Sie testen, ob das Wildschweinfleisch frei für den Verzehr ist: Rupert Wachter und Rupert Wachter senior betreiben in Maising eine von zwei Becquerel-Messstationen für Wildschweinfleisch im Landkreis.
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Sie testen, ob das Wildschweinfleisch frei für den Verzehr ist: Rupert Wachter und Rupert Wachter senior betreiben in Maising eine von zwei Becquerel-Messstationen für Wildschweinfleisch im Landkreis.

Die Spätfolgen der Reaktorkatastrophe

35 Jahre danach: Wie Tschernobyl im Landkreis Starnberg noch immer spürbar ist

  • Simon Nutzinger
    vonSimon Nutzinger
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Vor 35 Jahren begann es: Eine radioaktive Wolke zog über Europa und damit auch den Landkreis hinweg – aus Tschernobyl. Das hat Auswirkungen bis heute, vor allem auf Pilze und Wildschweine.

Landkreis – Alles begann mit einer großen Wolke, die sich von Osten ihren unaufhaltsamen Weg über Europa bahnte. Fast genau 35 Jahre ist es her, das ein Reaktor in dem ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl explodierte und Unmengen an radioaktiven Stoffen in die Atmosphäre gelangten. Unter anderem gesundheitsschädliches Cäsium wehte in einer Wolke über Europa, die etwa ab dem 30. April 1986 mitunter in Oberbayern ausregnete. Rupert Wachter aus Maising sagt: „Die Folgen sind bis heute spürbar.“ Wachter muss es wissen. Gemeinsam mit seinem Vater Rupert Wachter senior betreibt der 45-Jährige eine von zwei Becquerel-Messstationen für Wildfleisch im Landkreis, die andere befindet sich in Gauting.

Unter Becquerel versteht man die physikalische Einheit für die Aktivität der Atomkerne. Vereinfacht ausgedrückt: Je höher der Becquerel-Wert, desto verstrahlter. Die Wachters, beide passionierte Jäger, befassen sich ausschließlich mit Wildschweinfleisch. „Wir überprüfen, ob das geschossene Wild auch für den menschlichen Verzehr geeignet ist.“ Das ist Pflicht für alle geschossenen Wildschweine.

Der verschlossene Reaktor von Tschernobyl heute.

In der Praxis läuft das so ab: Jäger bringen jeweils eine 500 Gramm schwere Probe vom Muskelfleisch des Wildschweins nach Maising zu Wachters „Maisinger Hof“. Die Messstation läuft ehrenamtlich im Auftrag des Bayerischen Jagdverbandes und „quasi nebenher“, wie er sagt. Zeit kostet ihn das Testen tatsächlich kaum. Wachter kippt das Fleisch in einen Messbecher, den Rest erledigt das Gerät. Drei Minuten später hat er das Ergebnis.

Ist der Wert kleiner als 600, ist alles in Ordnung. Das Fleisch darf verkauft und verzehrt werden. Überschreitet der Wert die EU-weite 600er-Grenze, muss das Wildschwein von der Tierkörperbeseitigung entsorgt werden – und Wachter erntet nicht selten enttäuschte Blicke der Jäger. „Die haben das Wild dann praktisch umsonst geschossen“, sagt er. Umgehen können die Jäger dieses Prozedere nicht. Sie sind gesetzlich verpflichtet, jedes geschossene Wildschwein auf seinen Radium/Cäsium-Gehalt testen zu lassen. Zudem bedarf es einer Trichinen-Untersuchung im Landratsamt, ehe das Fleisch endgültig in den Verkauf darf.

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind Wildschweine und Pilze im Landkreis Starnberg nach wie vor radioaktiv belastet.

Nach Schätzungen von Rupert Wachter überschreitet bei seinen Tests noch immer jedes dritte Wildschwein den Grenzwert. „Die meisten sind völlig problemlos“, betont Hartwig Görtler, Vorsitzender der Kreisjägerschaft im Landkreis. Nur einwandfreies Fleisch kommt in den Handel – und kaum ein Lebensmittel werde so streng überwacht. Was die Sache für Wachter und seine Kollegen besonders schwierig macht: Radioaktiv belastete Wildschweine sind nicht zu erkennen. „Sie leuchten leider nicht im Dunklen“, sagt er lachend.

Dass Wildschweine noch immer belastet sind, liegt an deren Fressverhalten. Häufig graben sie, anders als etwa Rehe, im Waldboden nach Insektenlarven und Wurzeln – und genau dort hält sich das Cäsium bis heute. Im Spätherbst und Winter wühlen die Wildschweine mehr. „Da haben wir die meisten Fälle mit zu hohen Becquerel-Werten“, sagt Wachter. Im Sommer, wenn die Tiere sich von Mais und Feldfrüchten ernähren könnten, sei die Lage deutlich entspannter. Besonders betroffene Gebiete im Landkreis kann er nicht nennen: „Ob Oberbrunn, Gut Schwaige oder Wangen – das ist unterm Strich egal.“

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind Wildschweine und Pilze im Landkreis Starnberg nach wie vor radioaktiv belastet.

Die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe sind bis heute auch in Pilzen festzustellen. Zwar gibt es bei diesen keine gesetzlichen Messvorgaben, doch ist Helmut Grünert, Vorsitzender des Münchner Vereins für Pilzkunde, auch so sicher, dass viele Wildpilze in der Region den Becquerel-Wert von 600 pro Kilogramm überschreiten würden. „Schlimm ist das allerdings nicht wirklich“, unterstreicht der Gilchinger. Schwangeren Frauen und Kindern unter sechs Jahren rät er prinzipiell von Wildpilzen ab, ansonsten ist für ihn einzig und allein die Menge ausschlaggebend. „Es ist wie bei allen Dingen im Leben: Nur der maßvolle Genuss ist gesund.“

Wer also pro Woche nicht mehr als 250 Gramm Schwammerl aus den örtlichen Wäldern auf den Teller packt, der braucht sich in Grünerts Augen nicht zu sorgen. Sein Credo: „Wenn dann mal ein Pilz mit 1000 Becquerel dabei ist, dann ist es eben so. Man muss die Kirche schon auch im Dorf lassen.“

Zwar ist der gesamte Landkreis betroffen, aber nicht gleichmäßig. Vor 35 Jahren hatte es im Nordwesten und am Ammersee etwas mehr geregnet – deswegen sind bei Pilzen dort bis heute höhere Werte festzustellen als etwa am Starnberger See. Der Landkreis Landsberg war stärker betroffen als der Landkreis Starnberg. nutz, ike

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