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Auf Exkursion: Forstdirektor Armin Elbs und seine Zuhörerschar in einem Waldstück bei Hechendorf. 

Klimawandel

Im Wald mit dem Katastrophenmanager

  • Hanna von Prittwitz
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Der Seefelder Wald hat eine lange Krankenakte, sein Zustand ist schlecht. Die Gründe dafür erläuterte Forstdirektor Armin Elbs am Wochenende im Seefelder Pfarrheim. Natürlich ging es auch um den Klimawandel. Und am Rande auch um Peter Wohlleben, den Autor von „Das geheime Leben der Bäume“.

Seefeld – Wer gern in der Natur unterwegs ist, der liebt auch den Wald. Die Gemeinde Seefeld ist von ihm umgeben, allein 1000 Hektar sind dort in Besitz des Grafen zu Toerring-Jettenbach. Dies mag auch der Grund für das große Interesse sein, dass der Vortrag des Forstdirektors Armin Elbs am Freitagabend im Pfarrheim weckte. Eilig schleppten die Mitglieder des veranstaltenden Kulturvereins Räsonanz noch Stühle herbei, damit die mehr als 200 Zuhörer Platz fanden. Weitere 50 nahmen am Samstagvormittag an einer vierstündigen Exkursion teil.

Dass Elbs (60) umfangreich und offen über seine Arbeit als Forstdirektor eines Wirtschaftswaldes sprach, ist auch dem Autor Peter Wohlleben zu verdanken, dessen Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ gerade verfilmt wurde. „Wohlleben erzählt eine Story, die zum derzeitigen Lebensgefühl passt“, stellte Elbs fest. Er emotionalisiere den Wald und sorge dafür, „dass ich mich wie ein Metzger fühle“. Dabei verhält es sich beim Wirtschaftswald so, wie mit den meisten Themen, wenn man sich genauer mit ihnen beschäftigt: Es ist kompliziert.

„Jeder Wald hat seine eigene Krankenakte“, erklärte Elbs. Die des Seefelder Waldes reicht bis 1980 zurück. Damals war saurer Regen das Problem. 1990 fegten die Orkane Vivian und Wiebke über das Land, 1999 folgte Lothar, bevor 2003 eine Dürre den sommerlichen Niederschlag dramatisch sinken ließ. Weitere Orkane beschädigten den Wald 2007 und 2015, ein Pilz vernichtet seit 2010 europaweit die Eschen, der Borkenkäfer fällt über die durch Trockenheit geschwächten Fichten her und zwingt die Waldbauern zu großflächigem Kahlschlag. „All diese Ereignisse sorgen für ein ständiges Eingreifen und Reparieren“, sagte Elbs. Und gerade dies werde von immer mehr Menschen kritisch gesehen.

Der Klimawandel hat die Forstarbeit verändert

Elbs schiebt dies auch auf ein Missverständnis. Zwar ist der Wald die größte CO2-Senke, die einen großen Teil des menschlichen CO2-Ausstoßes abpuffert. „Aber das funktioniert nur, solange er Holz produziert.“ Sobald der Wald in eine Verfallsphase komme, schlage dies um. „Dann kommt die Zeit der Pilze, Mikroben, Käfer und Würmer, die den Baum zersetzen. Er gibt den gespeicherten Kohlenstoff dann wieder ab und wird zur CO2-Quelle.“ Elbs sieht die Aufgabe der Forstwirtschaft darin, Systeme zu etablieren, die den Wald erhalten und dafür sorgen, dass der gespeicherte Kohlenstoff sinnvoll überführt, das Holz also genutzt wird. „Das passt leider nicht in das Weltbild vieler Menschen, die sich Natur pur wünschen.“ Dabei gibt es Elbs schon zu denken, dass Wald als die einzige natürliche CO2-Vermeidungsmöglichkeit bei all den politischen Diskussionen über eine CO2-Abgabe nicht auftaucht. Dabei will Elbs gar keine Subventionen wie die Landwirtschaft. „Das ist wie Freibier. Dann habe ich einen dicken Kopf und weiß nicht mehr, was los ist.“ Viele Landwirte mache dies auch zu Getriebenen. Elbs sieht das kritisch.

Der Klimawandel hat die Forstarbeit verändert. Experten sind auf der Suche nach Bäumen, die mit weniger Wasser und mehr Hitze zurechtkommen. Elbs, seit 30 Jahren für den Grafen zu Toerring-Jettenbach im Einsatz, setzt dabei auf amerikanische Nadelbaumarten wie die Douglasie, Küstentanne, Schwarznuss und Roteiche. Bei Naturschützern ist die Douglasie umstritten, aber für Elbs ist sie durchaus tauglich für einen „Plan B“, den alle Förster haben sollten. Die Douglasie gibt es bisher nur in kleinen Beständen. „Aber sie haben die großen Windwürfe und die Borkenkäfer gut überstanden.“ In einem 1000 Hektar großen Revier setzt Elbs jährlich bis zu 30 000 Pflanzen. Entscheidend für die Art sind Standort und klimatische Bedingungen, aber auch die Frage, was in rund 100 Jahren wohl absatzfähig sein könnte.

Von der Theorie zur Praxis

Wie die Arbeit eines Försters unter den sich wandelnden Bedingungen aussieht, das erläuterte Elbs am Samstagmorgen im Revier. Wieder war das Interesse groß – genauso wie die Ausdauer, denn Elbs nahm sich viel Zeit. Er erklärte seinen rund 50 Zuhörern, wie und wo nach welchem System gepflanzt wird. Dabei zeigte sich auch: Selbst im Wirtschaftswald hat Artenvielfalt eine Chance. Toteisflächen und Bereiche, in denen die vom Pilz befallenen Eschen liegengelassen werden, gibt es ebenso wie naturbelassene Wegränder und Tümpel, allein im Seefelder Revier macht dies bis zu acht Hektar aus. „Wir haben in den bewirtschafteten Forstbetrieben die höchste Dichte an ausgewiesenen Biotopen.“

Mitten im Wald sehen sich die Exkursionsteilnehmer dann von hohen Fichten umgeben. Ihre Rinde ist zerfressen. „Wenn so wie hier der Borkenkäfer drin ist, musst du da sofort rein. Dann bleibt anderes liegen“, erklärt Elbs. Das Holz sei zwar noch gut, aber verfärbt. „Daher kaufen es nur die Chinesen.“ Der Borkenkäferbefall auch in Tschechien sorgt ohnehin schon für einen Überfluss an Holz auf dem Markt, der Preis ist niedrig. „Finanziell lohnt sich der Wald gerade nicht. Die Schwankungen sind von Jahr zu Jahr groß.“

Nahe der kranken Fichten hat Elbs Douglasien gesetzt, an die 2000 Stück. „Rund 200 werden was.“ Das Gleiche gilt für Buchenschonungen, aus denen oft auch mal die stärksten rausgeschnitten werden, damit sie den Wuchs der anderen nicht behindern. Für diese Arbeiten beschäftigt Elbs Subunternehmer aus Polen, die im Akkord arbeiten und nicht lange fackeln.

Die klimatischen Veränderungen stellen Forstwirt Elbs vor Herausforderungen. Wie ein „Katastrophenmanager“ fühle er sich manchmal, sagt er. Denn natürlich plant er jedes Jahr, wie viel Festmeter Holz er aus dem Wald holen möchte oder welche Bäume er pflanzt. „Aber die Natur spielt oft nicht mit.“ Nur bei einem ist sich Elbs sicher. „Der Wald, wie wir ihn kennen, wird in Zukunft nicht mehr einfach so da sein.“

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