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Jeder Baum wird einzeln begutachtet: Niko Winkler von der Gautinger Firma Tree-Consult auf der Hebebühne, die die Arbeiter bis zu 28 Meter hoch über den Boden bringt.

Baumpflege

Therapie für die Eichenallee

Sie sind dreimal so alt wie unsere Großeltern, viermal so dick wie der durchschnittliche Deutsche und brauchen regelmäßig einen Arzt, der sich um sie kümmert: Die Bäume der Eichenallee zwischen Seefeld und Gut Delling haben eine Sanierung nötig.

Seefeld – Adrian Seidel von der Münchner Baumpflege-Zentrale und sein Team kümmern sich derzeit um die rund 250 Jahre alten Bäume der Eichenallee. Mit zwei Hebebühnen fahren sie dorthin, wo sonst niemand ist: in die Baumwipfel in bis zu 28 Metern Höhe. Dort sägen sie Äste ab, die von Pilzen befallen sind, und entfernen Totholz, das jeden Moment auf die Straße zu fallen droht.

Dabei müssen sie permanent auf Auto- und Radfahrer achtgeben. Seidel steht auf dem Radweg und passt auf, während sein Kollege rund 20 Meter über ihm Totholz absägt. „Vorsicht, Fahrrad“, brüllt Seidel nach oben, wo sein Kollege gerade an einem besonders dicken Ast säbelt. Es knackt, dann raschelt es leicht, als der abgestorbene Ast zu Boden segelt. Erst dann darf der Radler weiterfahren.

„Jeder Baum ist ein Individuum“, sagt Seidel. Welchen Ast die Baumpfleger absägen und welcher dranbleiben kann, entscheiden er und seine Kollegen jedes Mal aufs Neue. Und das ist keine leichte Entscheidung. Einerseits ist jeder Ast, der herabstürzen könnte, ein Risiko. Andererseits reagieren die Bäume empfindlich auf starken Rückschnitt. Es brauche langjährige Erfahrung, um so viel wie nötig wegzuschneiden, ohne dem Baum zu schaden, sagt Seidel, der seit 35 Jahren Bäume pflegt. „Wir müssen hoch konzentriert sein.“

Das Team kümmert sich in Seefeld um 190 Eichen, denen bei der letzten Untersuchung etwas fehlte. Gleichzeitig nutzt Niko Winkler von der Gautinger Firma Tree-Consult die zweite Hebebühne, um jeden Baum einzeln zu untersuchen. Zwar werden die Eichen regelmäßig mit Fernglas, Sonde und Klopfhammer kontrolliert. Aber: „Von unten sieht man nicht, was oben das Problem ist“, sagt Winkler in einer kurzen Pause zwischen zwei Bäumen. Deshalb inspiziert er die Baumkronen, sucht nach Rissen, Faulstellen und Hohlräumen. Jede der 685 Eichen hat eine Nummer. In einem kleinen Computer dokumentiert Winkler akribisch die Schäden jedes einzelnen Baumes.

Das Wichtigste ist, dass die Auto- und Radfahrer von den Eichen nicht gefährdet werden. Deshalb entfernen die Baumpfleger nur Äste, die auf die Straße oder den Radweg fallen könnten. Die Äste und Zweige, die über die daneben liegende Wiese ragen, bleiben unberührt. Tiere nutzen nämlich auch totes Holz. Zum Beispiel zupfen Vögel die Rinde von abgestorbenen Ästen und bauen daraus ihre Nester. Für die Bäume sind der Verkehr und die damit einhergehende permanente Erschütterung stressig. Deshalb ist es wichtig, sie zu pflegen. „Der Baum hat eine irrsinnige ökologische Funktion“, erklärt Seidel in einer kurzen Mittagspause. Jeder Baum ist Lebensraum für Vögel und Insekten.

Vor etwa einem Jahr haben Baumsachverständige in der Eichenallee Eremiten gefunden, eine sehr seltene Käferart. Den Großteil des Jahres leben die Tiere ungestört in den Baumkronen. Außer natürlich, eine Gruppe Baumpfleger taucht plötzlich auf. „Dann glotzt uns manchmal ein Eichhörnchen an“, sagt Seidel. Er und seine Kollegen müssen darauf achten, die Tiere möglichst wenig zu stören.

Der Mai, für viele Vogelarten noch Brutzeit, ist nicht ideal, um in den Baumkronen zu arbeiten. Es ist jedoch erlaubt, solange die Baumpfleger hauptsächlich Totholz und morsche Äste entfernen. Außerdem arbeiten sie möglichst kurz in einer Krone, damit die Vogeleltern schnell zu ihren Nestern zurückkehren können.

Für die Bäume selbst ist die Arbeit im Mai aber besonders gut. Um diese Zeit erholen sie sich nämlich schneller von Schnitten. In ein bis zwei Wochen sind die Fachleute fertig mit ihrer Arbeit. Bis dahin fahren sie täglich hinauf in die Eichenwipfel. Ein besonderer Moment, selbst für erfahrene Baumpfleger wie Adrian Seidel. „Wenn man das Laubdach von oben sieht, ist das fantastisch“, sagt er.

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