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„Man konnte es so schon nicht begreifen“: Starnberger nach Wende um Bluttat tief erschüttert

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  • Michael Stürzer
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„Wie schnell ist man bereit, jemandem etwas vorzuwerfen, der sich nicht mehr wehren kann?“, fragt sich Bürgermeisterin Eva John - Starnberg ist erschüttert.

Starnberg – Die Kerzen am Gartentor zu dem Einfamilienhaus am Riedener Weg sind nicht weniger geworden in den vergangenen Tagen. Ein rundes Dutzend Lichter und dazu frische Blumen erinnern an die drei Menschen, die in dem Haus vor zwei Wochen zu Tode gekommen sind. Das rot-weiße Polizei-Absperrband lässt keinen Zweifel, dass es ein gewaltsamer Tod war. Wie genau sich die schreckliche Tat abgespielt hat, erscheint nun aber in einem ganz neuen Licht.

Lesen Sie dazu: Nach dem Dreifachmord im bayerischen Starnberg bleibt die Frage nach dem Motiv offen. Waffennarr Max B. der seinen Freund und dessen Eltern erschoss, schweigt.

Claudia Bader muss jeden Tag an dem Haus vorbei. Sie ist die unmittelbare Nachbarin und als sie am Freitag von den neuesten Entwicklung hört, ist das Grauen wieder da. „Wir waren gerade dabei, das schreckliche Ereignis zu verarbeiten als Familiendrama, das in dem Haus passiert ist und in sich abgeschlossen ist“, sagt sie im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. „Und jetzt so etwas: Das ist unvorstellbar, ganz entsetzlich.“ Auch der katholische Stadtpfarrer Dr. Andreas Jall ist erschüttert. „Ein Tötungsdelikt hat eine andere Dimension als ein Familiendrama“, sagt er auf Anfrage. „Das ist eine andere Kategorie für die Stadt. Eine vorsätzliche Tötung verändert etwas in unserer Heimat.“ Eine Tat wie dieser Dreifachmord wirke sich auch auf das Sicherheitsempfinden der Menschen aus, sagt Jall.

Nach den am Freitag von Polizei und Staatsanwaltschaft veröffentlichten Ermittlungsergebnissen hat ein 19 Jahre alter Mann aus Olching im Landkreis Fürstenfeldbruck gestanden, erst den 21 Jahre alten Sohn der Hausbesitzer und dann dessen Eltern (60, 64) erschossen zu haben. Die beiden jungen Männer kannten sich, waren befreundet – „vermutlich aufgrund ihrer Affinität zu Waffen“, wie der Leiter der Kripo Fürstenfeldbruck, Manfred Frei, erklärt. Was den 19-Jährigen antrieb, was sein Motiv war, ist derzeit noch unklar.

Starnberg: Täter gab 12 bis 15 Schüsse ab - er riss drei Menschen aus dem Leben

Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen ließ sich der 19-Jährige vermutlich in den Morgenstunden des 11. Januar, einem Samstag, von einem Freund (18) nach Starnberg fahren – wohl bereits in der Absicht, den 21-Jährigen zu töten. Mit dabei hatte er zwei Pistolen: eine Walther, Kaliber 6,35 mm, und eine Glock, Kaliber 9 mal 19 mm. Er gelangte in das Haus, weil sich die Haustür mit einem Zahlencode öffnen lässt – und er die Ziffernkombination kannte.

Was sich genau im Inneren abspielte, ist im Detail nicht bekannt. Aber so viel: Der Täter gab im ganzen Haus 12 bis 15 Schüsse ab, tötete erst den 21-Jährigen, anschließend dessen Eltern in deren Schlafzimmer – und richtete danach den Tatort so her, dass alles nach einem Familiendrama aussah. Als die Polizei am nächsten Tag die Leichen fand, lag der 21-Jährige in seinem Bett unter der Decke, eine Tatwaffe in der Hand. Auf dem Handy des 19-Jährigen konnte die Polizei später Aufnahmen vom Tatort entdecken.

Nach der Tat fuhr der 18-Jährige den mutmaßlichen Mörder wieder nach Hause. Bei dem Fahrer handelt es sich um einen jungen Mann aus Starnberg. Gegen ihn erging Haftbefehl wegen Beihilfe zum Mord, gegen den 19-Jährigen wegen dreifachen Mordes. Beide sitzen in Untersuchungshaft (siehe auch Bayern-Teil dieser Ausgabe).

Starnberg: Bürgermeisterin John reagiert mit Erschütterung

Bürgermeisterin Eva John reagiert am Freitag mit Erschütterung auf die Entwicklung. Sie denkt auch an den 21-Jährigen, der zwei Wochen lang als mutmaßlicher Elternmörder galt – und dankt der Polizei für die Ermittlungen. „Wenn es diese hervorragende Arbeit nicht geben würde, wäre der junge Mann jahrzehntelang als Täter in Erinnerung geblieben“, sagt John auf Anfrage. Auch das sei ein schreckliches Drama für die Hinterbliebenen. „Wie schnell ist man bereit, jemandem etwas vorzuwerfen, der sich nicht mehr wehren kann?“, fragt John nachdenklich. Es war sogar eine Todesanzeige für das Ehepaar erschienen – ohne jeden Hinweis auf den toten Sohn.

Ähnlich wie John äußert sich auch Claudia Bader. Der 21-Jährige sei vorverurteilt worden, sagt sie. Stattdessen sei ein Mörder mehr als zehn Tage lang frei herumgelaufen. „Das ist alles total konfus“, sagt Bader. „Man konnte es so schon nicht begreifen, und jetzt ist es Mord ...“

Für Stadtpfarrer Jall hat das Böse Einzug in Starnberg gehalten. Er kannte, wie so viele in der Stadt, die ermordete Ehefrau und Mutter. Die Familientherapeutin war als Fachfrau immer wieder zu Gesprächen im katholischen Kindergarten St. Nikolaus. Dabei habe er sie kennen und schätzen gelernt, sagt Jall. „Was mich als Pfarrer so erschüttert: Man hat auf seine Heimat immer einen positiven Blick, man schaut mit einem Lächeln darauf. Aber darunter zeigt sich auch ein anderes Gesicht“, erklärt er.

Er glaube nach wie vor, dass der Mensch von Grund auf gut sei, sagt Jall. Das „absolut Böse“ sei dennoch immer in der Nähe. In der Gemeinde oder in Gottesdiensten sei die schreckliche Tat bislang nicht extra thematisiert worden. „Aber wir beten natürlich für die Verstorbenen“, erklärt er. Starnbergs Polizeichef Bernd Matuschek hat mit einer solchen Wendung nicht gerechnet. Unruhe in der Stadt habe die Polizei nach der Tat vor zwei Wochen nicht wahrgenommen, sagt er. Schließlich schien der Fall ja „im Prinzip abgeschlossen“.

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