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„Als Nächstes wird geschossen“

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Von: Peter Schiebel

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Rund 70 Beamte waren am 25. Juli 2019 im Einsatz, um die Starnberger Polizeiinspektion vor einem Sturm durch aufgebrachte Jugendliche zu schützen. Auslöser war ein heute 16 Jahre alter Feldafinger, der sich weigerte, einen ausgesprochenen Platzverweis zu befolgen.  Foto: Michael Stürzer
Rund 70 Beamte waren am 25. Juli 2019 im Einsatz, um die Starnberger Polizeiinspektion vor einem Sturm durch aufgebrachte Jugendliche zu schützen. Auslöser war ein heute 16 Jahre alter Feldafinger, der sich weigerte, einen ausgesprochenen Platzverweis zu befolgen. © Michael Stürzer

Eine 57 Jahre alte Zeugin hat am zweiten Prozesstag um die Krawallnacht von Starnberg mit einer dramatischen Aussage aufhorchen lassen. Einer der Angeklagten (16) entschuldigte sich daraufhin noch im Gerichtssaal bei der Frau.

Starnberg – Der zweite Tag im Prozess um die Krawallnacht von Starnberg ging am Freitagnachmittag mit der dramatischen Zeugenaussage einer 57 Jahre alten Mutter zu Ende. Die Frau war an jenem 25. September 2019 aus einem ganz anderen Grund auf der Polizeiwache, als die Situation rund um die Festnahme eines damals 15 Jahre alten Feldafingers eskalierte.

Wie berichtet, müssen sich seit Donnerstag der Feldafinger sowie ein Herrschinger (16), ein Pöckinger (17), eine Seefelderin (17) und ein Berger (20) wegen zahlreicher Straftatbestände vor dem Amtsgericht verantworten, darunter Landfriedensbruch, Angriffe auf Vollstreckungsbeamte und versuchte Körperverletzung.

Was erlebte die Zeugin in der Inspektion?

Die 57 Jahre alte Zeugin schildert eindringlich, wie sie den Abend erlebt hat. Sie habe ihre Sohn treffen wollen, der sich wegen einer anderen Sache in Polizeigewahrsam befunden habe. Diese hat nichts mit den Ereignissen dieser Nacht zu tun. Gegen 21.30 Uhr sei sie mit der S-Bahn in Starnberg angekommen, anschließend mit dem Taxi zur Polizei gefahren. Im Vorraum des Gebäudes bekam sie die folgenden Ereignisse mit: wie die Sicherheitsleute die Polizei informierten, wie zwei Beamte rausgingen. „Nach einigen Minuten wurde es wahnsinnig laut“, schildert die Frau. „Es wurde gegen die Tür geschlagen und um Hilfe gerufen.“

Die beiden Polizisten seien mit dem Jugendlichen reingekommen, dahinter zwei Sicherheitskräfte. „Er hat geschrien und um sich geschlagen“, erinnert sich die Frau. Nachdem die Beamten mit dem Feldafinger in einem Gang verschwunden seien, habe sie ein „Poltern und Schreien“ gehört. Gesehen habe sie nichts, „aber in meiner Vorstellung hat er weiter gezappelt und Stühle umgeschmissen“.

Draußen sei es „während der ganzen Zeit höllisch“ zugegangen. „Es war ein immenser Krach. Ich habe gehört, wie gegen Fenster geschlagen wurde.“ Auch die Tritte gegen die Tür bekam sie mit. „Ich hatte das Gefühl, jetzt sind sie gleich drin.“

Zweimal sei ein Polizeibeamter alleine nach draußen gegangen – „das fand ich extrem mutig“, sagt die Frau. „Ich hätte mich das nicht getraut.“ Kurz nach 22 Uhr habe ein Beamter zu ihr gesagt, dass aus dem Gespräch mit ihrem Sohn an dem Abend nichts mehr werde. „Sie sehen ja, wir haben ein großes Problem“, habe der Polizist gesagt und: „Wir können Ihre Sicherheit nicht mehr garantieren. Am besten, Sie gehen nach Hause. Als Nächstes wird geschossen.“ So habe sich der Beamte ausgedrückt, versichert die Frau auf eine Nachfrage von Rechtsanwalt Georg Heilmeier. Wie sie sich gefühlt habe, will Richter Ralf Jehle wissen. „Es war beängstigend, grauenvoll.“

Der angeklagte Herrschinger dreht sich nach der Aussage der Frau zu und entschuldigt sich. Er hat bereits zugegeben, vor einem Jahr ein Fenster der Polizeistation eingeschlagen zu haben. „Ich möchte mich herzlich entschuldigen“, sagt er. „Ich bin sprachlos. Es tut mir megaleid.“ Er habe damals nicht gewusst, dass sich in der Dienststelle auch Zivilpersonen aufhalten. „Die Entschuldigung nehme ich an“, sagt die 57-Jährige.

Was ist mit dem Schlag eines Polizisten?

Unmittelbar nach der Krawallnacht waren Videoaufnahmen aufgetaucht, die auch den Schlag eines Polizisten gegen einen der angeklagten jungen Männer vor der Inspektion zeigen sollen. Die Ermittlungen gegen die eingesetzten Beamten wurden laut Staatsanwaltschaft „mangels Tatnachweises“ eingestellt. Während des Prozesses wird der vermeintliche Schlag aber noch mal thematisiert.

Rechtsanwalt Marco Zeininger, der den 20-jährigen Berger vertritt, spricht davon, dass der Schlag auf den Videos „unübersehbar“ sei – und erntet damit entschiedenen Widerspruch der Staatsanwältin. „Das ist kein Faustschlag“, sagt sie. „Man sieht exakt, dass es eine flache Hand ist, die gegen den Heranwachsenden geht.“ Der Polizist habe den Angeklagten also weggestoßen – und nicht geschlagen. Richter Jehle kommt nach mehrmaligem Ansehen des Videos und von Standbildern zum selben Schluss. „Die Hand war offen“, sagt Jehle.

„Es war ein Stoß mit der flachen Hand und kein Schlag“, bekräftigt der eingesetzte Polizist (32). Der Angeklagte sei in dem Tumult vor der Dienststelle den Beamten zu nahe gekommen. „Damit muss man dann rechnen.“

Was geschah in der Polizeidienststelle?

Die Anklage wirft dem 16-jährigen Feldafinger auch vor, einen 27 Jahre alten Polizeibeamten mit dem Rücken und dem Ellenbogen gegen eine Wand gestoßen und dadurch Schmerzen zugefügt zu haben. Das soll passiert sein, als der Beamte die Fesselung des Feldafingers gelockert habe, weil dieser über Schmerzen geklagt habe. Der 27-Jährige bekräftigt vor Gericht diese Version.

Er sei zu dem Zeitpunkt mit dem Angeklagten allein gewesen, weil die Kollegen zur Sicherung des Gebäudes gerufen worden seien. Ihm sei es nach der Attacke aber gelungen, dem gefesselten Feldafinger „den Boden unter den Füßen ausheben zu können“, sagt er. Nachdem sich der Jugendliche wieder beruhigt habe, habe er ihn auf einen Stuhl gesetzt – und anschließend zusammen mit einem Kollegen in die Haftzelle gebracht. Der Feldafinger bestreitet den Vorwurf, den Beamten attackiert zu haben. „Das stimmt nicht“, sagt er zu Beginn des Prozesses, nachdem er zuvor weite Teile der Anklage bestätigt hatte.

Ob es Schläge seitens der Polizei gegen den Feldafinger gegeben habe, will Richter Jehle von den Polizisten wissen. „Nein. Null. In keiner Weise“, sagt der 27-Jährige. Ähnlich äußert sich ein weiterer Polizist (23). „Definitiv zu keinem Zeitpunkt“, antwortet er. Dass der Feldafinger seinen Kollegen bewusst gegen die Wand gestoßen hat, will er in der Deutlichkeit aber nicht sagen. Der Jugendliche sei jedenfalls „recht aggressiv und unkooperativ“ gewesen, betont er.

Dass es auch nach der Festnahme des Jugendlichen in den Räumen der Inspektion hoch her ging, ist unstrittig. Am Freitag sagt ein 17 Jahre alter Spezl des Feldafingers aus. Der junge Mann lebt in Frieding und war ihm und den Polizisten zur Inspektion gefolgt. „Ich wollte meinem Freund helfen“, sagt er. Der Friedinger bot sich der Polizei als Zeuge an und befand sich deswegen im Vorraum der Inspektion, als draußen die Stimmung immer aufgeheizter wurde – zeitweise zusammen mit der 57-Jährigen. Sein Freund habe laut um Hilfe gerufen, sagt er. Während die Beamten ihn in einen anderen Raum gebracht hätten, seien in einem Flur alle Bilder heruntergefallen.

Wie geht es in dem Verfahren weiter?

Nachdem am ersten Tag der Feldafinger, der Herrschinger und die Seefelderin zum Teil Geständnisse ablegten (wir berichteten), schweigen der Pöckinger und der Berger beharrlich. Dieses Verhalten sei in einem Jugendgericht „nicht besonders üblich“, sagt Richter Jehle. Es sei natürlich das gute Recht der Angeklagten, keine Aussage zu machen, so könnten sie allerdings auch keine Pluspunkte sammeln.

Ihre Anwälte Marco Zeininger und Winfried Folda wollen von ihrer Strategie auch nach einem vertraulichen Gespräch mit Richter und Staatsanwältin vorerst nicht abrücken. Folda spricht von „sehr krassen Vorwürfen, die in Jugendverfahren nicht üblich“ seien. Erwiesen seien sie auch nicht, ergänzt Zeininger.

Hinter verschlossenen Türen tauschen die Parteien rund 20 Minuten lang ihre Positionen aus – offenbar ohne Annäherung. „Die Staatsanwaltschaft hat bekannt gegeben, dass sie auf die Verhängung von Jugendstrafen plädieren wird“, sagt Jehle im Anschluss. Dabei spielten auch Arreste eine Rolle.

Der Prozess wird am kommenden Donnerstag fortgesetzt. Dann werden möglicherweise auch die Urteile gesprochen.

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