+
Zwei Sachverständige und der Fotograf: Landschaftsarchitektin Almuth Boedecker (l.), Marcus Vetter und Marika Hoyer vom Staatlichen Bauamt Weilheim beschäftigen sich je auf ihre Art mit der Eichenallee. 

Naturschutz

Von Eichen, Eremiten und schönen Bildern

  • schließen

Die Eichenallee zwischen Seefeld und Gut Delling zählt zu den größten und schönsten in Europa. Im Hechendorfer Bahnhof ging es einen ganzen Abend um das Denkmal – eine Ausstellung und Vorträge vermittelten, um was für einen Schatz es sich handelt, und wie groß der Aufwand ist, ihn zu erhalten.

Hechendorf– Kurz vor Vortragsbeginn mussten die Organisatoren die Türen schließen: Nichts ging mehr im neu eröffneten Bahnhofsrestaurant, es war rappelvoll. Auch Horst Guckelsberger, ehemaliger Chef des Landesbundes für Vogelschutz, Günter Schorn vom Bund Naturschutz und Seefelds Bürgermeister Wolfram Gum wollten wissen, wie es um die Eichenallee bestellt ist und nach welchem Prinzip das für die Allee zuständige Staatliche Bauamt in Weilheim vorgeht – denn die Allee säumt die stark befahrene Staatsstraße 2068, das heißt, Verkehrssicherheit ist oberstes Gebot. Die Pflegearbeiten basieren auf dem Pflegewerk der Hechendorferin Almuth Boedecker. Diese arbeitet eng mit Marika Hoyer vom Bauamt zusammen, die ebenfalls zugegen war und ihre Aufgabe erläuterte. Eingeladen hatte die Bund-Naturschutz-Ortsgruppe Seefeld.

Die Landschaftsarchitektin Boedecker, heute 75 Jahre alt, fuhr vor etwa 20 Jahren zum ersten Mal durch die Eichenallee. „Ich habe gedacht: Was für eine wunderschöne Landschaft, hier sollte man gar nicht fahren dürfen.“ Fragen über Fragen hätten sich ihr aufgetan. Boedecker nahm mit der Regierung von Oberbayern Kontakt auf, ein Jahr später erhielt sie den Auftrag, das Pflegewerk zu erarbeiten. 2008 war es fertig, 2015 wurde es erstmals evaluiert.

Angelegt wurde die Allee von Graf Anton zu Toerring. Dieser pflanzte die ersten Eichen zwischen 1770 und 1780. Als Denkmal gilt der Teil entlang der Staatsstraße mit insgesamt 685 nummerierten Stileichen – weitere 110 stehen an Seitenästen in Seefeld und Gut Delling/Ettenhofen, sind aber zum Teil nicht geschützt. „Was ich sehr bedauere“, sagte Boedecker. 45 Prozent der Bäume haben einen Stammumfang von mehr als 250 Zentimetern, der stärkste bringt es auf 534 Zentimeter.

Keine Frage, die Bäume leiden

Salz, mehr als 14 000 Fahrzeuge täglich und die hohen Anforderungen der Verkehrssicherungspflicht – keine Frage, dass die Bäume leiden. „Tempo 30 wäre gut, da müsste man nicht streuen und hätte drei Minuten, um sich die Landschaft anzuschauen“, witzelte Boedecker. Nicht realisierbar sei das wohl, „aber ich habe das Gefühl, dass sich die Leute immerhin an die erlaubten 70 Stundenkilometer halten“. Sie erklärte, dass auch Bäume alt und zurückwachsen würden. „Für Käfer haben sie eine hohe ökologische Bedeutung, wenn sie alt sind.“ Alle wünschten sich große, alte Eichen, „aber da gibt es auch eine Prozesshaftigkeit in der Natur“.

Marika Hoyer vom Bauamt erklärte, dass man davon abgekommen sei, ganze Abschnitte der Allee zu erneuern. „Wir gehen den Weg der seltenen Einzelfällungen.“ 17 Prozent des Gesamtbestandes seien beschädigt. Der Zustand sei auch der früheren Baumpflegekunst geschuldet, „aber damit müssen wir leben“. Vor jeder Fällung finde eine sehr eingehende Untersuchung statt. Eine 2010 bis 2013 durchgeführte Phosphat-Behandlung habe den Bäumen gutgetan. „Sie wirkt wie ein Antibiotikum.“

Pflege kostet jährlich 50 000 Euro

50 000 Euro gibt das Staatliche Bauamt jährlich für den Erhalt der Eichenallee aus. Den Löwenanteil mache die Baumpflege aus, sagte Hoyer. Seit 2012 seien 46 Bäume nachgepflanzt worden – sie wurden aus Samen der Allee-Bäume herangezogen.

Bei der anschließenden Diskussion wollten mehrere Zuhörer wissen, warum gefällte Eichen und abgebrochene Äste nicht einfach liegengelassen werden. „Es ist alles immer wie geschleckt und sauber.“ Bei der von Menschenhand geschaffenen und als Denkmal bewerteten Allee handele es sich nicht um einen Wald, erklärte Hoyer. „Der Charakter wird herausgearbeitet.“

Der Baumsachverständige Andreas Detter bestätigte das Prinzip: „Das sind zwei unterschiedliche Ansätze. Da steht das gestalterische Thema der Allee auf der einen und der Naturschutz auf der anderen Seite.“ Immerhin: Die Allee erhole sich von der früheren Baumpflege, bei der man auch mit Chemie gearbeitet habe. „Langsam findet sich eine Fauna: Wir haben an mehreren Stellen den Eremiten gefunden. Das ist ein Zeichen, dass sich Normalisierung einstellt.“ Der Eremit ist noch seltener als der Hirschkäfer – auch wegen diesem ist die Eichenallee als lineares FFH-Gebiet eingetragen.

Ein anderer Zuhörer hatte erst vor kurzem ein Streufahrzeug erhebliche Mengen Salz in der Allee verteilen sehen. „Das sah aus wie in einer Saline“, sagte er entsetzt. Hoyer berichtete, dass man zwar wisse, dass der Chlorid- und Natriumgehalt groß sei, „aber wir haben uns das zuletzt vor acht Jahren angeschaut“. Ob es den Eichen wegen des Salzes schlecht gehe, wisse niemand so genau. „Das Thema Salz ist nicht greifbar.“

Guckelsberger wollte wissen, wie man für die Seitenarme der Allee einen größeren Schutz erreichen könnte. Die Ortsgruppe des Bund Naturschutz habe dieses Thema bereits aufgegriffen, berichtete Ildiko Gaal-Baier, die den Abend gemeinsam mit der Vorsitzenden Constanze Gentz initiiert hatte. Laut Boedecker hängt dies davon ab, wem die Straße gehört. Sie wolle, was den Bereich in Ettenhofen angehe, mit der Stadt München Kontakt aufnehmen.

Nach Ende der Veranstaltung diskutierten die Besucher im Bahnhof angeregt weiter – umgeben von herrlichen, großformatigen Bildern, die der Seefelder Fotograf Marcus Vetter mit einer Mittelformatkamera von der Allee gemacht hat. Diese sind noch mindestens eine Woche lang zu sehen – und zeigen, ganz ohne Worte, was für ein Schatz die Eichenallee ist.

Und noch etwas am Rande

Daran erinnern sich alle gern: Am 15. Mai 2011 war die Seefelder Eichenallee einen Tag lang für den Verkehr gesperrt. Das war ein Fest. Hunderte Menschen spazierten und radelten selig unter den gewaltigen Baumkronen zwischen Gut Delling und Seefeld hin und her. Zu verdanken war dies dem unermüdlichen Einsatz der Seefelder Naturschützer und der zuständigen Behörden. Die bekamen jetzt sogar Lob aus Moskau: Landschaftsarchitektin Boedecker war dort neulich auf einer Tagung, um ihr Pflegewerk für die Eichenallee vorzustellen. „Die konnten sich nicht vorstellen, dass die Straße gesperrt war, das fanden die toll.“ Bei der Informationsveranstaltung zur Eichenallee am Freitag in Hechendorf wurde der Ruf nach Wiederholung laut. 2011 ging es um den 240. Geburtstag, 2021 steht so gesehen ein astreines Jubiläum auf dem Programm. Wir sind gespannt.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Protest gegen AfD: Laut und bunt und friedlich
Etwa 250 Starnberger Bürger haben am Donnerstagnachmittag auf dem Kirchplatz gegen einen Wahlkampfauftritt der AfD protestiert. Zwar war der Protest laut und die …
Protest gegen AfD: Laut und bunt und friedlich
Die Würmseekanone für besondere Anlässe
Sie kommt aus Berchtesgarden und hat Böllerreferent Siegfried Holzapfel zufolge einen besonders schönen Klang: die „Würmseekanone“ ist seit Kurzem der ganze Stolz der …
Die Würmseekanone für besondere Anlässe
Zwei Unfälle am Kreisel binnen Minuten
Polizeibeamten nahmen am Kreisverkehr Starnberger Weg in Gilching gerade einen Unfall auf, da krachte es gleich fünf Meter weiter nochmal. Verletzt wurde zum Glück …
Zwei Unfälle am Kreisel binnen Minuten
Reiner Heidorn zeigt Botanik und ihre Auflösung
Großformatige Ölmalerei aber auch extreme Nahaufnahmen präsentiert Reiner Heidorn ab Anfang Juni in der Akademie für politische Bildung in Tutzing. Das Thema der …
Reiner Heidorn zeigt Botanik und ihre Auflösung

Kommentare