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Klassenfoto: Das Bild zeigt Inge Huth mit ihren Klassenkameraden in der Schule in Percha einige Jahre nach Kriegsende.

75 Jahre Kriegsende

„Es war wie auf dem Oktoberfest“

Ein illegales Ferkel in der Waschküche, die erste Schwärmerei und ganz viel Schokolade – Inge Huth (81) erzählt vom Kriegsende und der Zeit danach.

Kempfenhausen – Als die Amerikaner vor 75 Jahren nach Kempfenhausen kamen, war Inge Huth sechs Jahre alt. „Das war ganz toll, als die gekommen sind“, sagt Huth. Allerdings wollten US-Soldaten auch einmal ihre Mutter verhaften.

„Schokolade und Kaugummis haben sie von ihren Panzern runtergeschmissen. Es war wie auf dem Oktoberfest.“ Während des Krieges bekam jedes Kind nämlich nur eine Tafel Schokolade im Monat. „Das mussten wir uns dann streng aufteilen“, sagt die 81-Jährige. Aber nicht nur deshalb war diese amerikanische Schokolade für Inge Huth etwas ganz Besonderes. Auch kannte sie bisher nur deutsche Schokolade: „Damals fand ich die amerikanische Schokolade viel besser. Klar, das war etwas Neues. Die Tafeln waren in braunes und schwarzes Papier eingepackt.“ Noch heute hat sie diese besonderen Schokoladentafeln gut im Gedächtnis: „Wir waren in Amerika im Urlaub, und ich wollte unbedingt noch einmal genau diese Schokolade essen. Leider gab es sie nicht mehr.“ 

Inge Huth aus Kempfenhausen.

Huth verbindet jedoch nicht nur Süßigkeiten mit den Amerikanern, sondern auch ihre erste Kindheitsschwärmerei. „Meine Mutter hat Zimmer in unserem Haus an Mädchen vermietet, die für die Amerikaner gearbeitet haben“, erzählt Huth. „Diese Mädchen haben sich dann in die Amerikaner verliebt und die saßen dann immer mit ihren Freundinnen bei uns in der Küche.“ Einen dieser Amerikaner mochte Huth besonders gern. „Ja…der sah männlich aus mit seinen Stiefeln. Den fand ich toll“, sagt Huth. Auch Geschenke habe er ihr und ihrem jüngeren Bruder mitgebracht. Zum Essen hatte die Familie ausreichend. „Es gab einen Bauernhof in Kempfenhausen und dort haben die Amerikaner säckeweise Zucker, Reis und Mehl abgeladen“, sagt sie. „Das war das erste Mal, dass ich Reisbrei gegessen habe und ich liebe dieses Gericht bis heute noch.“

Obst und Gemüse bekam Huth aus dem eigenen Garten, Hühner und Schafe versorgten die Familie mit Eiern und Milch. Auch Fleisch gab es für Huth damals genug. „Das mit dem Fleisch ist noch so eine Geschichte“, sagt sie und lacht. Die Geschwister ihrer Mutter hatten einen Bauernhof in Ingolstadt. Dadurch kam die Familie an ein Ferkel, das sie versteckt in der Waschküche großzog. „Wir haben das Schwein schwarz gefüttert, bis es ein bestimmtes Gewicht hatte. Dann kam der Metzger und wir hatten lange Vorräte“, sagt Huth.

Eine witzige Geschichte hat Huth zu erzählen: „Meine Eltern waren nie in der Partei und nach dem Krieg hat meine Mutter unsere Hakenkreuzflagge zum Putzen verwendet.“ Als sie diese dann zum Trocknen aus dem Fenster hängte, kamen gerade Amerikaner an ihrem Haus vorbei. „Die sind dann zu uns reingekommen und wollten meine Mutter verhaften“, erinnert sich Huth. „Aber wir konnten das Missverständnis gut aufklären.“ Später besuchte Huth die Handelsschule in Feldafing, erlernte den Beruf einer Bürokauffrau und verliebte sich in ihren Chef. „Und bei dem bin ich dann auch geblieben.“

Vanessa Lange

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