aus Hechendorf kennt sich mit E-Mobilität aus. Seit fünf Jahren fährt er selbst ein Elektroauto und hält Vorträge zum Thema. Er sagt: Am Elektroauto führt kein Weg vorbei.

Hechendorf – Er hält Vorträge bei den Volkshochschulen im Landkreis Starnberg und in München, engagierte sich ehrenamtlich bei der Energiegenossenschaft und fährt, natürlich, seit 2015 ein Elektroauto: Dr. Alexander Eichberger aus Hechendorf hat sich dem Thema E-Mobilität verschrieben und in dieser Angelegenheit auch schon die Gemeinden Pöcking und Andechs beraten. Beruflich hatte Eichberger (61) auch zuvor mit dem Thema zu tun: Sein Unternehmen Simpack GmbH AG mit Sitz in Gilching, 1993 aus dem DLR heraus gegründet, baute virtuelle Prototypen, zum Beispiel Windkraftanlagen, und simulierte unter anderem deren Geräuschemissionen. 2014 verkaufte Eichberger die Firma und stieg in die ehrenamtliche Arbeit ein. Mit dem Starnberger Merkur sprach er darüber, warum es sich lohnt, ein Elektroauto zu fahren. Dabei gibt es im Landkreis viel Luft nach oben: Zum Jahreswechsel waren 577 reine Elektro-Pkw zugelassen – bei insgesamt 86 272 gemeldeten Pkw.

Seit wann fahren Sie selbst ein Elektroauto?

Meine Frau und ich sind 2015 umgestiegen und seither 100 000 Kilometer mit unseren Elektroautos gefahren. Und nie liegen geblieben.

Der deutsche Autofahrer ist trotzdem skeptisch. Das Elektroauto hat einen schlechten Ruf. Woran liegt das?

Die deutsche Automobilindustrie hat versucht, die E-Mobilität so lang wie möglich herauszuzögern, um ihre hohen Entwicklungskosten in Verbrennungsmotoren zu amortisieren. Und sie will noch ihre Fahrzeuge, die auf ihrem Hof stehen, auf den Markt bringen. Nun betreibt sie kräftig Lobbyarbeit. Dabei hat sich der Autofahrer ohnehin schon seit Jahrzehnten von ihr an der Nase herumführen lassen.

Wie meinen Sie das?

Beispielsweise war der Realverbrauch beim Sprit immer 30, 40 Prozent höher als angegeben. Der Deutsche und sein Auto, das ist im Rückenmark verankert. Wir sehen die Welt schon sehr aus unserer deutschen Autosicht.

Ist die deutsche Autoindustrie zu retten?

Die deutsche Automobilindustrie hat noch eine Chance, aber sie muss sich schnell und radikal umstellen. Sie hat immer die Hoffnung gehabt, dass sie auf deutscher und europäischer Ebene geschützt wird. Aber die Märkte in China und den USA treiben die Entwicklung. Die Zahlen sind jetzt schlecht wegen Corona und wegen der strukturellen Krise. Wir haben gesättigte Märkte, und in den Städten weltweit wird der Autoverkehr zurückgedrängt. In Norwegen darf ab 2025 kein Verbrenner mehr zugelassen werden, das sind sehr ernst zu nehmende Anzeichen.

Nehmen wir an, ich habe einen alten Kleinwagen, den ich verkaufen möchte. Nun brauche ich einen Ersatz und fahre vor allem Kurzstrecken. Was empfehlen Sie mir?

Wir fahren seit vier Jahren den VW-e-Up, mit einer Reichweite von 260 Kilometern bei dem aktuellen Modell. Nein, ich arbeite nicht für VW. Aber wir haben lange recherchiert und sind mit dem Auto superzufrieden.

Wie teuer ist ein Wagen dieser Klasse?

Der Listenpreis liegt bei 23 000 Euro. Doch es gibt bis Ende des Jahres die Mehrwertsteuerreduktion, plus 3000 Euro vom Hersteller, dazu kommt eine Förderung von 6000 Euro von der Bundesregierung. Bleiben 11 000 Euro brutto. Wenn Sie ein Elektroauto in dieser Kategorie kaufen, sparen Sie zudem innerhalb von acht Jahren einige Tausend Euro, weil Unterhalt und Benzinkosten günstiger sind. Sie fahren zehn Jahre steuerfrei, es gibt kaum Verschleiß und daher auch keine Werkstattkosten.

Das ist aber nicht gut für meine Werkstatt.

Das stimmt. Vor allem, weil der Händler primär an der Werkstatt verdient, und nicht am Verkauf. Es wird daher ein Händlersterben geben. Das sind die Elefanten im Raum, die jeder sieht und keiner nennt.

Wenn sich jetzt alle in einer normalen Dorfstraße hier in Hechendorf so ein Auto kaufen, geht dann das Stromnetz in die Knie?

Nein, weil alle ihre Fahrzeuge zu Hause mit Niedrigenergie, maximal 11 Kilowatt, laden, das leistet jeder Hausanschluss. Die Netzbetreiber geben an, dass die Netze 7 Millionen Fahrzeuge laden können, ohne ertüchtigt werden zu müssen. In Deutschland fahren bisher weit unter einer  Million Elektroautos herum, also keine Sorge.

Was kosten mich 100 Kilometer mit einem Elektrofahrzeug?

Wer zu Hause mit seinem Hausstrom lädt, zahlt für 100 Kilometer um die 4 Euro. Bei der eigenen Fotovoltaikanlage sinken die Kosten auf 2 bis 3 Euro. Beim normalen Verbrenner, einem Mittelklassewagen, liegt der Spritpreis bei 5 Euro.

Wo kann ich überall laden?

Zuhause, klar, aber auch an öffentlichen Ladesäulen und Schnellladesäulen. München ist bei den Städten mit über 1000 Ladepunkten Vorreiter, ganz knapp vor Hamburg. Für die Fernstrecken gibt es die Schnellladesäulen, die laden das Fahrzeug binnen 20 Minuten zu bis zu 80 Prozent auf. Die Bundesregierung investiert 2,5 Milliarden Euro in den Ausbau des Netzes, auch europaweit wird aufgerüstet. Damit kann man in Europa vom Nordkap bis Sizilien und Lissabon bis Prag problemlos elektrisch fahren.

Lithium und Kobalt sind bei der Herstellung der Batterien ein Thema.

In beiden Fällen werden heute nur knapp 40 Prozent für Batterien verwendet. Und zwar nicht nur für Autobatterien, sondern auch für Handys, Computer et cetera. Aber der Wasserverbrauch ist hoch, das ist in Ländern wie Südamerika und Australien, die Lithium hauptsächlich fördern, ein Problem für die Bevölkerung. Für ein gut ausgebautes Elektrofahrzeug brauchen Sie knapp 4000 Liter Wasser für den Akku. Das ist übrigens dieselbe Menge wie für 250 Gramm Rindfleisch. Oder zehn Avocados. Kobalt wird im Kongo geschürft, es ist zu 80 Prozent ein Nebenprodukt der Kupfergewinnung. Das Problem sind kleine, nicht zertifizierte Mienen, in denen unwürdige Abbaumethoden praktiziert werden. Aber der große Teil ist zertifiziert.

Und wie steht es um das Recycling der Batterien?

Es wird an Recyclingverfahren gearbeitet, die mehr als 90 Prozent der Materialien aus den Batterien wieder herausholen. Dafür lassen sich auch Arbeitsplätze aus der Automobilindustrie in die Recyclingindustrie transferieren. Das wird auch schon gemacht. Die Hersteller geben auf ihre Batterien übrigens Garantien. Im Verleihbereich fahren Elektroautos mehr als 400 000 Kilometer mit einer Batterie. Sie werden immer leistungsfähiger und langlebiger. Und an ihrem Lebensende im Fahrzeug werden sie noch für weitere 10 bis 20 Jahre als Regelspeicher für regenerative Energien eingesetzt.

Führt am Elektroauto ein Weg vorbei?

Vieles leitet sich aus den Klimazielen von Paris ab. Im Verkehrsbereich schaffen wir die nur, wenn wir fossilfrei Auto fahren. Das Problem der lokalen Emissionen wird immer größer, auch das können wir nur mit E-Autos lösen. Die Stimmung in den Städten ist da eine andere als in den ländlichen Bereichen. Wir hier im Münchner Speckgürtel würden mit unserem Diesel gern 800 Kilometer nach Italien fahren, wann immer wir Lust haben. Junge Familien in München denken ganz anders. Und da der überwiegende Teil der Bevölkerung in den Megacitys wohnt, ist die ländliche Sicht nicht die maßgebende. Städte wie London werden Emissionsverkehr ab 2030 komplett aussperren. Anders geht’s nicht.

Studien besagen, dass die Treibhausgasbilanz eines E-Autos schlechter ist als die eines Dieselfahrzeugs.

Bis zu einer bestimmten Größe ist ein Elektroauto immer besser als jeder Verbrenner. Natürlich bringt es einen ökologischen Rucksack mit, der sich aber je nach Größe und beim heutigen deutschen Strommix ab 20 000 bis 50 000 Kilometern abfährt. Der Ausbau der regenerativen Energien spielt der E-Mobilität immer Jahr für Jahr mehr in die Hände. Strom wird immer sauberer. Ein E-SUV mit riesiger Batterie und hohem Verbrauch allerdings ist Blödsinn. Weil der ökologische Rucksack so groß ist, dass er erst nach mehr als 80 000 Kilometern abgefahren ist. So ein Fahrzeug ist nur dann ökologisch, wenn man es lange viel fährt. Aber nur deswegen viel herumzufahren, ist natürlich auch Schwachsinn.

Was ist mit Wasserstoff?

Es gibt Elektrofahrzeuge, die durch in einer Brennstoffzelle über Wasserstoff produzierten Strom gespeist werden können. Der Erzeugungs- und Umwandlungsprozess erfordert jedoch eine dreimal höhere Primärenergie. Und es gibt auf dem Markt zurzeit nur zwei käufliche Brennstoffzellenfahrzeuge und keine Tankinfrastruktur. Ich meine, der grüne Wasserstoff ist viel zu wertvoll, um ihn auf der Straße zu verheizen. Wir brauchen den Wasserstoff für die Stahl- und Zementerzeugung, Chemieprodukte sowie für Verkehrsmittel, die nicht über eine Batterie gespeist werden können wie Flugzeuge und Schiffsverkehr. Wasserstoffenergie macht Sinn, weil sich Industrieprozesse damit auch das Gasnetz dekarbonisieren lassen.

Und synthetische Treibstoffe?

Synthetische Kraftstoffe kann man auch über Wasserstoff erzeugen, den man in bestehenden Verbrennungsmotoren benutzen könnte. Sie sind daher das Lieblingskind unseres Verkehrsministers. Denn man könnte die Autoindustrie so belassen, wie sie ist. Mit allen Tankstellen, der Infrastruktur und so weiter. Politisch ist das gewollt, aber ökologisch sinnlos, weil der Primärenergieaufwand sechsmal höher ist als bei einem Elektroauto. Man wird ihn für Flugzeuge und Schiffe verwenden müssen, er wird nie im Auto ankommen. Kein Verbraucher wird für Sprit mehr zahlen, wenn er den Strom aus der Steckdose günstiger haben kann.

Wie fährt sich so ein Elektroauto eigentlich?

Das Fahrgefühl ist sehr angenehm, die Beschleunigung super. Dazu kommt, dass ich nur noch zum Reifenwechsel in die Werkstatt muss. Und ich habe immer ein vollgetanktes Fahrzeug vor der Tür. Der Spaßfaktor ist groß.

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