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Der ehemalige Stall, wo früher „die Viecher“ standen. Franz Dellinger hat sich hier 40 Jahre lang um seine Milchrinder gekümmert. Derzeit läuft der Antrag auf Umnutzung. Eine Lagerhalle soll entstehen.

Landwirtschaft

Wenn Bauern aufgeben: Die große Leere 

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Zahlen können viel, aber nicht alles ausdrücken. Etwa sechs Milchbauern haben zuletzt ihre Tiere abgegeben. Doch hinter jedem einzelnen dieser Fälle steckt eine Geschichte wie die von Franz Dellinger.

Drößling – Faschingsdienstag. Ausgerechnet Faschingsdienstag. Der Ralf hatte beim Viehfahrer angefragt, wann er Zeit hat. Faschingsdienstag hatte er Zeit. Da kam der Viehfahrer und holte die Rinder von Franz Dellinger ab. Ein paar besonders gute hatte Dellinger vorher noch an einen befreundeten Bauern abgeben können. Die anderen gingen zum Schlachthof. Aus und vorbei. Nach 40 Jahren.

Er ist kein sentimentaler Mann, der Franz Dellinger, wie er so allein in seiner großen Küche sitzt. Aber wenn er von diesem Faschingsdienstag spricht, dann werden ihm die Augen feucht. Wohl noch nie hat jemand „die Viecher“ mit so viel Liebe gesagt wie Dellinger, wenn er von seinen Kühen redet.

Später, da steht er in den riesigen, leeren Stall, in dem die Worte widerhallen, da spricht er immer noch von seinen „Viechern“. Darüber, dass sie seinem Tag Struktur gegeben haben. Dass das Frühstück „doppelt so guad“ schmeckte, wenn man vorher ab halb fünf schon das Vieh gefüttert hatte. Aus und vorbei. Die Zeiten ändern sich. Auch und besonders auf den Höfen der bayerischen Milchbauern.

2011 überlegten Franz Dellinger und sein Sohn Ralf, wie es in Zukunft weitergehen soll. 40 Jahre lang hatte er seine Tiere in Anbindehaltung gehalten. So waren die Zeiten. Sie alle hatten Namen, er kannte sie, sah sofort, wenn ihnen etwas fehlte. Die Kälber liefen frei herum, klar.

„Meine Milch war genau so weiß wie die andere“

Aber irgendwann wollte die Molkerei nicht mehr so gerne die Milch aus Anbindehaltung. Das mögen die Kunden nicht. Glückliche Milch von glücklichen Kühen soll es sein. „Meine Milch war genau so weiß wie die andere“, sagt Franz Dellinger. Aber man muss mit der Zeit gehen. Freilaufende Kühe brauchen mehr Platz. Also müsste ein neuer Stall gebaut werden. Im Außenbereich, sagten die Menschen vom Amt, gehe das nur, wenn er einen Stall für mindestens 100 Kühe bauen würde. „100 Kühe!“ sagt Franz Dellinger. Er hatte immer so um die 30. Das war zu schaffen, wenn er sieben Tage die Woche rund um die Uhr arbeitet, die Familie mit anpackt. Aber 100? „Da musst Du mindestens zwei Mann einstellen. Und deren Lohn muss auch erst einmal verdient sein.“

Sein Sohn, der Ralf, ist Landwirt durch und durch. Nur die Viecher, die Schulden, den großen Stall, das wollte er nicht. Er schaffte sich moderne Technik an, macht Lohnarbeit. Richtig gut, mit Leidenschaft: „Die von Gut Aiderbichl, die wollen, dass nur der Ralf kommt. Weil er ein Gespür für die Wiesen hat“, sagt Franz Dellinger und man hört den Stolz. Dazu kommen noch 45 Hektar Acker und Wiesen, die der Ralf bewirtschaftet. Und die 20 Hektar Wald, in denen immer was zu tun ist: „Wenn es nicht der Borkenkäfer ist, dann der Orkan Anfang August, der jede Menge Arbeit macht“, sagt Franz Dellinger. Er packt weiter mit an, im Wald, schmiert die Maschinen.

Franz Dellinger  ließ seine Tiere nie allein

„Landwirtschaft ist mein Hobby“, sagt er. Seine Frau, Gott hab sie selig, die ist früher einmal im Jahr mit den Kindern zum Baden nach Ägypten gefahren. Damit die mitreden können, wenn die anderen in der Schule von Urlaub sprechen. Franz Dellinger allerdings blieb zu Hause, bei den Viechern. „Spätestens nach drei Tagen hätte ich keine Ruhe mehr gehabt.“

Die Familientradition wird weitergeführt. Aber die „Viecher“, sie sind weg. Der Antrag auf Umnutzung des Stalls läuft beim Landratsamt. Wenn die Genehmigung durch ist, soll sie als Lagerfläche genutzt werden. Andere können dann hier ihre Boote, ihre Anhänger oder was auch immer abstellen. Da, wo bis zum Faschingsdienstag die Viecher standen. Sie fehlen ihm. Auf Dellingers Wiese stehen heute die Viecher des Nachbarn. Ein schwacher Trost, aber besser als nichts.

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