"Jazzy" und absolut Schmitt

Seefeld - Wer zu einem Abend mit Martin Schmitt geht, der weiß einigermaßen, was er erwarten darf: Virtuoses Piano-Spiel in allen emotionalen Schattierungen, praktische (Über-)Lebenshilfe in Form witziger Songtexte - und ein paar schöne Anekdoten aus Schmitts eigener Künstler-Vita.

Im Sudhaus Seefeld knüpfte der Hechendorfer mit seinem neuen „Von Kopf bis Blues“ fast nahtlos an seine vorherigen Höhenflüge an und meinte zu Beginn, dies sei „mein zweites bairisches Programm“. Auf diesem Feld fühlt sich Schmitt, Jahrgang 1968, erkennbar wohl, denn er ist einst „in d’Schui ganga“ und nicht „zur Schule“, wie er betont.

Humorvolle Abgrenzung gegenüber Norddeutschen oder Österreichern und eine bekömmliche Portion Chauvinismus zählen zu seiner Würzmischung. Da kann es auch passieren, dass er eine Begegnung in der Toilette des „Kulturhof Itzehoe“ einbaut: „Das gefällt mir sehr gut, was Sie da machen“, soll ein Zuhörer dort in der gemeinsamen Pinkel-Pause zu Schmitt gesagt haben - quasi von Urinal zu Urinal. Beim Entertainer werden solche herrlich bizarren Szenen immer wieder zur Auflockerung eingestreut, doch seine wahre Domäne bleibt natürlich das Klavier.

Ausgrabungen aus der Frühzeit des Haarlem Stride Piano, „Fingerbreaker“ (so ähnlich ein Titel), hat er im Repertoire. Es sind solche Herausforderungen „an der Grenze des pianistisch Machbaren“, die Schmitt sich sucht und seinen Zuhörern wie kostbare Fundsachen kredenzt. Es wohnen freilich noch mehrere Seelen in der Brust (und in den Fingern) des Künstlers: Er kann nicht nur „toben“ auf den Tasten, er hat auch ein Händchen für stark nach innen gekehrte Lieder. Das ist dann wirklich „jazzy“ und wirkt sich wohltuend auf die Balance des Gesamt-Programms aus. Streckenweise hört es sich nach Billy Joels „New York State of Mind“ an, ist aber absolut „Schmitt“.

Ein wenig schimmert dann auch sein ganz persönlicher „Blues“ durch: Die berechtigte Sorge des Künstlers, als bloßer Gute-Laune-Bär missverstanden zu werden. Schmitts „lyrisches Ich“ sozusagen. „Ich bin im Grunde ein einfaches Gemüt“, sagt er und bringt dann eine Hommage an die eigene Jugend, als es noch Abenteuer gab und der Sicherheitswahn noch nicht jeglichen Spaß kaputt gemacht hatte. Schmitt wäre wohl auch gerne ein Dichter geworden. Im Idealfall ist er ja auch einer. Die Freude am Reimen - etwa beim Zyklus „Viecher, die die Welt nicht braucht“ - ist manchmal ausufernd, manchmal wohldosiert, stets aber Schmiermittel zwischen den Programmbausteinen. „Von Kopf bis Blues“ funktioniert nach bewährtem Muster. Ein spannendes Projekt, das noch lange nicht zu Ende ist. Thomas Lochte

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