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Im Gespräch: Thomas Zimmermann (Grüne), Petra Gum (FWG), Moderator Peter Schiebel, Johanna Senft (BVS) und Klaus Kögel (CSU, v.l.).

Podiumsdiskussion des Starnberger Merkur

Ringen um die besten Argumente

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Alle vier Seefelder Bürgermeisterkandidaten und -kandidatinnen auf einem Podium: Dafür sorgte der Starnberger Merkur mit einer Diskussionsrunde im Sudhaus des Seefelder Schlosses. 

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Seefeld – Darauf hatten viele Seefelder gewartet: Im voll besetzten Sudhaus des Seefelder Schlosses stellten sich die vier Bürgermeisterkandidaten Petra Gum (FWG), Johanna Senft (BVS), Klaus Kögel (CSU) und Thomas Zimmermann (Grüne) den Fragen der Bürger. Schon eine halbe Stunde vor Beginn waren alle Stühle besetzt, in die letzten Winkel quetschten sich die Zuhörer, und viele lauschten vom Flur aus. „Das ist ein bisschen wie Radio hören“, beschwichtigte Moderator Peter Schiebel, Redaktionsleiter des Starnberger Merkur.

Die Lokalzeitung hatte die Podiumsdiskussion organisiert, zahlreiche Bürger hatten vorab Fragen in die Redaktion geschickt. Auf dem Podium war die Stimmung gut, nur Senft und Zimmermann gerieten zwischenzeitlich leicht aneinander. Das Publikum lauschte indessen höchst konzentriert.

Finanzen und Gewerbe

Erst vor Kurzem zeichnete Bürgermeister Wolfram Gum ein düsteres Bild der Finanzlage. Heuer reichen die Rücklagen noch, doch 2021 droht nach 20 schuldenfreien Jahren eine Kreditaufnahme. „Ich bin überrascht, dass das eine Überraschung ist“, sagte Thomas Zimmermann. Dass die Firma 3M nicht mehr im gewohnten Umfang Gewerbesteuer zahle, sei seit drei Jahren bekannt. Abgesehen davon: „Wir befinden uns jetzt auf normalem Niveau, damit kann man auskommen.“

Es sei jedoch sinnvoll, die Gewerbesteuereinnahmen zu stärken. Die Gemeinde bräuchte eine Fläche, die schnell zu entwickeln sei, zum Beispiel neben dem Feuerwehrhaus in Hechendorf. „Aber wir sollten nicht vergessen, die lokalen Unternehmen zu unterstützen, hier wurde oft zu spät reagiert.“

Petra Gum verteidigte die Arbeit des Gemeinderats: „Ihn trifft kein Verschulden“, sagte sie. Er habe sich stets bemüht, aber keine Flächen gefunden. „Es wurde auch viel investiert, aber unsere Vereine sind es wert.“ Grundsätzlich stehe die Gemeinde blendend dar. Nie sei mit Flächen geaast worden. „Wir haben in der Gemeinde 0,9 Prozent Gewerbeflächen und 80 Prozent Vegetation.“ Die Finanzen könne man jedoch nur stärken, wenn man Neues wage. „Aber hier wird nur mit Horrorszenarien gearbeitet. Augenmaß ist das Gebot der Stunde“, sagte Gum.

„Der Gemeinderat hat nichts versäumt und maßvoll gehaushaltet“, stellte Johanna Senft fest. Ausgaben wie beispielsweise für die Kanalsanierung seien unabdingbar, viel sei auch in die Kinderbetreuung investiert worden. „Wir dürfen nicht die Augen verschließen, es wird sich nicht vermeiden lassen, dass wir Gewerbe ansiedeln.“

Im Rahmen des vom Gemeinderat beschlossenen Scoping-Verfahrens würden Flächen angeschaut. „Das Ergebnis wird in der Ortsentwicklung geprüft, am Ende wird der Gemeinderat entscheiden, welche Fläche entwickelt wird.“ Sie erinnerte aber auch daran, dass die Verhandlungen mit Eigentümern oftmals sehr langwierig und schwierig seien. „Zu sagen, das geht jetzt schnell, ich war bei Siemens, geht so nicht“, attackierte sie den Wirtschaftsmann Zimmermann.

Klaus Kögel warnte vor zu großem Pessimismus. Dass es nicht gelungen sei, Firmen wie beispielsweise das nach Gilching abgewanderte Unternehmen Vistek zu halten, sei bedauerlich. „Wir müssen alles dafür tun, dass sich unsere Unternehmen weiterentwickeln.“ Möglicherweise auch im Zusammenhang mit Wohnungen, die die Firmen ihren Mitarbeitern anbieten können. Er glaube allerdings nicht, dass sich die Gemeinde emissionsarme Unternehmen, die wenig Fläche benötigen, aussuchen könne. „Da stehen wir in Konkurrenz zu anderen Gemeinden.“ Das sah Gum anders: „Wir können uns Firmen sehr wohl aussuchen. Aber nur, wenn wir Flächen haben.“

Natürlich ging es auch um den viel zitierten Acker bei Gut Delling, der ebenfalls als Standort für Gewerbe geprüft wird. Senft beklagte, dass mit zu großen Zahlen hantiert werde. „Sie verdrehen Fakten, die richtige Wahrheit ist eine andere“, sagte sie zu Zimmermann. Aus der Idee von TQ-Systems-Chef Detlef Schneider sei „ein Märchen“ entstanden samt Online-Petition, „die auch Menschen aus Australien unterzeichnet haben“. Man dürfe nichts mehr sagen, ohne an den Pranger gestellt zu werden, sagte sie. „Keiner möchte Landschaft zerstören, aber wir müssen uns ohne Denkblockade entwickeln dürfen.“

Zimmermann blieb ruhig. Er wundere sich, dass es keine Flächenbilanz gebe und auch darüber, warum die Gemeinde nicht viel früher einen Gesamtplan entwickelt habe. Kögel erinnerte an die restriktive Haltung der Stadt München und daran, dass die CSU den Acker bei Gut Delling als Gewerbestandort von Beginn an abgelehnt habe. Alle Kandidaten fanden das Scoping-Verfahren aber gut. Als Alternativen für Gewerbe kommt für Zimmermann und Kögel die Fläche neben der Feuerwehr am Oberfeld in Hechendorf in Frage, für Kögel auch eine am Jahnweg. Schneider habe mit der Fläche bei Gut Delling einen Wunsch geäußert, sagte Gum. „Wir werden Wünsche prüfen, das ist meine Pflicht als Bürgermeisterin.“

Chirurgische Klinik

Gum will die Klinik „nicht in Herrsching sehen“. Sie findet, ein soziales Projekt wie eine Klinik müsse rote Zahlen schreiben dürfen. Auch Zimmermann will die Klinik Seefeld „nicht kampflos aufgeben“. Er könne sich nicht vorstellen, dass das Gelände der vom Landkreis gekauften Schindlbeck-Klinik in Herrsching groß genug sei, um dort beide Kliniken zu vereinigen. Für einen Neubau solle man sich Grundstücke im gesamten westlichen Landkreis anschauen. Das sieht auch Kögel so. Es stehe aber auch außer Frage, „dass die Klinik erfolgreich sein sollte“. Vor allem die Notfallversorgung mache die Klinik in Seefeld teuer, wusste Senft. „Wir sollten für die Klinik kämpfen, aber auch die Chance nutzen, wenn die Fläche an der Hauptstraße frei wird.“

Wohnraum

Beim Thema Wohnraum waren sich die Kandidaten einig. Wohnungsbau an der Spitzstraße in Hechendorf, in der Stampfgasse in Oberalting, genossenschaftliche Projekte, der Einsatz des Kommunalunternehmens SeeKu – das finden alle sinnvoll. Senft denkt auch an Ortsabrundungssatzungen für die Ortsteile. Ortsabrundungen und Verdichtung sind auch für Gum eine Option. Sie erinnerte allerdings daran, dass Zuzug Infrastruktur braucht. „Das bringt alles Nachfolgekosten.“ Zimmermann setzt ebenfalls auf einen Blumenstrauß an Möglichkeiten – „auch deswegen brauchen wir einen Gesamtplan“. Kögel wünscht sich Wohnungsbau für diejenigen, die sich ein Haus im Einheimischenmodell nicht leisten können, auch eine Erhöhung der Geschossfläche sei denkbar.

Sportplatz für den TSV

Ein Sportgelände für den TSV Hechendorf wünschen sich alle Kandidaten. „Mir erschließt sich nur nicht, wo“, sagte Gum. Kögel möchte sich für ein Gelände an der Inninger Straße einsetzen, auch Senft nannte es eine Herausforderung, eine Fläche zu finden. Mal ganz abgesehen von den Baukosten, die Gum mit rund fünf Millionen Euro bezifferte. Kögel wollte das nicht glauben. „Das Sportheim des SC Wörthsee hat 500 000 Euro gekostet.“ Zimmermann bedauerte, wie schon seine Vorredner, dass der TSV bei der Planung des Oberfelds „nach zehn Jahren hinten runtergefallen ist“. Das müsse sehr schnell korrigiert werden. Beim Scoping-Termin solle dies berücksichtigt werden.

Neues Rathaus

„Da werden wir an der Planung dranbleiben müssen“, bekannte Gum. Zimmermann findet die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und auch dem TSV-Sportplatz wichtiger, zumal die Gemeinde einen langfristigen Mietvertrag mit dem Eigentümer des Technologieparks habe. „Wir haben da keinen Zeitdruck.“ Senft vertrat die Meinung, dass die Gemeinde ein eigenes Rathaus braucht. „Im Moment haben wir eine Verwaltung der langen Wege“, sagte sie mit Blick auf die Unterbringung im Technologiepark. Dort ließe sich auch Gewerbe ansiedeln. Kögel favorisierte ebenfalls den Bau eines Rathauses, „aber mit bedarfsgerechter Größe“, die nicht zehn Millionen Euro kosten müsse.

Klimaschutz

Alle Kandidaten stehen zu dem Landkreis-Beschluss, bis 2035 klimaneutral zu sein. Das betonten sie auf eine Frage von Ernst Deiringer von der Agendagruppe Energie. Sie setzen auf einen Energiemix, aber auch auf die Motivation der Bürger. Die Flugsicherung hat sich wegen der Nähe der Konzentrationsflächen zum Sonderflughafen gegen Windräder ausgesprochen. Zimmermann will es trotzdem versuchen, Windräder zu installieren. Die Gemeinde solle Maßstäbe setzen.

Senft und auch Kögel denken an Fotovoltaikanlagen bei der einstigen Umladestation in Unering, Gum setzt auf E-Bikeverleih- und Ladestationen sowie mehr Solarfelder. Zimmermann konnte sich die Bemerkung allerdings nicht verkneifen, dass beispielsweise E-Ladesäulen schon dreimal im Gemeinderat gescheitert seien.

Ein letztes Statement

Zum Schluss durfte jeder Kandidat sagen, was ihn zum besten Bürgermeister beziehungsweise zur besten Bürgermeisterin für Seefeld macht. „Weil ich mit Menschen umgehen und vermitteln kann und meinen Job mit Herz und Verstand machen möchte“, sagte Gum. Kögel setzt ebenfalls auf seine vermittelnde Kraft, „und weil ich meine Erfahrung und mein Wissen einbringen kann“. Auf zehn Jahre Erfahrung pocht auch Senft. „Ich weiß, wie die Leute ticken. Aber ich sage nicht jedem, was er hören möchte.“ Zimmermann will für neue Impulse sorgen. „Nicht polarisieren, sondern miteinander sprechen bringt uns weiter.“

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