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Stade Zeit: Über die Kunst des friedvollen Advents

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Von: Hanna von Prittwitz

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Die erste Kerze brennt, die Platzerl sind gebacken, die Adventskalender befüllt: In der Adventszeit können auch Kreisbäuerin Anita Painhofer aus Geisenbrunn (r.) und Jungbäuerin Alexandra Sanktjohanser aus Meiling durchatmen.
Die erste Kerze brennt, die Platzerl sind gebacken, die Adventskalender befüllt: In der Adventszeit können auch Kreisbäuerin Anita Painhofer aus Geisenbrunn (r.) und Jungbäuerin Alexandra Sanktjohanser aus Meiling durchatmen. © Dagmar Rutt

Erst seit dem siebten Jahrhundert gibt es den vierwöchigen Advent, wie wir ihn kennen. Aber oftmals scheint für ihn gar nicht mehr recht Platz zu sein. Oder wir vergessen, was er bedeutet. Die Landfrauen haben ihre ganz eigene Haltung. Ideen und Gedanken von Anita Painhofer und Alexandra Sanktjohanser zur staden Zeit.

Landkreis – Für viele ist der Advent die schönste Zeit des Jahres. Bei anderen wiederum ist für ihn nur wenig Platz. Nicht zuletzt wirft auch die Pandemie einen Schatten auf die vierwöchige Adventszeit, die auf das siebte Jahrhundert zurückgeht. Für die Landfrauen ist die Sache dennoch klar. Der Starnberger Merkur hat mit Kreisbäuerin Anita Painhofer (59) aus Geisenbrunn und Jungbäuerin Alexandra Sanktjohanser (36) aus Meiling über Bräuche und die Bedeutung von Familie im Advent gesprochen und auch darüber, warum es der Advent heute in vielen Familien so schwer hat. Und wie man ihn vielleicht doch gut hinkriegt, unter allen Bedingungen.

Frau Painhofer, Frau Sanktjohanser, welche Bedeutung hat der Advent für die Landfrauen?

Anita Painhofer: Für uns ist die Adventszeit eine ganz wichtige Zeit. Ab Herbst ist die Feldarbeit auf dem Acker beendet. Dann geht alles in die Winterruhe, die Ackerfurche, die Felder, und wenn wir Glück haben, schneit’s. Alles bereitet sich mit neuer Kraft auf das neue Jahr vor. Dann kommt die stade Zeit. Die Arbeit ist getan, Viehhaltung natürlich ausgenommen. Man kommt zur Ruhe, besinnt sich auf seine Werte. Ich freue mich, wenn wir dann in der Stube sitzen, Tee kochen, Platzerl backen und, wie in meinem Fall, natürlich noch die Enkel da sind. Die Krönung ist, wenn dann draußen Schnee fällt. Da geht mir das Herz auf. Das genieße und liebe ich bis in die Haarspitzen.
Alexandra Sanktjohanser: Ich empfinde das sehr ähnlich. Im Sommer ist das Haus nebensächlich. Im Advent nimmst du dein Zuhause anders wahr. Du fängst an zu dekorieren. Man hat so seine Eckerl, die man mit den Kindern schmückt. Und wir holen die Backbücher raus und beginnen schon im November mit dem Backen. Denn zur Adventszeit müssen die Platzerl her, zu Weihnachten sind sie schon aufgegessen.

Die Corona-Pandemie sorgt für mäßige Laune allerorten. Wie schaffe ich es, trotzdem in adventliche Stimmung zu kommen?

Sanktjohanser: Das Thema kommt uns allen schon aus den Ohren raus, ich versuche, es wegzuschieben. Mir ist wichtig, dass man die alten Werte gerade in so einer Zeit aufrecht erhält, dass die heile Welt wenigstens daheim noch vorhanden ist. Wir brauchen Zufluchtsorte. Daheim kann ich mich von dem ganzen Wahnsinn draußen abschotten. Ich denke dann immer wieder: Wir haben genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, die Kinder sind gesund, mehr brauche ich in dem Moment nicht. Es sollte uns gerade in dieser Zeit bewusst sein, wie gut es uns geht. Weihnachten ist nicht das Fest der Geschenke, sondern das Fest der Liebe. Ich weiß natürlich auch, dass es wegen Corona für viele schwer ist. Die ganzen Christkindlmarktbetreiber zum Beispiel, die ihre Ware eingekauft haben und nun darauf sitzen bleiben. Das möchte ich keinesfalls schönreden. Aber dennoch sollten wir uns wieder auf das besinnen, was uns wirklich glücklich macht.
Painhofer: Dazu ist der Advent da, für die Hinführung aufs Fest, vom ersten bis zum vierten Licht: dass wir gerade in dieser Zeit mehr wertschätzen, dass wir beinander sind und den Advent zur Hinführung auf das Fest genießen können. Dass wir dankbar sind für das, was wir haben. Denn wir haben alles. Es ist keine einfache Zeit, Standlbetreiber, Gastronomie, Kultur, da stehen ganz viele Existenzen dahinter. Die Landwirtschaft ist zum Glück systemrelevant und darf weitermachen. Das ist auch für uns Bäuerinnen und Bauern eine wichtige Wertschätzung. Das rückt in solchen Zeiten auch noch mehr ins Bewusstsein.

Was kann ich Kindern im Advent vermitteln?

Sanktjohanser: Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Als unsere große Tochter noch im Kindergarten war, wollten Kinder und Erzieher gemeinsam backen. Alles war vorbereitet. Aber es hat sich keine Mama gefunden, die im Kindergarten beim Platzerlbacken helfen wollte. Das fand ich unvorstellbar. Dabei sind die Kinder so dankbar für solche Erlebnisse. Vor allem die, die das noch nie gemacht, noch nie Teig geknetet haben. Die machen riesige Augen. Es ist so wichtig, dass man gerade in der Adventszeit mit den Kindern etwas unternimmt. Und wenn ich keine Plätzchen backen will, dann gestalte ich mit ihnen Weihnachtskarten, die wir dann verschicken. Es geht darum zu vermitteln, was es bedeutet, etwas selbst zu machen. Und dass ich auch etwas zurückbekomme, weil die Menschen anrufen und sich bedanken und uns erzählen, welche Freude sie hatten. Diese Dinge sind so elementar für unsere Kinder, die gerade in diesen Corona-Zeiten, zwischen Tests, Online-Unterricht und Masken, überhaupt nicht mehr geschont werden. Es stärkt sie, wenn wir Eltern sagen: Hey, du bist genau richtig, und ich unterstütze dich bei allem, was du tust.

Painhofer: Das sage ich meinen Kindern auch: Geht hinaus in die Welt, aber für immer gilt, hier ist euer Nest. Ich bin ja auch Erlebnisbäuerin. Dann kommen Kinder auf den Hof, das ist eine Freude. Leider wird in vielen Familien nicht mehr gebacken, gekocht, etwas selbergemacht. Aber die Backmischungen und das Fertigpüree, das kennen sie alle. Wenn wir dann mal selbst die Kartoffeln schälen, eine Brotzeit vorbereiten, sind sie mit einer unfassbaren Leidenschaft dabei.

Das klingt nach Paradies, aber viele haben weder einen Bauernhof noch kann ein Elternteil daheim bleiben und die Adventszeit mit Backen verbringen.

Painhofer: Es hat nicht jeder die Möglichkeiten, klar. In den meisten Familien müssen beide Elternteile arbeiten, weil es sonst nicht geht. Allein schon die Mietpreise sorgen dafür. Doch an Wochenenden bleibt vielleicht mal Zeit, um sich gemeinsam hinzusetzen.

Sanktjohanser: Da muss man sich die Zeit auch einfach nehmen. Papier, Kleber, Buntstifte, es reicht doch wenig, um etwas mit den Händen zu schaffen. Und es müssen auch keine komplizierten Platzerl sein. Oder ich lese mit den Kindern die Weihnachtsgeschichte, setze mich einfach hin und nehme sie auf den Schoß, nehme mir Zeit. Man kann auch in einer kleinen Wohnung Teller mit Kresse ansetzen oder kleine Blumenzwiebeln pflanzen. Das muss nicht teuer sein. Wir schmeißen auch nicht mit Geld um uns. Aber man kann mit wenig Aufwand und ein bisschen Kreativität Großes erreichen. Wichtig ist, dass der Wille da ist, mit meinen Kindern eine schöne Zeit zu verbringen. Gerade, wenn sie knapp ist. Dann ist sie umso wertvoller.

Immer weniger Menschen haben mit Advent und Weihnachtszeit überhaupt noch etwas zu tun. Wo ist das Problem?

Painhofer: Ja, das ist ein Dilemma. Die Situation der Kirche mit ihren ganzen Skandalen ist schwierig. In den alten Familien jedoch schöpfen wir Kraft aus dem Glauben. Ich bin in einer Land- und Gastwirtschaft aufgewachsen. Über die Geschichten, die in den Jahren dort erzählt wurden, muss ich heute noch oft nachdenken. Die Menschen waren dort ganz anders mit Traditionen, Brauchtum und dem Glauben verwoben und mit den Abläufen des christlichen Jahres. Dabei können sie uns großen Halt vermitteln. Ich bemühe mich daher, alte Rituale zu vermitteln. Wir leben auf den Höfen das christliche Jahr vermutlich intensiver. Ich rege mich auch jedes Jahr auf, wenn im August die Lebkuchen im Supermarkt aufgebaut werden. Da habe ich immer Schockstarre. Jedes Jahr. Weil alles immer mehr vermischt wird.

Sanktjohanser: Weil die Leute das ganze Jahr über immer alles haben müssen. Das geht mit den Erdbeeren im Winter los und dem Spargel im Februar. Ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Problem. Die Firmen machen ihr Geld, und die Menschen kaufen.

Painhofer: Da müssen wir uns auch an die eigenen Ohren packen. Wenn sich jemand im Winter einen Erdbeer-Spargelsalat einbildet – ich würde ihn nicht essen. Und wenn es die beste Freundin wäre. Die würde einen Anpfiff kriegen. Saisonal und regional einkaufen, das ist doch gerade das Schöne. Weil ich dann Vorfreude verspüre auf die Orangen oder den Spargel im Frühling. Es will doch auch keiner im Sommer Platzerl essen. Wir müssen zurück zur Normalität und zu den Wurzeln.

Sanktjohanser: Geld spielt eine zu große Rolle. Sich darüber aufzuregen, hilft nichts. Man kann aber versuchen, im Kleinen gegenzuhalten, das geht. Vielleicht nehmen die Kinder und Enkelkinder das auch so an.

Wie passen eigentlich Advent und Trauer zusammen – gerade in Zeiten einer Pandemie?

Painhofer: Das ist eine schwierige Zeit für Trauernde. Ich habe heuer meine Mama verloren. Wir reden viel über sie und erinnern uns an ihre Geschichten, sie ist immer bei uns. In der Pandemie haben viele Menschen ihre Liebsten verloren und durften vielleicht gar nicht bei ihnen sein in ihren letzten Stunden. Das ist das Allerschlimmste. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Das ist dann auch schwer in der Vorweihnachtszeit.

Sanktjohanser: Furchtbar, wenn man nicht abschließen, nicht Abschied nehmen kann. Vielleicht hilft es dann in der Trauer und gerade im Advent, zu versuchen, nicht einsam zu sein. Damit meine ich: die gute Freundin oder den guten Freund anrufen oder jemanden, der einem nahe steht. Miteinander sprechen, das hilft. Und eine Aufgabe, ein Hobby, etwas Neues suchen, bei dem man etwas mit den Händen schafft. Ganz egal, was. Oder Musik hören, sich ablenken. Eine neue Leidenschaft finden, aus der Not heraus. Etwas bewirken oder vielleicht sogar selbst Hilfe anbieten.

Painhofer: Oder in die Kirche gehen. Nicht zu Kirchzeiten. Sondern wenn es still ist.

Sanktjohanser: Glaube und Kirche, das sind für mich ohnehin zwei Paar Stiefel. In einer Kirche ist Ruhe, die dicken Mauern schirmen ab. Es tut gut, einfach mal reinzugehen, die Malereien und Figuren anzuschauen, bei sich zu sein. Da erkennt man auch vielleicht: Es geht weiter.

Painhofer: Dazu muss ich noch mal aus meinem Alltag als Erlebnisbäuerin erzählen. Denn nach einem Tag auf dem Hof gehen wir mit den Kindern noch immer in unsere kleine Kapelle Mariä Heimsuchung in Geisenbrunn. Die Kinder genießen diese Ruhe dort sehr. Einfach nur sitzen, nichts reden, nur schauen, jedes Mal wieder bin ich erstaunt, wie gut das den Kindern zum Abschluss tut. Das sind auch Werte. Und da spielt es keine Rolle, ob ich glaube oder nicht. Einfach diesen Mythos spüren, allein oder in der Gemeinschaft.

Das waren jetzt auch viele ernste Gedanken. Zum Schluss interessiert uns aber auch: Was bekommen ihre Liebsten zum Nikolaus und zum Fest?

Sanktjohanser: Zu Nikolaus gibt es einen Schokoladennikolaus und Nüsse, kleine Schokotäfelchen vielleicht. Keine großen Geschenke.

Painhofer: Bei uns gibt es Mandarinen und Schokolade zu Nikolaus. Und zu Weihnachten erfüllen wir einander, wenn überhaupt, bescheidene Wünsche. Denn wir haben doch alles. Das größte Geschenk ist doch, wenn man in Liebe zusammen ist an Heiligabend – nach einer besinnlichen Adventszeit.

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