+
An der Entwicklung des Roboters Justin war Professor Gerd Hirzinger maßgeblich beteiligt. 

Professor Gerd Hirzinger

Der leise Netzwerker und Pionier

  • schließen

Professor Gerd Hirzinger ist Pionier und Netzwerker in Sachen Robotik. Bis heute führt an ihm kein Weg vorbei, wenn es um die neueste Forschung geht. 

Seefeld– Wer sich mit Robotik in Deutschland beschäftigt kommt an ihm nicht vorbei: Professor Gerd Hirzinger, wohnhaft in Seefeld, ist die graue Eminenz hinter einer Bewegung und Entwicklung, die jüngst in Garmisch-Partenkirchen für Schlagzeilen sorgte. Am dort vor kurzem eröffneten Anwender- und Forschungszentrum „Geriatronik“, einer Außenstelle der TU München, entwickeln die Wissenschaftler zukünftig Roboterassistenten, die ein selbstbestimmtes Leben im hohen Alter möglich machen sollen. An der Entwicklung dieser Idee ist Hirzinger maßgeblich beteiligt, auch mit seinem ehemaligen Institut für Robotik und Mechatronik im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen, das der 73-Jährige viele Jahre leitete und zu einem internationalen Zentrum aufbaute. Es ist längst nicht nur die Heimat von Roboter Justin.

Der Vorschlag, das Geriatronik-Thema wegen der Altersstruktur in Garmisch anzusiedeln, kam ursprünglich von Hirzinger. Ihn treibt das Thema schon lange um. Die Keimzelle für Garmisch war sozusagen seine Mutter, die einst in seinem etwa 200 Kilometer entfernten Geburtsort Schwandorf lebte. „Es ging um die kleinen Dinge“, erzählt Hirzinger beim Gespräch in einer Seefelder Bäckerei. Wochen hat es gedauert, bis dieser Termin zustande kam. Nicht, weil Hirzinger keine Lust hatte, sondern weil er immer noch unentwegt zu Vorträgen unterwegs ist, Startups unterstützt, in der Politik Überzeugungsarbeit leistet – die Geriatronik ist da nur eins von vielen Themen.

Eines Tages jedenfalls begann seine Mutter, das Telefon nicht mehr richtig aufzulegen. Hirzinger versuchte oft vergebens, sie zu erreichen, und mobilisierte schließlich einen Nachbarn. „Das kann doch nicht sein im Hightech-Zeitalter“, empört er sich. Auch seine Schwiegermutter hatte nach einem Sturz stundenlang im Bad gelegen: „Die Technologie mit Notruf-Knöpfen ist doch aus dem letzten Jahrhundert.“ Dabei will Hirzinger nicht mit Robotern den pflegenden Menschen ersetzen. „Das Wort Pflegeroboter will ich vermeiden, es schürt nur unnötige Ängste.“ Funktionale Assistenzroboter aber können es zum Beispiel älteren Menschen ermöglichen, länger in ihren vier Wänden zu leben.

Auch Schwerhörigkeit ist kein Problem mehr

„Sie werden Routinearbeiten übernehmen, wie beispielsweise die Zubereitung von einfachen Mahlzeiten“, erklärt Hirzinger. Das zweiarmige – zunächst auf Rädern mobile System ähnlich dem berühmten „Justin“ des DLR-Instituts – soll über ein großes Display als Kopf-Ersatz verfügen, auf dem der alte Mensch Filme schauen oder Wikipedia-Wissen abfragen, aber auch mit seinen Verwandten und Freunden kommunizieren kann. Das alles nur per Sprachsteuerung und ohne Rumtippen auf dem Smartphone oder Tablet. Die Sprache des „Gegenübers“ wird gleich als Schrift eingeblendet, sodass Schwerhörigkeit kein Problem mehr ist.

Im Bauch des Roboters befindet sich eine Art ärztliches Kontrollzentrum, das beispielsweise drahtlos über ein Armband mit dem Menschen verbunden ist. Blutdruck, Sauerstoffgehalt und mehr werden ständig kontrolliert, Unregelmäßigkeiten gemeldet. „Der Assistenzroboter vergleicht die Signalmuster, weiß dann, ob ein Mensch ohnmächtig oder gestürzt ist und wo. In seinem Bauch wird entschieden, ob die Situation kritisch ist.“ Für Hirzinger sind „smart home“-Systeme, bei denen – vernetzt über die sogenannte Cloud – unzählige, etwa im Boden zur Sturzerkennung verbaute Sensoren und Kameras die Wohnung überwachen, der „digitale Overkill“. „Das muss alles viel einfacher und nur über einen Informationskanal gehen, und das geht auch.“

International ist es längst anerkannt: Hirzingers Institut – von seinem Nachfolger Professor Alin Albu-Schäffer weitergeführt – hat entscheidend zu einem Paradigmenwechsel in der Robotik beigetragen. „Wir haben Leichtroboter entwickelt, die in den Gelenken jede Berührung spüren, anfassbar sind und beliebig nachgiebig reagieren.“ Nur solche Roboter könnten kollaborativ mit dem Menschen zusammenarbeiten. So aussehen wie er sollen sie keinesfalls, „sondern Funktionalität ausstrahlen“.

Vor Robotern herrscht oft unnötige Angst

Das genannte mobile Zwei-Arm-System verfügt neben dem Bildschirm im Kopf und der Elektronik im Bauch auch über ein Mikrofon und Lautsprecher. Neulich erst hat sich Hirzinger ziemlich geärgert über einen Fernsehfilm, in dem es um einen vermeintlichen Pflegeroboter mit furchtbarer Blechstimme ging. „Die Senioren fanden das ganz lustig, aber der Roboter konnte eigentlich nichts.“ Das brächte niemanden weiter. Andererseits herrsche oft unnötig große Angst vor Robotern. „Dabei sind das bestenfalls teil-autonome oder ferngesteuerte Systeme, die unter unserer vollen Kontrolle stehen.“ Die menschliche Zuwendung jedoch könnten und sollten sie nie ersetzen.

Ursprünglich sollte es Musterwohnungen in ganz Bayern geben, „aber wir mussten das Budget reduzieren“, bemerkt Hirzinger offen. „Es wäre toll, wenn da große Sponsoren einsteigen würden“, findet er. In den USA sei das einfacher: „Dort gibt es eine Stifter- und Spender-Kultur.“ In der Entwicklung habe jedoch vor allem bei den Kosten ein gewaltiger Sprung stattgefunden. „Das war immer die Kritik, dass das zu teuer sein wird.“ Doch ehemaligen Mitarbeitern seines Instituts um den Münchner Professor Sami Haddadin sei es gelungen, die Kosten für Roboterarme so weit zu senken, dass ein komplexes zweiarmiges mobiles System mit geschickten Händen vielleicht noch 50 000 Euro kosten würde. „Das ist immer noch viel. Auf der anderen Seite legen sich viele Menschen Geld für ein Auto zurück. Ein Kauf macht dann aber im Alter oft keinen Sinn mehr, das Geld ist aber da.“ Und es sei noch Luft, was eine weitere Kostensenkung angehe. Theoretisch könnten Privatleute den Bau solcher Geräte jetzt schon in Auftrag geben.

Bei aller Entwicklung – Hirzinger weiß um die Vorbehalte gegenüber Robotern, die Angst der Menschen, sie könnten in der Arbeitswelt ersetzt werden. „Ich weiß auch nicht genau, wie das endgültig ausgehen wird, vermutlich weiß das niemand.“ Vor 20 Jahren schon seien Berichte über Roboter als Jobkiller zu lesen gewesen. „Heute aber florieren die Branchen, die am stärksten Roboter einsetzen.“ Andere, ohne Robotereinsatz, wie etwa die Konsumer-Elektronik, seien längst nach Asien abgewandert. „Die warnenden Prognosen sind nicht eingetreten.“

Der nächste Termin wartet schon

Über seine Funktion im sogenannten Zukunftsrat hat Hirzinger die Assistenzrobotik im Digitalisierungsprogramm der Staatsregierung verankert. Er treibt die Entwicklung unbemannter solarelektrischer Flugzeuge voran und vor allem auch das digitale Kulturerbe mit der „virtuellen Begehbarkeit“ bayerischer Residenzen, Königsschlösser und Visionen des Märchenkönigs. Unbewegliche historische Maschinen, wie sie im Deutschen Museum stehen, virtuell zum Leben zu erwecken gehört auch dazu. Seit kurzem kann man in einem neuen „VR (Virtual Reality)-Lab“ des Museums sogar mit dem Apollo-Auto über den Mond fahren, ein Jahr bevor sich die erste Mondlandung zum 50. Mal jährt.

Hirzinger schaut auf die Uhr. Der nächste Termin wartet auf den Seefelder, der bei allem bodenständig geblieben ist. Die Menschen im Ort kennen ihn als Mitglied zweier Chöre, sonntags steht er auf dem Bolzplatz in Unering im Tor einer Hobby-Fußballmannschaft. Der Familien- und Großvater wirkt eher sanft, spricht leise. Seine Karriere hat er offensichtlich ohne laute Worte gemacht. Ruhe will er nicht geben, dafür ist er auch viel zu stark vernetzt. „Ich habe mehr Freiheiten als je zuvor, und die nutze ich, so lange es geht. Auch für die Robotik.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Ringen um die besten Argumente
Alle vier Seefelder Bürgermeisterkandidaten und -kandidatinnen auf einem Podium: Dafür sorgte der Starnberger Merkur mit einer Diskussionsrunde im Sudhaus des Seefelder …
Ringen um die besten Argumente
Kommen und Gehen im Starnberger Einzelhandel
Der Einzelhandel kämpft in diesen Zeiten - auch in Starnberg. Nun gibt es wieder mal Veränderungen, vor allem traurige.
Kommen und Gehen im Starnberger Einzelhandel
Massive Bedenken gegen Schorn-Pläne
Das Gewerbegebiet Schorn liegt auf Bitten der Projektentwickler auf Eis - bis nach der Wahl. Allerdings gibt es auch ohne Wahl genug Hindernisse, die die Stadtverwaltung …
Massive Bedenken gegen Schorn-Pläne
Alles auf Video: Einbrecher eine Stunde lang in Tankstelle
Ein Einbrecher-Duo hat am früheren Montagmorgen die Aral-Tankstelle an der Seefelder Straße in Herrsching aufgesucht. Sie entwendeten Bargeld und Zigaretten im hohen …
Alles auf Video: Einbrecher eine Stunde lang in Tankstelle

Kommentare