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Landwirt Stefan Dellinger im Rinderstall des Konradhofs in Unering, der auf eine 500-jährige Geschichte als Familienbetrieb zurückblicken kann. 

Die Direktvermarktung über zwölf Wochenmärkte ist bereits eingestellt

Gemüse und Salat statt Fleisch und Wurst: Chef des Konradhofs zieht Konsequenzen

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Stefan Dellinger, Landwirt aus Unering, zieht die Konsequenzen aus jahrelangen Verhandlungen und Streitereien mit Nachbarn und Behörden. Er will auf dem Konradhof für die Direktvermarktung nur noch Biogemüse und Salat produzieren. Das letzte Schwein hat er bereits Anfang der Woche geschlachtet. Die Direktvermarktung über zwölf Wochenmärkte in der gesamten Region hat er eingestellt.

Unering – Die Situation am 8. April war emotional aufgeladen. Aus einem 43 Jahre alten Silo des Konradhofs in Unering war Silage im Feld versickert. „Das war eine sehr unangenehme Kontrolle durch die Polizei, ich wurde echt runtergeputzt“, erzählt Stefan Dellinger (40). Nie habe er Probleme mit dem Wasserwirtschaftsamt gehabt, er habe immer kleinlich auf die Wasserwerte geachtet. „Ich habe aufgepasst“, sagt er. Und dann das.

„Ich weiß schon, das ist, als würde man Öl in die Isar kippen“, sagt Dellinger. Aber wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er ohnehin längst ein neues Silo auf dem hochmodernen Hof gebaut, dessen Bau er schon 2016 beantragt hatte. „Ich kann doch nicht in ein Silo investieren, das ich erneuern will.“

Ihm sei nach dem Vorfall im April mit Haft zwischen drei und fünf Jahren gedroht worden oder einer hohen Geldstrafe. „Danach habe ich zwei Wochen schlecht geschlafen“, sagt Dellinger. Und in dieser Zeit habe er entschieden: Er steigt aus der Fleischproduktion im großen Stil aus.

Bis dato hielt Dellinger durchschnittlich 300 Puten, 500 Gänse, 400 Enten, 120 Schweine, 250 Rinder, 300 Schafe plus Lämmer, 1000 Hähnchen und mehr als 1000 Legehennen. Er produzierte wöchentlich unter anderem 1,2 Tonnen Rind- und 1,5 Tonnen Schweinefleisch, dazu 500 Kilogramm Hähnchenfleisch. Aus diesen Beständen versorgte er zwei Hofläden – einen in Unering, einen in München – und insgesamt zwölf Wochenmärkte in der gesamten Region von Krailling über Starnberg, Seefeld und Dießen bis Bernried. Und er wollte weiter expandieren – auf einer neuen Hofstelle. Dabei hatte er in die alte schon ordentlich investiert. Im Jahr 2002 steckte er etwa 400 000 Euro in ein Schlachthaus. Dieses wird nun geschlossen. Die restlichen 200 Rinder werden nach und nach geschlachtet.

Die Schafe in der Außenstelle in Aschering will er weiter halten, Wild vermarkten und vielleicht auch noch Biohähnchen dazunehmen. Dafür will Dellinger den Gemüseanbau intensivieren, mit dem er im vergangenen Jahr begonnen hat. Der Landwirt bewirtschaftet insgesamt etwa 180 Hektar Flächen, auf sechs Hektar baut er bereits Gemüse und Salat an.

Die 20 in der Direktvermarktung beschäftigten Mitarbeiter bleiben, „das sind tolle Leute“, sagt er. Auch das Catering – Dellinger beliefert Betriebskantinen, Schulen und Kitas von einer Küche in Gröbenzell aus – läuft weiter. Der Hofladen in Unering bleibt noch geöffnet, und zwar freitags von 9.30 bis 19 Uhr und samstags von 9.30 bis 16 Uhr. Sein Hofladen in München ist bereits geschlossen.

Der Groll auf die Behörden sitzt bei Stefan Dellinger tief. Nach Einreichung seiner Pläne im Jahr 2016 für einen Aussiedlerhof nach modernsten Standards habe man ihn ein Jahr warten lassen. Und nach Gesprächen dann noch mal ein Jahr. Dabei habe er die Pläne 13-fach angefertigt, damit alle Fachbehörden gleichzeitig arbeiten können. „Aber immer wieder kamen Nachforderungen“, sagt der 40-Jährige. Dazu unentwegt Kontrollen, in seinen Augen willkürliche Entscheidungen und Forderungen nach Gutachten. Für immer weitere Bereiche wie Klimabilanz, Landschaftsbild, Artenschutz und so weiter. „All diese Gutachten sind aufwendig und teuer“, sagt Dellinger. Und er habe schon Unmengen Geld und Zeit in all die Planungen gesteckt. „Das ist neben meiner Arbeit nicht mehr zu leisten.“

Das Klima in der Viehhaltung habe sich dramatisch verändert. „Dazu kommen all die Anfeindungen“, sagt er. Und nun müsse er noch damit rechnen, im Gefängnis zu landen. „Ich fühle mich mit der Entscheidung jetzt besser.“

Barbara Beck, Sprecherin im Landratsamt Starnberg, bestätigt den Vorfall vom April. „Wenn uns etwas in der Art gemeldet wird, müssen wir dem nachgehen“, sagt sie. Dellingers Planungen für den Aussiedlerhof seien besonders umfangreich, es gehe um ein sehr großes Vorhaben. Und ja, es gebe für alles Vorschriften. „Aber die sind für alle gleich.“ Verfahren in der Art müssten sehr sorgfältig geprüft werden. „Wir haben keinen Fehler gemacht.“

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