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Dr. Roger Hofmann , hier in seiner Praxis in Pöcking, muss wie andere niedergelassene Ärzte auch zehn bis zwölf Bereitschaftsdienste pro Jahr absolvieren.

Neuorganisation

Ärger über neuen Bereitschaftsdienst

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Die Neuregelung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes ist nach offiziellen Angaben gut gestartet. Einige Hausärzte üben jedoch massive Kritik an der Umorganisation und befürchten Verschlechterungen für Patienten und Praxen.

Landkreis – Dr. Roger Hofmann ist sauer, richtig sauer. Der 54 Jahre alte Allgemeinmediziner aus Pöcking ist einer von 259 niedergelassenen Ärzten in den Landkreisen Starnberg und Landsberg, die sich seit vergangenem Dienstag in die neue Organisation des ärztlichen Bereitschaftsdienstes einfügen müssen – also des Dienstes, der sich außerhalb der normalen Sprechstunden nachts und am Wochenende um erkrankte Menschen kümmert. Während die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) bereits vorab Vorteile für Patienten und Ärzte sah, erwarten Hofmann und seine Praxis-Partnerin Dr. Ursula Eppinger genau das Gegenteil: „Diese Neuregelung bringt eine schlechtere Versorgung der Patienten und eine höhere Belastung der Ärzte“, ärgern sie sich im Gespräch mit dem Starnberger Merkur – und bekommen Unterstützung von Kollegen.

Wie berichtet, gibt es seit Dienstag in den beiden Landkreisen keine Bereitschaftsdienste mehr in den einzelnen Arztpraxen, sondern nur noch in den Bereitschaftspraxen an den Kliniken Starnberg und Landsberg sowie in der help!-Bereitschaftspraxis in Gilching. Wer Bereitschaftsdienst hat, muss ihn dort als sogenannten „Sitzdienst“ leisten – oder als „Fahrdienst“, der in der Region zwischen Denklingen im Südwesten und Gauting im Nordosten Hausbesuche absolviert. „Das ist ein großes, nicht mehr überschaubares Gebiet“, sagt ein 47 Jahre alter Kollege Hofmanns, der in Feldafing eine Hausarztpraxis betreibt. „Da ist man eine Stunde oder noch länger zu einem Patienten unterwegs.“

Ein Problem, das Dr. Alexandra Schöneberger-Lindl aus Tutzing kennt. Die Gemeinde gehört zur Bereitschaftsdienstregion Oberland, die bereits vor knapp zwei Jahren umgestellt wurde. Bei einem der nächtlichen Fahrdienste habe sie der Disponent von Schongau nach Starnberg und weiter nach Kochel, Seeshaupt und Penzberg dirigiert. „Der Patient in Penzberg hatte zwei Stunden auf mich gewartet. Als ich endlich hinkam, war er bereits ins Krankenhaus nach Weilheim gefahren, weil die Bauchschmerzen zu stark waren“, berichtet Schöneberger-Lindl. „Beim Fahrdienst hat man in aller Regel keine Zeit zum Schlafen.“ Auch der „Sitzdienst“ bringe große Belastungen mit sich: 30 Patienten pro Dienst seien keine Seltenheit, sagt die Ärztin. „Da kommt man gerade so mit der Zeit hin.“ Viele Ärzte würden an dem Projekt kein gutes Haar lassen, sagt sie.

Mediziner befürchten erzwungene Ruhetage

Die Konsequenzen liegen für Roger Hofmann auf der Hand: „Dann braucht man am nächsten Tag einen Ruhetag.“ Was auch wiederum Folgen habe: „Eine Einzelpraxis muss dann womöglich zusperren. Die eigenen Patienten stehen also zu sonst üblichen Sprechzeiten vor verschlossener Tür, weil man dafür in Landsberg behandeln muss.“ Er selbst weist in einem Aushang in der Praxis darauf hin, dass die Patienten deswegen auch von Kollegen behandelt werden.

Dabei wehren sich Hofmann und seine Kollegen nicht gegen den Bereitschaftsdienst an sich. Bloß: Sie würden ihn gerne wie bisher organisieren, wo sich etwa 25 Ärzte aus Herrsching, Andechs, Pöcking und Feldafing die Dienste untereinander aufteilten. „Wir waren in der Praxis, zu Hause oder anderswo telefonisch erreichbar und konnten in einer halben Stunde beim Patienten sein.“ Zudem sei ihnen die Praxis mit allen Geräten vertraut, was bei den Praxen in Starnberg, Landsberg und Gilching nicht der Fall sei. Dass die Ärzte in Gilching zudem noch zwölf Euro pro behandelten Patient bezahlen sollen, setzt dem Ganzen nach Meinung Hofmanns die Krone auf. Er weiß, dass sein schriftlich bei der KVB vorgebrachter Protest keinen Erfolg haben wird. Klein beigeben will er dennoch nicht.

Für die Kassenärztliche Vereinigung ist derweil alles im Lot: „Der Betrieb in den Bereitschaftspraxen ist gut angelaufen und auch die Auslastung des Fahrdienstes entspricht unseren Planungen“, sagte KVB-Sprecherin Birgit Grain am Freitag auf Anfrage des Starnberger Merkur. Konkrete Zahlen könnten nach so kurzer Zeit aber noch nicht mitgeteilt werden.

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